Kolumbien: Kritischer Journalismus ist lebensgefährlich

Kolumbien: Kritischer Journalismus ist lebensgefährlich
Kritische Journalisten haben in Kolumbien einen schweren Stand. Sie werden eingeschüchtert, bespitzelt und bedroht. Bereits drei Reporter wurden in diesem Jahr getötet.

Die Killer kamen abends um neun. Der kolumbianische Journalist Clodomiro Castilla saß vor seinem Haus und las ein Buch, als er am 19. März von acht Schüssen niedergestreckt wurde. Die Behörden hatten kurz zuvor den Personenschutz für den 49-Jährigen aufheben lassen. In der Provinzhauptstadt Montería war Castilla dafür bekannt, die Beziehungen zwischen Politikern und rechtsextremen Paramilitärs aufzudecken.

Nach dem Mord wurden mehrere Medienvertreter in der Karibikregion bedroht, ebenso Ermittler aus der Hauptstadt Bogotá, die das Verbrechen aufklären wollen. Der Journalistenverband veröffentlichte einen Hilferuf. Nach wie vor gehört Kolumbien für Journalisten zu den gefährlichsten Ländern der Welt. Bereits drei Reporter wurden in diesem Jahr getötet. Dutzende erhielten Morddrohungen, etliche wählten den Weg ins Exil.

Systematische Praxis der Einschüchterung

Unter dem rechts-autoritären Präsidenten Álvaro Uribe sind in dem Bürgerkriegsland neue Formen der Drangsalierung hinzugekommen: Öffentliche Einschüchterung durch Spitzenpolitiker und Bespitzelung durch den Geheimdienst. "Die systematische Praxis der Einschüchterung kritischer Journalisten ist in der Region ohne Vergleich", sagt Catalina Botero, die in der Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten als Berichterstatterin über die Pressefreiheit tätig ist.

Besonders skandalös findet sie den Fall von Claudia Julieta Duque, die wegen ihrer Recherchen zum Mord an einem Kollegen ins Visier der Behörden geriet. 2004 drohten Mitarbeiter des Geheimdiensts der Journalistin telefonisch an, sie würden ihre Tochter zerstückeln.

Daraufhin verließ Duque Kolumbien. Nach ihrer Rückkehr wurde sie unter den Schutz des Innenministeriums gestellt - doch später erfuhr sie, dass sie von ihren Leibwächtern ausspioniert worden war. Für ihre telefonischen Drohanrufe lagen den Geheimdienstlern detaillierte schriftliche Anweisungen vor.

In den Ermittlungsunterlagen fand die Journalistin einen Glückwunschbrief an ihre Peiniger mit dem Briefkopf des Präsidialamtes. "Die Lage ist weiterhin kompliziert", sagt Duque heute. "Sie wollen mich zum Schweigen bringen."

"Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie"

Auch der Filmemacher Hollman Morris kann von Drohungen und Schikanen berichten: "Einmal hat man mir einen Trauerkranz vor die Tür gelegt, um mich einzuschüchtern." Morris erregt durch seine Recherchen über Menschenrechtsverletzungen immer wieder den Unmut der Regierung. Mehrfach wurde er vom Staatschef und seinen Ministern als Sympathisant der FARC-Guerilla bezeichnet - etwa, weil er im Februar 2009 drei Polizisten und einen Soldaten in Geiselhaft vor ihrer Freilassung durch die Rebellen interviewt hatte.

Am 27. April reichte Morris eine Verleumdungsklage gegen den früheren Verteidigungsminister Juan Manuel Santos ein, der am 30. Mai zum Staatspräsidenten und Nachfolger Uribes gewählt werden möchte. Dabei kommen dem Journalisten Unterlagen der Staatsanwaltschaft zugute, in denen ihm die ehemaligen Geiseln korrektes Verhalten bescheinigen.

Was wie ein Krimi anmutet, ist mittlerweile aktenkundig: Duque und Morris wurden jahrelang vom Geheimdienst abgehört und mit ihnen eine ganze Reihe ihrer Kollegen ebenso wie mindestens 300 hohe Richter, Staatsanwälte, Menschenrechtsaktivisten und Oppositionspolitiker.

Regierungsfreundliche Medienmacher hingegen werden hofiert und mit umfangreichen Anzeigen belohnt. Unter diesem "stillschweigenden Abkommen" leide das Recht auf Information immer mehr, meint Cecilia Orozco Tascón von der liberalen Tageszeitung "El Espectador". Uribe verfolge eine "Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie".

epd