Treffen ehemaliger Heimkinder: "Nicht mehr die Jüngsten"

Treffen ehemaliger Heimkinder: "Nicht mehr die Jüngsten"
Mit den Missbrauchsskandalen ist auch das Bewusstsein für die Leiden ehemaliger Heimkinder stärker geworden. Der Runde Tisch ist ein Schritt in die richtige Richtung - aber die heute erwachsenen Heimkinder sehen sich benachteiligt. Ihre Sache leide unter der Aufmerksamkeit für die Fälle von Kindesmissbrauch, sagt der Verein ehemaliger Heimkinder. Die öffentliche Debatte bringt aber auch viele Opfer dazu, ihre Angst vor Stigmatisierung zu überwinden und sich zu melden.

Seit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche klingelt bei Dirk Friedrich im südhessischen Rodgau das Telefon viel häufiger als zuvor. "Manche haben seit 45 Jahren nicht mehr über das Heim geredet. Viele weinen", berichtet das Vorstandsmitglied des Vereins ehemaliger Heimkinder (VEH). "Sie haben furchtbare Angst, sich zu outen." Trotz entsetzlicher Erfahrungen mit Prügeln, sexuellem Missbrauch, Mangelernährung, erzwungener Knochenarbeit und Bildungsentzug hätten sie nach wie vor mit dem Stigma Heimkind zu kämpfen: "Manche haben immer noch Angst vor Rache." Rund 100 der etwa 500 Mitglieder des VEH treffen sich am ersten Mai-Wochenende zu ihrer Jahreshauptversammlung in Mainz.

Der größte Zusammenschluss ehemaliger Heimkinder in Deutschland fordert von Staat und Kirche - den Hauptträgern der etwa 6.000 bis 7.000 Heime - Entschuldigungen und Entschädigungen. Die dabei von auch ins Spiel gebrachten 25 Milliarden Euro halten allerdings viele für völlig unrealistisch. Die Menschen, denen als Kinder Würde und Rechte genommen worden seien, müssten wenigstens in Würde alt werden können, sagt Friedrich. Rund 500.000 bis 800.000 junge Menschen sind Schätzungen zufolge nach dem Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 70er Jahre in Heimen aufgewachsen.

Kritik am Runden Tisch Heimerziehung

Viele hätten wegen ihrer Kindheitserfahrungen einen besonderen Horror vor Altenheimen", seien traumatisiert oder litten unter chronischen Krankheiten. "Wir sind alle nicht mehr die Jüngsten.
Irgendwann fallen wir in die Gruft, und das war es dann", mahnt Friedrich, der 1949 geboren wurde.

Friedrich, der schon als Baby ins Heim kam und bis zu einer Kochlehre in verschiedenen Einrichtungen entsetzliche Erfahrungen mit Gewalt und Demütigung gemacht hat, gehört zu den sieben früheren Heimkindern, die 2004 den VEH in Idstein gründeten. Etwa zwei Jahre später wandten sie sich mit einer Petition an den entsprechenden Ausschuss des Bundestages, der 2008 einen Runden Tisch unter Vorsitz der früheren Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) einsetzte. 2009 tagte das Gremium aus Vertretern von sozialen Verbänden, Kirchen und Staat erstmals. Im Januar dieses Jahres legte es einen Zwischenbericht vor, zum Jahresende sollen konkrete Vorschläge folgen.

"Die Kinder und Jugendliche waren oft rigiden, gewaltvollen und faktisch wie psychisch geschlossenen Systemen ausgeliefert - ohne die Möglichkeit, ihnen zu entkommen oder sich auch nur an irgendeiner Stelle wehren oder beschweren zu können", heißt es in dem Bericht unter anderem. Der VEH allerdings kritisiert das Papier, den Runden Tisch und dessen Vorsitzende scharf. "Die Täterorganisationen sitzen mit ihren Volljuristen am Tisch, die ehemaligen Heimkinder haben dem nichts mehr als ihre eigene Biografie entgegenzusetzen", hatte die VEH-Vorsitzende Monika Tschapek-Güntner vor dem letzten Treffen des Gremiums im April in Berlin moniert.

"Wir sind alle Einzelkämpfer"

"Wir wissen nicht, was da läuft. Da wird wieder über unsere Köpfe hinweg entschieden, was wir tunlichst zu machen haben", ergänzt Friedrich. Die Empfehlungen seien unverbindlich, behinderte Heimkinder spielten keine Rolle, und den früheren Heimkindern sei der gewünschte Rechtsbeistand nicht erlaubt worden. Unterschiedliche Positionen gibt es allerdings auch unter den Betroffenen selbst: Drei von ihnen sitzen unter den 22 Vertretern am Tisch, gehören dem VEH aber nicht mehr an. «"Wir sind alle Einzelkämpfer, aufgewachsen mit dem Hühnerhofprinzip", erläutert Friedrich.

Die Szene beginne sich zu differenzieren, formuliert es Pädagogik- Professor Christian Schrapper, einer von zwei Vertretern der Wissenschaft an dem Runden Tisch. Die Verhärtung der Fronten sei der Sache nicht dienlich, mahnt er. "Alle legen sehr großen Wert darauf, die Positionen der ehemaligen Heimkinder sehr ernst zu nehmen", berichtet der Forscher der Universität Koblenz, zu dessen Schwerpunkten die Heimerziehung gehört: "Am Runden Tisch bewegt sich viel." So sei etwa die katholische Kirche durch die aktuelle Missbrauchsdebatte noch einmal erheblich geschubst worden.

Von der schnellen Einsetzung des neuen Runden Tisches gegen sexuellen Kindesmissbrauch - noch dazu mit drei Ministerinnen - sehen sich die Heimkinder allerdings in ihrem Misstrauen bestätigt. "Die Zweiklassengesellschaft wird da wieder deutlich", sagt Friedrich. Sobald es um Verfehlungen an Kindern aus der Mittelschicht gehe, werde schnell reagiert, "und wir fallen wieder runter." Das Rücktrittsangebot des Augsburger Bischofs Walter Mixa, der eingestanden hatte, Heimkinder in seiner früheren Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen in Oberbayern geschlagen zu haben, sei dagegen kein Thema bei seinen Anrufern. "Das ist für viele von uns nur die Bestätigung der permanenten Scheinheiligkeit."

dpa