Besinnlichkeit und Frohsinn: Wenn Christen sich begegnen

Besinnlichkeit und Frohsinn: Wenn Christen sich begegnen
Der Kirchentag in München ist mit einem Abend der Begegnung gestartet. Neben Musik und Tanz gab es Kulinarisches aus der Region, Besinnliches und viele ernste Anliegen.

Die Begegnung beginnt bereits in der Münchener U-Bahn, die an diesem Abend auch Kirchentagsexpress getauft werden könnte. Die Bahn ist brechend voll und viele Mitfahrer haben bereits orange Tücher um den Hals hängen, die sie als Kirchentagsbesucher ausweisen.

Und auch der Geist dieses Christentreffens liegt bereits in der Luft. Alles ist irgendwie etwas freundlicher und weniger aggressiv als sonst in rammelvollen Zügen. Man lächelt sich an, man kommt ins Gespräch. "Woher sind Sie? Ahh, Bremen. Das war auch ein toller Kirchentag im vergangenen Jahr." Sogar der Zugführer ist offenbar von der guten Stimmung angesteckt und amüsiert mit seinen Durchsagen: "Der nächst Halt ist Universität. Wer sich einschreiben möchte, könnte dann hier aussteigen. Wir kriegen dann vielleicht auch die Türen wieder zu. Wie sagt man so schön: ,So Gott will.'"

Stimmiger Auftakt

Es ist ein stimmiger Auftakt für den Kirchentag. Nach dem Eröffnungsgottesdienst verwandelt sich die Münchener Innenstadt in eine einzige Kirchentagswiese. Die verschiedenen Landesteile Bayerns wie etwa Oberfranken, Unterfranken, Oberbayern oder Schwaben haben eigene Bühnen erhalten, auf denen vor allem Nachwuchsmusiker auftreten und für Stimmung sorgen. Aber natürlich fehlen auf dem Kirchentag auch Top-Acts wie die A-Capella-Gruppe Wise Guys nicht, die inzwischen fester Bestandteil eines Kirchentags zu sein scheinen. Rund um die Bühen stehen kleine Stände, an denen sich Vereine vorstellen, für ihre Projekte werben und Kulinarisches aus der Heimat anbieten.

Vor einem Stand, an dem sich katholische und evangelische Christen aus Coburg präsentieren, hat sich eine Traube Mädchen gebildet. Sie bewundern Jonathan und Samuel Kettler. Die beiden Jugendlichen sind Weltmeister im Speed Stacking, einer Art Trendsport bei dem es darum geht, Plastikbecher möglichst schnell zu Pyramiden zu stapeln. "Speed Tacking passt hervorragend zu einem Abend der Begegnung", findet Waltraud Deutschmann, die es in der Seniorenklasse immerhin zur Speed-Stacking-Vizeweltmeisterin gebracht hat. "Sie sehen ja, wie sich junge und alte Menschen dafür begeistern können. Und die Jugendlichen sind in die Regel schneller als ihre Lehrer oder Eltern. Das gibt auch ein wenig Selbstvertrauen", sagt sie.

Die "Rauschbrille"

Um Becher geht es auch am Stand der Caritas. Statt Stapeln ist dort jedoch Umwerfen angesagt, was sich jedoch als nicht einfach erweist. Denn werfen darf nur, wer auch die "Rauschbrille" auf der Nase hat. "Die Brille simuliert die Sicht, die man bei etwa 1,3 Promille hat", verrät ein Mann am Stand. Sollte er Recht haben, sieht man verdammt wenig, jedenfalls scheitern die meisten Kirchentagsbesucher daran, auch nur einen Metallbecher mit einem Tennisball zu treffen. Und das, obwohl die Becher nur etwa drei Meter entfernt stehen. Als Teil der Suchtprävention versteht die Caritas das kleine Experiment und verkauft an ihrem Stand außerdem noch Kochbücher mit Gerichten, die nicht mehr als fünf Euro kosten und dennoch für Vier reichen sollen.

Vor der Heiliggeistkirche am Viktualienmarkt steht ein Mann mit Lodenhut und Trompete. "Always look on the bright sight of life" und "Waterloo" gehören zu seinem Repertoire, was wohl sein etwas augenzwinkernder Beitrag zum Kirchentag ist. In der Kirche selbst riecht es nach Weihrauch. Viele Menschen sitzen in den Bänken und beten oder stehen an einem der verschiedenen Stationen eines Parcours, die in der Kirche aufgestellt sind. An einer Station können die Besucher Fürbitten auf bunte Zettel schreiben und an eine Wäscheleine hängen. "Heiliger Geist, hilf meiner Tochter, ihre Krankheit zu überwinden", steht auf einem grünen Zettel. Und auf einem gelben: "Ich bitte für die Priester und Bischöfe, dass sie erkennen, dass sie Jesus verraten, wenn sie so weitermachen wie bisher." Die Ereignisse der letzten Woche bewegen auch die Kirchenbasis.

Michael Jackson und Matt Damon

Vor einer Pinnwand mit Bildern von Stars wie Rihanna, Menowin, Taylor Lautner, den Olson-Zwillinge, Barack Obama und Matt Damon stehen vier Mädchen, etwa 14 Jahre alt. Sie schneiden ein Bild von Michael Jackson aus einer Zeitschrift und heften es neben die anderen Stars. Dann falten sie die Hände und sprechen ein Gebet. "Für Michael, weil er viel zu früh gestorben ist", sagt eines der Mädchen sichtlich bewegt, während ein Chor Kyrie Eleison singt.

Ernst sind auch die Anliegen verschiedener Gruppen, die Flyer verteilen oder eigene Stände haben. Ein Mann engagiert sich gegen Gentechnik in der Landwirtschaft, ein anderer wirbt für erneuerbare Energien. Einige Iraner stehen vor dem Stand von Amnesty International und protestieren gegen Hinrichtungen in ihrem Heimatland.

Bei allem Ernst und der Besinnlichkeit steht aber vor allem der Frohsinn im Mittelpunkt des Abends der Begegnung. An jeder Ecke sitzen Jugendliche mit ihren Rucksäcken herum, spielen Gitarre und singen Lieder. Auf einer Bühne hinter der Residenz spielt ein bayerischer Trompetenchor während die Menge davor sich im Volkstanz versucht. Die Landjugend Asten veranstaltet ein Maßkrug-Schubsen und Wettmelken – wobei die Kuh nicht ganz echt ist - und Frauen in Trachten verteilen eine "ökumenische Versuchung", womit Äpfel gemeint sind.

Gemeinschaftsgefühl

Jonas Behnke und Cindy Schäfer, beide 20, sind mit Freunden aus ihrer Kirchengemeinde in Vreden zum Kirchentag gekommen. Schon die Hinfahrt mit dem Bus war für sie ein Gemeinschaftserlebnis und keinesfalls wollen sie auch das Nachtcafe in ihrer Unterkunft, einer Schule, verpassen, um sich mit anderen Jugendlichen auszutauschen und neue Menschen kennenzulernen. "Hier trifft man einfach Menschen, mit denen man auf einer Wellenlänge ist", sagt Jonas.

Ganz ähnlich sehen es auch Dagmar Oberfels und Gisela Hochfeld aus Essen. "Die eigene Gemeinde ist manchmal etwas leer. Da brauchen wir dann den Kirchentag, damit wir mal wieder merken, dass wir eine Gemeinschaft sind und nicht allein. Das hilft dann immer über die nächsten Monate hinweg."