"Sind uns fremd geworden": Wölfe kehren zurück

"Sind uns fremd geworden": Wölfe kehren zurück
Sebastian Koerner und Klaus Puffer streifen durch den Schnee. Es knirscht unter ihren Schuhen, sie gehen bedächtig, fast schleichen sie. Die Wolfsexperten haben ihre Augen auf den Boden gerichtet. Sie suchen nach Spuren, Überbleibseln von gerissenen Tieren, Kot- und Urinresten.

Auf und rund um den Truppenübungsplatz Altengrabow im Osten Sachsen-Anhalts leben derzeit sieben Wölfe, darunter fünf Jungtiere. Die Männer freuen sich, dass es wieder Wölfe in Deutschland gibt. Nach den Anfängen in der sächsischen Oberlausitz ist "Isegrim" mittlerweile auch in Brandenburg und Sachsen-Anhalt heimisch. In Niedersachsen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern wurden ebenfalls schon Wölfe gesehen.

"Aus den Spuren kann man auf die Mitgliederzahl der Wolfsfamilie schließen", sagt Biologe Koerner, der für das Wildbiologische Büro Lupus in Spreewitz (Sachsen) arbeitet. "Die Wölfe haben es auf dem Truppenübungsplatz sehr gut." Alle zwei bis vier Wochen zieht es die beiden Männer auf das weiträumige Areal bei Altengrabow. Koerner ist vom Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt mit der wissenschaftlichen Beobachtung der Tiere, dem sogenannten Monitoring, beauftragt. "Frischer Kot eignet sich für eine gentechnische Analyse", sagt der 47-Jährige. "So können die einzelnen Tiere unterschieden werden und man kann feststellen, ob es sich um reinrassige Wölfe handelt und woher sie stammen."

Lebensraum für Wölfe: Ländliche Kulturlandschaften

Der Bestand wird deutschlandweit auf etwa 60 Tiere geschätzt, in Europa sind es etwa 20.000. Fünf Jungtiere brachte eine Wölfin im Mai 2009 auf dem Militärübungsplatz nahe der Landesgrenze Sachsen-Anhalts zu Brandenburg zur Welt. Nur einen Monat später erschoss ein Jäger illegal den Vater. Im September 2009 fanden Koerner und Puffer dann zum ersten Mal Spuren eines neu zugewanderten Rüden. Die erwachsenen Wölfe stammen wahrscheinlich aus der Lausitz oder aus Ostpolen. Solche ländlichen Kulturlandschaften eignen sich nach Ansicht des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) bestens als Lebensraum für die Wölfe.

"Ein Rudel benötigt etwa ein Gebiet von 300 Quadratkilometern", erläutert Markus Bathen, Wolfsexperte beim NABU in Berlin. "Ich bin sicher, dass auch ständig Einzeltiere durch das Land streifen. Denn um einen Partner und ein eigenes Revier zu finden, ziehen einige Wölfe bis zu 1.500 Kilometer weit." Er rechnet nicht damit, dass sich das Rudel irgendwann wieder aus Sachsen-Anhalt zurückzieht. "Sollte das Gebiet um Altengrabow vom jetzigen Wolfspaar aufgegeben werden, würde es mittel- bis langfristig wieder besiedelt werden."

"Die Natur hat das klug eingerichtet"

Umso wichtiger ist es, den Wolfsbestand genau zu beobachten. Das Lupus-Büro hat dafür sechs Kameras installiert. Koerner nennt sie scherzhaft Fotofallen. "Sie reagieren auf die Körperwärme der Tiere", sagt der Biologe. Mit dieser technischen Raffinesse sind dem Experten schon viele Schnappschüsse gelungen. Die Langzeitbeobachtung mit GPS- Sendern würde zusätzliche Informationen liefern. "Den Aufenthaltsort eines Altwolfes jederzeit bestimmen zu können, wäre der Idealfall. Dann würden wir genau wissen, wie groß das Altengrabower Territorium ist." Doch das ist eine Frage des Geldes. "Wir hoffen auf das kommende Jahr."

Blut im Urin der Mutterwölfin zeigt Koerner und Puffer, dass sie wieder läufig wird. Ein gutes Zeichen, dass es im Frühling wieder Nachwuchs geben wird. Viele Kritiker glauben, dass die Anzahl der Tiere außer Kontrolle gerät. Abschüsse durch Jäger sind aber gar nicht nötig. "Die Jungwölfe wandern mit knapp zwei Jahren ab, und das Elternpaar verteidigt sein Revier gegen fremde, erwachsene Wölfe", sagt Förster Puffer. So verteilen sich immer wenige Wölfe auf großer Fläche. "Die Natur hat das klug eingerichtet."

NABU-Experte Bathen macht sich Sorgen. "Ich frage mich, ob die Menschen den Wolf, den sie einst ausgerottet haben, heute akzeptieren können." Immer wieder werden die Beutegreifer illegal geschossen. "Sie sind nach 150 Jahren zurückgekehrt und uns deshalb fremd geworden." Der NABU hat deshalb den Aktionsplan "Willkommen Wolf!" aufgestellt. "Es muss in vielen Köpfen noch viel passieren", sagt Bathen.

dpa