Zu hohe Löhne im sozialen Arbeitsmarkt?

Zu hohe Löhne im sozialen Arbeitsmarkt?
Das Programm Jobperspektive soll Langzeitarbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt bringen. Die Teilnehmer erhalten den ortsüblichen Lohn. Unternehmen zeigen kaum Interesse.

Unabhängig vom Auf und Ab in der Wirtschaft gibt es Menschen, die praktisch keine Chance haben, einen regulären Job zu finden. Ende 2007 hat die damalige Bundesregierung für diese Gruppe ein Programm aufgelegt, das ihnen helfen soll: die Jobperspektive. Ein sozialer Arbeitsmarkt für 100.000 Jobs sollte entstehen. Gut zwei Jahre später sind es rund 40.000.

Diese Zahlen präsentierte der Deutsche Caritasverband in Berlin. Er hat als erster Verband Erfahrungen mit dem Förderprogramm auswerten lassen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit will im Frühjahr eine Auswertung vorlegen.

38.000 Dauerarbeitslose waren im August 2009 über die Jobperspektive in Arbeit gekommen, 42.000 bis Dezember. Die Jobs werden fast ausschließlich von Wohlfahrtsverbänden und den Kommunen geschaffen, in geringem Umfang auch beim Handwerk oder im Dienstleistungssektor, "in der Industrie aber gar nicht", sagt Markus Pohlmann von der Universität Heidelberg, der die Untersuchung geleitet hat.

Unternehmen wollen sich nicht belasten

Weder der hohe Lohnzuschuss von 75 Prozent noch die Möglichkeit, den geförderten Arbeitnehmer unbefristet beschäftigen zu können, locken die Unternehmer. "Mit solchen Beschäftigten will sich keiner mehr belasten", lässt sich der Leiter eines Jobcenters anonym zitieren. Ein Personalentwickler aus einem Industriebetrieb sagt: "Wer wollte sich Minderleister auch noch freiwillig ins Haus holen?" Das von der großen Koalition entwickelte Programm verfehlt damit zumindest ein zentrales Ziel: Es sollte nicht vermittelbare Arbeitslose an den ersten Arbeitsmarkt annähern helfen.

Wer im Jobperspektive-Programm unterkommt, erhält den ortsüblichen Lohn, arbeitet also zu deutlich besseren Bedingungen als ein Ein-Euro-Jobber. Das vergleichsweise hohe Lohnniveau in einem auf Dauer angelegten sozialen Arbeitsmarkt könnte sich nach Ansicht der Caritas aber kontraproduktiv auswirken.

Arbeitgeber scheuten sich, trotz der für sie günstigen Förderung, die wenig produktiven Arbeitslosen neben Normal-Erwerbstätigen zu beschäftigen, sagt Caritas-Generalsekretär, Georg Cremer. Zum Anderen könne gerade die Entlohnung im Rahmen der Jobperspektive verhindern, dass Langzeitarbeitslose langfristig ein normales Beschäftigungsverhältnis ansteuern, weil sie dort weniger verdienten. Er forderte, das Programm "nachzuschärfen". Ähnlich den Ein-Euro-Jobbern sollten auch Jobperspektive-Beschäftigte statt der tariflichen oder ortsüblichen Entlohnung nur einen Zuverdienst zu ihrem Arbeitslosgeld II erhalten.

Perspektive hilft den Menschen

Ohne Frage werde ein sozialer, geförderter Arbeitsmarkt gebraucht, sagte Cremer. Zuverlässig und besser als Ein-Euro-Jobs erzielt die Jobperspektive, den Caritas-Daten zufolge, die sogenannten sekundären Effekte: Durch die regelmäßige Arbeit verbessert sich der Gesundheitszustand der Arbeitslosen, ihr Tagesablauf, ihre sozialen Kontakte und natürlich ihre finanzielle Lage. 70 bis 80 Prozent finden ihren Job gut, sind froh, wieder zu arbeiten und fühlen sich ermutigt.

85 Prozent der Geförderten arbeiten Vollzeit für 1.100 bis 1.600 Euro Bruttolohn im Monat. Mehr als zwei Drittel sind älter als 40 Jahre, ledige und geschiedene Alleinstehende machen fast dreiviertel der geförderten Dauerarbeitslosen aus. Ihr größtes Problem sind gesundheitliche Schäden, zwei Drittel geben dies als Grund für ihre Dauerarbeitslosigkeit an. Viele haben Drogen- oder Alkoholkarrieren hinter sich, ein Viertel hat Schulden. Auf dem normalen Arbeitsmarkt hat fast keiner von ihnen eine Chance.

epd