Abenteurer Rüdiger Nehberg wird 75 Jahre alt

Abenteurer Rüdiger Nehberg wird 75 Jahre alt
Rüdiger Nehberg hat eine Vision: Gegen die genitale Verstümmelung von Mädchen möchte er gemeinsam mit dem saudischen König Abdallah ein Banner auf dem heiligen Platz in Mekka aufstellen.

Rüdiger Nehberg wanderte durch nordafrikanische Wüsten und den brasilianischen Urwald. Auf einem massiven Baumstamm überquerte er den Atlantik und lief 1.000 Kilometer ohne Nahrung und Ausrüstung durch Deutschland. Jetzt im Alter ist Nehberg etwas langsamer geworden, sein Knie ist aus Metall und die Ohren sind fast taub. Doch seine Energie ist ungebrochen, und er hat eine Vision: Gegen die genitale Verstümmelung von Mädchen möchte er gemeinsam mit dem saudischen König Abdallah ein Banner auf dem heiligen Platz in Mekka aufstellen. Nehberg wird am 4. Mai 75 Jahre alt.

"Früher war ich nur Abenteurer - dann kam der Sinn hinzu"

Eigentlich ist Nehberg Konditormeister. Doch seit er 1990 seine Backstube verkaufte, backt er auch privat keine Torten mehr - so sehr ihn Ehefrau Annette auch darum bittet. Bekannt wurde Nehberg vor allem als Abenteurer. Schon mit 17 Jahren fuhr er mit dem Fahrrad nach Marokko, um Schlangenbeschwörung zu lernen. "Was ist hinter der nächsten Düne?" war stets seine Frage. Doch wer Neues entdecken will, muss sich auf seine Ur-Instinkte besinnen. So übte Nehberg das Überleben in der Wildnis. Sein "Survival" trug ihm den Namen "Sir Vival" ein - Titel seines neuen Buches.

20 Jahre lang kämpfte er für ein Schutzgebiet der brasilianischen Yanomami-Indianer. Zur Vorbereitung lief er 1.000 Kilometer durch Deutschland und ernährte sich von Gräsern, Heuschrecken und einem frisch überfahrenen Eichhörnchen. Dann ließ er sich nur mit einem Überlebensgürtel bestückt im brasilianischen Urwald absetzen. Unermüdlich blies er auf seiner Mundharmonika, bis die Yanomami ihn fanden und als Freund aufnahmen. Medienwirksam überquerte er auf einem Baumstamm und einem Tretboot den Atlantik. Vor zehn Jahren erhielten die Yanomami ein Schutzgebiet.

Dass er angesichts der vielen Gefahren überhaupt 75 Jahre alt wird, hält Nehberg für ein großes Glück. "Das wundert mich manchmal selbst." Er hat Überfälle am Blauen Nil überlebt, bei denen sein Freund erschossen wurde. Dennoch sieht er seine medienwirksamen Abenteuer auch kritisch. Er hätte schon früher mit der Menschenrechtsarbeit beginnen sollen, sagt er heute. "Früher war ich nur Abenteurer. Dann kam der Sinn hinzu."

Auch Christen praktizieren genitale Verstümmelung

Heute ist der Kampf gegen die genitale Verstümmelung der Frauen in Nordafrika sein Lebensthema. Auf einem Wüstentrip 1977 begegnete er erstmals einer verstümmelten Frau, die von ihrem Stamm geflohen worden war. Als er dann vor zehn Jahren das Buch "Wüstenblume" von Waris Dirie las, hat ihn das Thema richtig gepackt. "Beschneidung" sei ein völlig falsches Wort, so Nehberg. "Beschnitten werden Männer oder Obstbäume, bei Frauen ist das ein Schlachten." In 35 überwiegend muslimischen Ländern wird die genitale Verstümmelung heute noch praktiziert - auch von Christen. Immer werde die falsche Begründung angeführt, es stehe in den heiligen Schriften.

Sein bislang größter Erfolg war nach seinen Worten eine Konferenz mit den höchsten Würdenträgern des Islam im November 2006 in der Al-Azhar-Universität Kairo. Am Ende erklärten sie den Brauch zu einem Verbrechen, das unvereinbar ist mit der Ethik des Islam.

Bei seiner Überzeugungsarbeit kamen Nehberg seine zahlreichen Reisen durch die Wüste zugute. "Ich bin doch selbst beinahe ein Beduine." Er habe in islamischen Ländern überwiegend gute Erfahrungen gemacht, egal ob im Gefängnis von Jordanien oder bei Überfällen auf seine Karawane, wo Beduinen ihn beschützt hätten. Maßlos ärgert es ihn, wenn behauptet wird, der Islam sei nicht dialogfähig. "Ich habe überall offene Arme und offene Herzen gefunden."

"Dann wissen es fast alle"

In Kunstleder hat sein Verein "TARGET" ein Rechtsgutachten (Fatwa) gegen die Verstümmelung drucken lassen. Das Vorwort schrieb der ägyptische Großmufti Ali Gom'a. Das Verbot der Verstümmelung, davon ist Nehberg überzeugt, könne nur mit der ethischen Kraft des Islam erreicht werden.

Nehberg gehört keiner Religion an. Er glaube an eine einzige große Schöpfungskraft, deren Perfektion er im Urwald kennengelernt habe, sagt er. Alle Religionen hätten ihre Schattenseiten, Naturreligionen ebenso wie Islam oder Christentum. Einen Gottvater, der seinen Sohn Jesus foltern lässt, könne er sich nicht vorstellen.

Aber Nehberg könnte seinen Grundsätzen untreu werden, wenn der saudische König ihm seinen Traum erfüllt. Auf einem Riesenbanner möchte er in Mekka die Fatwa gegen die Verstümmelung veröffentlichen. Eine Fotomontage hängt bereits in seinem Haus, einer ehemaligen Mühle in Rausdorf bei Hamburg. Vier Millionen Menschen würden an ihrem Heiligtum lesen, dass die genitale Verstümmelung den Werten des Koran widerspricht. "Dann wissen es fast alle." Es könnte gut sein, sagt Nehberg, dass er dann Muslim werde.

epd