Im Hebräischen klingt vieles immer noch Deutsch

Im Hebräischen klingt vieles immer noch Deutsch
Beim Aufstehen drückt der Israeli morgens im Dunkeln auf den "Schalter", nimmt einen "Biss" von seinem Frühstücksbrot und einen "Schluck" Kaffee: Mehr als 60 Jahre nach Israels Staatsgründung wimmelt die hebräische Sprache immer noch vor deutschen Ausdrücken wie diesen. Nach dem Frühstück fährt Israel Israeli - wie Otto Normalverbraucher auf Hebräisch heißt - dann mit dem "Oto" zur Arbeit und benutzt beim Abbiegen den "Winker" (Blinker), bei Regen auch den "Wischer".

Viele Wörter, die jüdische Einwanderer zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts aus ihrer deutschen Heimat mitgebracht haben, sind bis heute tief in der Sprache der modernen Israelis verwurzelt. Der israelische Sprachforscher und Journalist Ruvik Rosenthal erklärt, man müsse allerdings unterscheiden zwischen Wörtern, die direkt aus dem Deutschen stammen und solchen, die über das Jiddische ihren Weg ins Hebräischen fanden.

"Besonders im Bau- und Ingenieurswesen, der Architektur und Installation kommen fast alle Wörter direkt aus dem Deutschen", sagt der 64-jährige Rosenthal, dessen Eltern beide aus Deutschland stammen. Mitgebracht wurden die Ausdrücke insbesondere von der "fünften Alija", der Einwanderungswelle aus Deutschland stammender Juden nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933.

Deutsche brauchen kein Wörterbuch bei Autoreparatur in Israel

Arbeitet Israel Israeli auf dem Bau, hat er dort vielleicht einen "Spachtel" in der Hand oder verpasst einem Gebäude einen neuen "Spritz". Mit seinen Kollegen spricht er womöglich auch von Isolierband, Beton, Gummi, Dibel (Dübel), Leiste, Schieber und "Tapet". Viele Fachwörter wie "Schnurgerist" (Schnurgerüst) und "Stichmaß" sind allerdings auch dem normalen deutschen Muttersprachler nicht unbedingt geläufig.

Der israelische Elektriker spricht bei seiner Arbeit von "Erdung" und "Kurzschluss", natürlich mit starkem hebräischem Akzent. Bei der Autoreparatur in Israel brauchen auch Deutsche üblicherweise kein Wörterbuch, denn fast alle Bezeichnungen klingen vertraut: Auch aus arabischen Ländern stammende Mechaniker werfen dort lässig mit Ausdrücken wie "Kupplung", "Kugellager" und "Drucklager" um sich.

Deutsche Juden waren entscheidend am Aufbau des Bildungssystems in Israel beteiligt, daher sind auch viele hebräische Ausdrücke in Schule und Hochschule Übersetzungen aus dem Deutschen. Kleine Kinder gehen in den "Gan Jeladim" (Kindergarten), ältere lernen im "Tichon" (Mittelschule). Sportliche Schüler machen in der Turnstunde den ganzen "Spagat".

@-Zeichen erinnert an Teigrolle aus Habsburger Zeiten

Im Sommer erlauben die Kinder sich gegenseitig manchmal einen "Leck" von ihrem Eis. Wenn sie dabei kleckern, müssen sie sich von ihren Müttern mitunter ein rügendes "Fujah" (Pfui) anhören. Ältere Leute brauchen auch in Israel nachmittags ihre "Schlafstunde", um wieder neuen "Schwung" zu bekommen und "gesunte" zu bleiben. Bekommen sie dennoch medizinische Probleme, haben diese oft einen deutschen Namen, wie etwa der "Hexenschuss" oder der "Plattfuss". Beim Arzt bekommen sie gegen die Wehwehchen ein "Rezept" verschrieben.

"Viele Israelis wissen gar nicht, dass solche von ihnen verwendete Ausdrücke aus dem Deutschen stammen", erklärt Rosenthal. Sogar das täglich in E-Mails verwendete @-Zeichen hat in Israel einen deutschen Namen: "Strudel" - Ein israelischer Ingenieur verlieh dem Zeichen in den 1960er Jahren diesen Namen, weil es ihn an die gleichnamige Teigrolle aus Habsburger Zeiten erinnerte.

"Sof tov hakol tov" - Ende gut, alles gut

Laut Rosenthal werden heute in der Alltagssprache noch bis zu 300 deutsche Wörter verwendet, abgesehen von mehreren hundert Wörtern aus dem Jiddischen, die ihren Ursprung auch im Deutschen haben. Er hat mehrere Wörterbücher verfasst, in denen auch der deutsche Einfluss im Hebräischen nachgezeichnet wird. Darin werden viele Redewendungen erwähnt, wie etwa "Sof tov hakol tov" (Ende gut, alles gut).

Vor 100 Jahren war Deutsch als internationale Wissenschaftssprache so dominant, dass es zwischen Juden im damaligen Palästina sogar zum "Krieg der Sprachen" kam. Die Hilfsorganisation deutscher Juden beschloss 1913, in der ersten technischen Hochschule der jüdischen Einwanderer - später das Technion in Haifa - Deutsch als Unterrichtssprache zu verwenden. Dies löste einen Sturm der Empörung bei Zionisten aus, die Hebräisch als Symbol der Rückkehr des jüdischen Volkes in seine Heimat sahen. Auf Druck der Geldgeber wurde schließlich beschlossen, die Studenten doch auf Hebräisch zu lehren, obwohl die biblischen Sprache nur einen sehr beschränkten technischen Wortschatz bot.

Doch bis heute kommen Israel-Besucher auch auf der Straße kaum an den deutschen Einflüssen vorbei: Die Schrotthändler schreien immer noch lauthals "Alte Sachen, Alte Sachen", wenn sie mit ihren Pferdekutschen durch Tel Aviv fahren.

dpa