"Hart aber fair": Missbrauch in der Kirche

"Hart aber fair": Missbrauch in der Kirche
Das muss man erst mal schaffen. Während die ganze Republik am Mittwoch gebannt – und viele auch mit Trauer – auf die Ereignisse in der evangelischen Kirche blickte, lenkte Frank Plasberg sein Augenmerk auf die andere Fakultät: Die katholische Kirche und die Debatte über vertuschte Missbrauchsfälle.

Es war mutig, dieses emotionale Thema anzugehen - und richtig. Die Sendung geriet allerdings phasenweise aus dem Ruder. Einerseits weil "Bild"-Reporter Andreas Englisch, eine Art Journalist gewordenes HB-Männchen, seine Emotionen nicht im Griff hatte und andererseits Norbert Denef, der als Kind von einem Pfarrer missbraucht worden war, es nur schwer ertragen konnte, wenn neben seinen Hauptanliegen auch über andere Aspekte, etwa das Zölibat diskutiert wurde. Nur mühsam konnte Plasberg Denef am Ende dazu bewegen, die Sendung nicht zu verlassen. Allein das war an diesem Abend eine Leistung des Moderators.

Die Hauptkontrahenten des Abends hatte die Redaktion wohlweislich auseinander gesetzt. Am einen Ende des Tisches saß Denef, am anderen Ende Weihbischof Hans-Jochen Jaschke. Denef klagte an, und es war erschütternd. Jahrelang war er von einem Pfarrer missbraucht worden, als er sich offenbarte, wurde er von seiner Familie im Stich gelassen. Aber auch von der Kirche. Jahrelang kämpfte er dafür, dass die Kirche das ihm erlittene Unrecht anerkennt und Wiedergutmachung leistet. Sogar an den Papst habe er sich gewandt, klagte Denef. Der aber habe nur geantwortet: "Ich bete für Sie, dass sie vergeben können." Einen Selbstmordversuch hat Denef nach eigener Aussage daraufhin unternommen. Was er berichtete, zeigte drastisch, was Missbrauch mit den Opfern anrichtet. Es zeigte aber vor allem, dass Vertuschung bedeutet, das Verbrechen zu wiederholen oder,  - sogar noch schlimmer -  es fortzusetzen. (Die Homepage von Norbert Denef finden Sie hier.)

Großer Patzer

Einen echten Patzer konnte Frank Plasberg in diesem Zusammenhang in der Sendung gerade noch ausbügeln. Er zitierte aus einer Erklärung eines Bistums, vermutlich Magdeburg, in der dieses sinngemäß erklärte, die Denef angebotete Zahlung eines "Schweigegeldes", sei ein Fehler gewesen. (Eine Erklärung des Bistums dazu finden Sie hier.). Ebenfalls aus der Erklärung des Bistums stammte zudem die Aufforderung, Denef zu fragen, ob es diesem um Aufklärung oder um finanzielle Interessen gehe, sagte Plasberg. Dies sorgte für Fassungslosigkeit beim Publikum. Allein: Plasberg hatte sich geirrt. Nicht das Bistum, sondern ein Zuschauer hatte diese dreiste Aufforderung der Erklärung hinzugefügt und der Redaktion gemailt. Ein Fehler, der eigentlich nicht passieren darf. Am Ende der Sendung klärte Plasberg das Missverständnis auf.

Wacker schlug sich Weihbischof Jaschke. Geduldig, beinahe stoisch, erklärte er, die Kirche habe längst einen neuen Weg eingeschlagen. "Wir sind seit Jahren dabei, aufzuklären. Seit dem Jahr 2002 haben wir Richtlinien, die ein klares Verfahren bei Verdacht auf einen Missbrauch beschreiben", sagte er. Jedes Bistum haben einen Missbrauchsbeauftragten, es werde alles versucht, "die Wahrheit ans Licht zu bringen".

Strukturelle Änderungen?

Dass die Kirche dabei ihre eigenen Wege geht, wurde indes auch klar und sorgte bei Bascha Mika, Exchefredakteurin der "tageszeitung" für erhöhten Puls. Dass die Kirche Verdachtsfälle nicht in jedem Fall selbst zur Anzeige bei der Staatsanwaltschaft bringe, erregte sie. Gerade vor diesem Hintergrund bezweifelte sie, dass die Kirche "wirklich strukturell" etwas geändert habe. Zudem sprach sie sich für eine Abschaffung des Zölibats aus, das frauenfeindlich und sexualfeindlich sei.

Die Sendung drohte trotz der Ernsthaftigkeit des Themas an dieser Stelle beinahe ins Lächerliche zu kippen. Heiner Geißler, der zu jedem Thema etwas sagen kann und diesmal als ehemaliger Jesuitenschüler geladen war, bemühte sich, den Ursprung des Zölibats theologisch und kirchenrechtlich zu erklären. Bei seinem Proseminar konnten ihm aber wohl die wenigsten Zuschauer folgen – was allerdings nicht heißt, er habe Unrecht gehabt. Weihbischof Jaschke hingegen redete davon, Sexualität müsse "sublimiert" und auf eine "höhere Ebene" gebracht werden, dann könne man "unglaubliche Leistungen" erbringen. Leider vergaß Plasberg an dieser Stelle zu fragen, welche "unglaublichen Leistungen" Jaschke, der seit 40 Jahren zölibatär lebt, so vollbracht hat in seinem Leben.

Realsatire

Für die peinlichsten Momente sorgte aber immer noch Andreas Englisch. Er redete sich in Rage, wirkte dabei aber wie die Karikatur eines Papstfans. Statt auf Priestern herumzuhacken, müssten die Leistungen gewürdigt werden. "Kümmern Sie sich morgen um ein Waisenkind in Sao Paulo oder Rio de Janeiro", fragte er Plasberg und antwortete gleich selbst. "Nein! Aber eine Ordensschwester oder ein Priester wird es morgen tun." Das Zölibat verteidigte er sinngemäß sogar damit, dass er den Lebensalltag eines Priesters in der dritten Welt schilderte, der gar keine Zeit für eine eigene Familie habe. Es war Realsatire und gab der Sendung einen – wenn auch nur kleinen – faden Beigeschmack.

Unterm Strich gelang es Plasberg jedoch, das emotionale Thema Kindesmissbrauch sachlich und aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Auch die Einspielfilme, sonst manchmal überflüssige Spielerei, waren erhellend, etwa wenn ein Therapeut erklärte, wie schwer sich Missbrauchsopfer damit tun, sich überhaupt zu offenbaren. Man ahnte, es liegt noch vieles im Dunkeln bei dem Thema. Umso besser, dass "Hart aber fair" mal einen Scheinwerfer hineingehalten hat. Ein Ergebnis gab es immerhin. Jaschke und Denef sprachen sich beide dafür aus, die Verjährung von Missbrauch im Zivilrecht zu ändern, damit Opfer auch nach vielen Jahren noch Entschädigungen einklagen können. Man darf gespannt sein, ob die beiden gemeinsam etwas erreichen werden.