Abgehängt vom "Avatar": Kultur bleibt auf der Strecke

Abgehängt vom "Avatar": Kultur bleibt auf der Strecke
Die Zeiten für kleine, unabhängige Kinos sind schwer: Die Digitalisierung und politische Auseinandersetzungen gefährden die Existenz kleiner Lichtspielhäuser. Der Filmkunst droht das finanzielle Aus.

Über den Tischen des Cafés im Duisburger Programmkino "Filmforum" hängen schwarz-weiße Porträtfotos von klassischen Leinwandstars: James Dean, Marlon Brando, Lauren Bacall. Auf einem großen Panoramafoto wartet Marlene Dietrich während Dreharbeiten auf ihre nächste Szene. Hier stehen die Filme im Mittelpunkt, nicht Popcornstände und Espressobars wie in vielen Multiplex-Palästen. Im nächsten Jahr könnte damit Schluss sein: Sparmaßnahmen der Stadt gefährden den Fortbestand des ältesten kommunalen Kinos in Deutschland. Und um moderne digitale Technik anzuschaffen, fehlt erst recht das Geld.

Obwohl es der deutschen Kinobranche insgesamt im vergangenen Jahr so gut ging wie schon lange nicht mehr, sind die Zeiten für kleine, unabhängige Kinos schwer. Schon oft totgesagt, zuletzt nach dem Boom der Multiplex-Kinos Ende der 1990er Jahre, könnten viele Traditionstheater diesmal wirklich auf der Strecke bleiben.

Finanzielle Herausforderungen für kleine Lichtspielhäuser

Beispiel Duisburg: Von der in den 1950er Jahren blühenden Duisburger Kinolandschaft mit mehr als 60 Theatern sind nur noch ein Multiplex von UCI (United Cinemas International) und das Filmforum übrig. Ein von der Stadtverwaltung vorgeschlagenes Sparpaket sieht vor, ab 2011 den städtischen Zuschuss für das Programmkino von etwa 300.000 Euro jährlich zu streichen. Das wäre das Aus.

Aber auch kleine Lichtspielhäuser, die nicht am Tropf städtischer Zuschüsse hängen, stehen vor immensen finanziellen Herausforderungen: Hollywood treibt die Produktion digitalisierter Filme voran. Und um Filme wie "Avatar" in 3D zeigen zu können, müssen die Kinos ihre Technik auf digitale Projektion umstellen. 120.000 Euro würde etwa das Duisburger Filmforum diese Investition kosten. Bisher sind nach Schätzungen erst rund 15 Prozent der Leinwände in Deutschland auf Digitaltechnik und etwa sieben Prozent auch auf 3D-Filme eingestellt.

Blockadehaltung der großen Kino-Ketten

Ursprünglich wollten Bund, Länder und die Filmförderungsanstalt dafür bundesweit 100 Millionen Euro zuschießen, flächendeckend an Kinos jeder Größe. Durch weitere Bedingungen, die der Verband der Kinobetreiber stellte, platzte dann dieser Plan. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) will nun ein neues Modell auf den Weg bringen, das nur noch den Kinos helfen soll, die von den großen Ketten unabhängig sind. Damit reagiert er auf die Blockadehaltung vor allem des Kinounternehmens UCI, das es sich leisten kann, seine Säle auf eigene Kosten umzurüsten.

"Bei manchen Vertretern dieser Ketten findet eiskaltes ökonomisches Denken statt", sagte Neumann der Tageszeitung "Die Welt". Wenn kleinere Kinos aufgrund wegbleibender Besucher schließen müssten, käme das UCI und anderen Ketten wie Cinemaxx zugute, bei denen Filmkunst nur eine geringe Rolle spielt.

Wer heute nicht die neueste Technik hat, um Kassenschlager wie "Avatar" in digitalem 3D zu zeigen, wird wirtschaftlich schnell abgehängt werden, sind viele überzeugt. "Entweder sie machen als Mittelständler ihr Kino zu oder sie rüsten auf", sagt Friedrich Gerber, Betreiber der Lux Lichtspiele, dem einzigen Kino in Hilden bei Düsseldorf, "eine Marktbereinigung ist unumgänglich."

Nicht nur bei der Digitalisierung, auch bei der Filmabgabe, die alle Kinobetreiber und auch Fernsehsender an die Filmförderungsanstalt zahlen müssen, blockieren die Ketten. Mit Geld aus der Filmabgabe unterstützt die Filmförderungsanstalt deutsche Produktionen und deren Verleih sowie kleinere Kinos, etwa bei Renovierungen.

Kultur könnte auf der Strecke bleiben

Weil die Fernsehsender die Höhe ihrer Filmabgaben bisher anders als die Kinos selbst verhandeln konnten, klagten die Ketten vor dem Bundesverwaltungsgericht. Während einige der großen Betreiber die Zahlung der Abgaben in der Zwischenzeit unter Vorbehalt stellten, zahlte UCI gar nicht mehr. Staatsminister Neumann reagierte Ende Januar mit einem Entwurf für ein geändertes Filmförderungsgesetz. Es soll Filmtheater und TV-Sender bei der Abgabe gleichstellen. Naumann hofft, dass das die richterliche Entscheidung überflüssig macht.

Finanziell sind die großen Kinoketten wohl auf der sicheren Seite. Die Kultur könnte aber auf der Strecke bleiben, wenn es etwa in einer Großstadt wie Duisburg keinen Ort mehr für Filmkunst, sondern nur noch für Blockbuster gäbe. Und in vielen Kleinstädten gar kein Kino mehr.

epd