Die Aramäer: Ende einer Glaubensgemeinschaft?

Die Aramäer: Ende einer Glaubensgemeinschaft?
Es leben nicht mehr viele Christen in der Türkei. Umso größer ist die Sorge, mit der sie jetzt nach Mor Gabriel blicken. Das syrisch-orthodoxe Kloster, mehr als 1.600 Jahre alt, ist von Enteignung bedroht. Bischof Samuel Aktas führt einen verzweifelten Kampf um den Mittelpunkt der aramäischen Gemeinde.

Sie haben gekämpft, sie haben die Gerichte bemüht und Europa um Hilfe gebeten. Sollte all dies umsonst gewesen sein? All der Einsatz vertane Mühe? Bischof Samuel Aktas hält inne. Er räuspert sich. "Nein!" sagt er. "Wir geben nicht auf. Das letzte Wort ist längst nicht gesprochen." Samuel Aktas steht dem aramäischen Kloster Mor Gabriel am Tur Abdin im Südosten der Türkei vor, einem der ältesten christlichen Klöster der Welt. Es ist älter als die Hagia Sophia, älter als jede Kirche auf dem Berg Athos. Der Heilige Samuel soll es 397 nach Christus gegründet haben.

"Wir werden nichts unversucht lassen"

Doch ausgerechnet Mor Gabriel droht jetzt die Enteignung. Ein Bezirksgericht in Midyat kam Ende Juni 2009 zu dem Schluss, die Mönche hätten sich widerrechtlich Grundbesitz angeeignet. Das Land, auf dem Mor Gabriel seine Mauern errichtete, sei Waldgebiet und gehöre somit dem Staat. Samuel Aktas entgegnet, die Besitzansprüche seien dokumentiert. Für die Ländereien zahlten die Aramäer seit 1937 Grundsteuer an den türkischen Staat. Das Kloster nutze dieses Land seit Jahrhunderten.

Nun soll ein Berufungsgericht in Ankara Klarheit schaffen. Anfang Oktober 2009 vertagten die Juristen die Entscheidung. Für die Aramäer geht es wieder einmal um alles: um ihre Daseinsberechtigung in einer Nation, deren Bewohner zu 99 Prozent Muslime sind. Es ist das wohl letzte Kapitel in einem erbitterten Rechtsstreit, der sich nun schon über Monate und Jahre erstreckt. "Wir werden nichts unversucht lassen", sagt Samuel Aktas. Der Bischof hat gelernt, zu kämpfen. Er hat Unterstützer auf der ganzen Welt gefunden und Widerstand mobilisiert. Schon vor einem knappen Jahr hat er eine Delegation aus Europa empfangen.

Begegnung am "Berg der Gottesknechte"

20 Männer und Frauen saßen an jenem Morgen auf Plastikstühlen, links die Gläubigen aus den umliegenden aramäischen Dörfern, die Mönche und der Bischof mit seiner schwarzen Kappe mit 13 Kreuzen, eines für Jesus, zwölf für die Apostel; rechts Anwälte aus Europa, Journalisten, eine Vertreterin der deutschen Botschaft. Zwei Welten begegneten sich am Tur Abdin, dem "Berg der Gottesknechte": die Welt des Geistes und des Gebets auf der einen Seite und die Welt der Politik auf der anderen. Die Juristen tippten Nachrichten in Blackberrys und dozierten über "Agenda-Setting" und "Synthese-Effekte". Samuel Aktas versteht nicht immer, wovon die Leute aus Europa sprechen. Aber er weiß, er braucht sie, um sein Kloster zu retten.

Die Aramäer vom Tur Abdin gehören zu den ersten Völkern, die sich zu Jesus Christus bekannten. Von hier machte sich das Christentum auf, Europa zu erobern. 300.000 Gläubige lebten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Südosten der Türkei. Doch im Ersten Weltkrieg wurden Zehntausende Aramäer von der osmanischen Armee ermordet und vertrieben. Später, in den achtziger und neunziger Jahren, gerieten sie im türkisch-kurdischen Bürgerkrieg zwischen die Fronten. Viele flohen ins Ausland, 40.000 alleine nach Deutschland. 3.000 Aramäer leben heute noch am Tur Abdin. Ihre letzte Hoffnung ist Mor Gabriel. Die Enteignung des Klosters würde auch das Ende dieser Glaubensgemeinschaft in der Türkei bedeuten.

Wie eine Decke legt sich die Hitze über das Land. Mönche in schwarzen Kutten eilen aus der Klosterkirche. Aus dem Brunnen vor dem Kirchenportal schöpft eine Nonne Wasser. Samuel Aktas hat die Beine übereinandergeschlagen und die Arme verschränkt. Er fährt mit der Hand über seinen dichten, grauen Bart. Eine Frau setzt Tee auf. Im Hof spielen Kinder. Der Streit um Mor Gabriel ist längst keine innertürkische Angelegenheit mehr. Er stellt die Toleranz der Türkei im Umgang mit Minderheiten auf die Probe. Die deutsche Botschaft in Ankara hat sich eingeschaltet, die Europäische Union schickt Prozessbeobachter. In dem Verfahren gegen Mor Gabriel wird auch die Europatauglichkeit der Türkei verhandelt.

Morgenritual in Mor Gabriel

Morgens um fünf schlägt dumpf die Kirchenglocke. Samuel Aktas reibt sich den Schlaf aus den Augen. Es muss trotz allem weitergehen, irgendwie. In der Klosterkirche versammelt sich die Gemeinde zum Gottesdienst. Zwei Tücher mit Heiligenporträts schmücken die Wände aus Sandstein. Die Mönche stehen um Stelen, auf denen die Gebetsbücher liegen. Die Messdiener singen ein trauriges Halleluja. Die Stimmen der Chöre dringen bis in den Hof.

Weihrauch erfüllt den Raum. Die goldenen und bläulichen Flammen der Kerzen erzittern leise. Es riecht nach Wachs und verkohlten Dochten. Mit müden, aber eifrigen Lippen spricht der Bischof ein Gebet. Er verbeugt sich vor dem Altar, dann verlässt er die Kapelle. Die Gemeinde folgt ihm zum Frühstück in den Speisesaal. Teller klirren. Durch die Fenster fallen ein paar fahle Streifen des Morgens. Die Nonnen reichen Käse, Tomaten und Oliven. Männer und Frauen essen getrennt. Behutsam schlürfen sie den heißen Tee. Dann machen sie sich an die Arbeit.

Einst 500 Mönche, jetzt noch drei

500 Mönche sollen in Mor Gabriel gelebt haben, heute sind es nur noch drei. Gemeinsam mit vierzehn Nonnen stemmen sie sich beharrlich gegen den Untergang. Die Frauen waschen, kochen und putzen. Die Männer arbeiten auf dem Feld. Weinstöcke wachsen im Garten, Pistazien- und Olivenbäume. Die Sonne brennt. Ein Maultier zerrt den Pflug durch den steinigen Acker. An den Wänden kleben still, schwarz und satt die Fliegen.

Mor Gabriel liegt auf einem Hochland aus Kalkstein, das sich bis tief ins biblische Tigris-Tal erstreckt. Eine kilometerlange Mauer umschließt das Kloster. Die Legende besagt, dass die Weisen aus dem Morgenland bei ihrer Rückreise aus Bethlehem den Glauben hierhergebracht haben. Am Horizont leuchtet schneebedeckt der Berg Cudi, über den die Muslime sagen, hier sei die Arche Noah gelandet.

Die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren

Samuel Aktas seufzt. Seine Augen sind groß, schwarz, träge und halbverhüllt von schweren Lidern. Seine breite Stirn fächert und furcht sich wie zerknittertes Pergament. Er sitzt auf einem Schemel in der Klosterstube und entfaltet eine Zeitung. Sie riecht wie die Lampe. Durch die Vorhänge bricht das goldene Licht eines frühen Nachmittags. Der Bischof legt die Zeitung auf den Boden und schließt die Augen. Er hat wenig geschlafen in den vergangenen Wochen. Die Politik hat ihn eingeholt mit all ihren Falltüren, Ränkespielen, Winkelzügen. Beinahe täglich besuchen türkische und ausländische Politiker, Anwälte und Lobbyisten das Kloster.

"Wir müssen die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren", sagt Johny Messo, Präsident des aramäischen Interessenverbandes Syriac Universal Alliance. Seit Februar pendelt er zwischen seinem Büro in Holland und Mor Gabriel. Der Mittdreißiger hat schütteres Haar, ein jugendliches Gesicht und einen Laptop unterm Arm. Er schreibt Pressemitteilungen, telefoniert mit Journalisten, organisiert Demonstrationen. "Europa kann nicht zusehen, wie die letzten Aramäer aus der Türkei vertrieben werden", sagt Messo. Der Präsident baut ein Stativ und eine Kamera vor Samuel Aktas auf. Er will das Interview später auf der Internetplattform YouTube veröffentlichen. "Wir brauchen maximalen Support."

Samuel Aktas beugt sich über Aarons Manuskript. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Er genießt Momente wie diesen: Wenn er Abt sein kann und nicht Politiker sein muss. Aktas gibt kurze Anweisungen. Der Bischof unterrichtet nicht selbst. Das tun die Mönche. Doch er kommt regelmäßig ins Klassenzimmer, um nach dem Rechten zu sehen. Auch in diesen Tagen, da er jeden Tag zwanzig Stunden schuften muss, um alles zu bewältigen.

"Wir haben die Argumente, sie die Macht"

Aktas war selbst Schüler in Mor Gabriel. Er hat in New York Theologie studiert. Seit den frühen siebziger Jahren ist er Abt, seit 1985 auch Bischof. Als er das Kloster übernahm, stand es vor dem Aus. Der Krieg zwischen Türken und Kurden hatte seinen Höhepunkt erreicht. Nachts verlangten Rebellen der kurdischen Terrororganisation PKK nach Brot. Am nächsten Morgen fragten türkische Soldaten an der Klosterpforte nach den kurdischen Kämpfern. Mönche wurden verschleppt, gefoltert und ermordet. Doch Samuel Aktas machte den Gemeindemitgliedern Mut. Er sammelte Spenden aus dem Ausland, ließ eine Mauer um das Kloster bauen und die Kirche renovieren. Er pflanzte Pinien, legte Gärten an und eröffnete Gästezimmer. Pilger kamen, um sich von den Nonnen mit heiligem Wasser segnen zu lassen. "Wir haben gelernt zu kämpfen", sagt Samuel Aktas.

Samuel Aktas hofft, der Druck aus dem Ausland könnte den türkischen Staat doch noch zum Einlenken bewegen. Bisher unterstützt die muslimisch-konservative AK Partei von Ministerpräsident Erdogan die Kläger. Der Bischof deutet auf die Fotokopie einer alten osmanischen Urkunde: ein Beleg für den Landbesitz des Klosters. Es gibt andere Dokumente von 1937. Juristisch steht das Kloster nicht schlecht da. Doch was zählt das schon? "Wir haben die Argumente, sie haben die Macht", sagt Samuel Aktas.

Im Westflügel des Klosters sitzt eine Gruppe Jugendlicher über alten Manuskripten. Mit den Fingerspitzen streichen sie über die bunten Miniaturen. Sie lesen die Briefe an die Korinther und die Offenbarung des Johannes und studieren die Kommentare, die sich am Rand drängen. 30 Schüler leben im Kloster. Sie kommen aus den Nachbardörfern, aus der Schweiz und aus Deutschland. Sie lernen Alt-Aramäisch, die Sprache Jesu. Der 16-jährige Aaron ist vor eineinhalb Jahren von Göppingen in die Türkei gezogen. Sein Vater ist Aramäer. Der Sohn sollte die Sprache seiner Vorfahren sprechen. Jeden Tag übersetzt Aaron alte Schriften, betet, singt Lieder. Sein Zimmer teilt er sich mit sechs Schülern. "Ich habe hier ein ganz anderes Leben als in Deutschland", sagt er.

Katholischer Priester ermordet

Schon im vergangenen Jahr hatten drei umliegende kurdische Dörfer dem Kloster einen Großteil seines Landes streitig gemacht. In der Klageschrift hieß es, das Kloster würde Land besetzen, auf dem zuvor eine Moschee stand, die Grenzen der kurdischen Dörfer verletzen und Kinder zum Zwecke der Mission religiös ausbilden. Abt und Mönche wollten das Vaterland spalten. Der Ton erinnerte an die Propaganda, die 2006 zur Ermordung eines katholischen Priesters in Trabzon führte. "Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hätte keine Angst", sagte Samuel Aktas damals. Im Mai entschieden die Richter im Sinne des Klosters.

Anders im aktuellen Verfahren. Das Kloster habe keinen rechtmäßigen Anspruch auf das Land, urteilte das Bezirksgericht in erster Instanz. "Diese Enteignung ist nicht gerechtfertigt", sagt David Gelen, Vorsitzender der Föderation der Aramäer in Deutschland. "Das Erschreckende ist auch die Gleichzeitigkeit der Prozesse, eine Prozessflut, eine Situation der Einschüchterung."

Wieder muss Samuel Aktas Mor Gabriel retten. Er versucht mit aller Kraft, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Er hetzt von Termin zu Termin. Hält Predigten, gibt Interviews, trifft Politiker. Nachmittags eröffnet der Bischof eine aramäische Kirche in einem Nachbardorf, Hunderte Gläubige sind gekommen. Zum Gottesdienst kann Samuel Aktas nicht bleiben. Der Gouverneur der Provinzhauptstadt Mardin wartet. Er will mit dem Bischof über die Zukunft Mor Gabriels sprechen. Samuel Aktas sagt, er wisse nicht, ob sich sein Einsatz am Ende lohnen werde. "Aber sicher ist: Wir werden kämpfen bis zum Schluss."

In Deutschland hat sich ein Bündnis für Mor Gabriel formiert. Näheres erfahren Sie hier.


Dieser Text erschien erstmals im August 2009 im evangelischen Magazin "chrismon".