Zivilcourage: "Kein Urteil bringt meinen Bruder zurück"

Zivilcourage: "Kein Urteil bringt meinen Bruder zurück"
Fabian Salar Saremi starb im Herbst 2008 in Bensheim, nachdem er sich in eine Disko-Schlägerei eingemischt hatte. Er zeigte Courage und bezahlte dafür mit dem Leben: Die Täter hatten ihn niedergeschlagen und auf der Straße liegen lassen, wo ihn ein Taxi überrollte. Jetzt hat das Landgericht Darmstadt sein Urteil gesprochen. Der Prozess wirft ein bezeichnendes Licht darauf, wie viel gesammeltes Leid eine solche – in den Worten des Richters – "verrohte" Tat erzeugt.

Nach der Urteilsverkündung im Fall Fabian Salar Saremi waren Tränen das bestimmende Moment im Landgericht in Darmstadt. Schon während Richter Sagebiel das Urteil wegen "gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und Aussetzung mit Todesfolge" verkündete, schüttelte unterdrücktes Weinen den Angeklagten Volkan T., dessen Anwalt anderthalb Stunden vorher noch seinen Freispruch gefordert hatte. Drei Jahre und drei Monate Jugendstrafe für Volkan T., drei Jahre und sechs Monate Jugendstrafe für Haydar M. und sechs Jahre Haft für dessen Vater Erdogan M.: Das war das Strafmaß, das die Kammer den Angeklagten zumaß, mehr als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Während die beiden Angeklagten M. das Urteil eher reglos aufnahmen, flossen bei Volkan T., seiner Mutter, seiner Verlobten Tränen der Verzweiflung.

Tränen flossen auch über die Gesichter des Vaters und der Schwester von Fabian Salar Saremi, als das Urteil gesprochen war. Es waren keine Tränen der Freude. Viel eher zeigte sich in ihren Gesichtern, dass die Last des Gerichtsprozesses endlich abgefallen war, aber auch, dass der Tag der Plädoyers und des Urteils noch einmal auf schonungslose Weise die Ereignisse vom Morgen des 28. September 2008 vor ihrem inneren Auge entstehen ließ.

Was war damals geschehen?

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In der Nacht zum 28. September 2008 hatten sich die Angeklagten gemeinsam in die Diskothek "Fantasy" in Bensheim aufgemacht. Für Haydar M. war es das erste Mal, dass er mit seinem Vater Erdogan M. feiern ging, seit sich seine Eltern 2001 getrennt hatten. Mit dabei waren Haydars Onkel Ekbar M. (er war vor dem Prozess in die Türkei zurückgeflogen) und Volkan T., ebenfalls Familienmitglied. Sie tranken zwei, drei oder auch vier Drinks – Mixgetränke, Whisky-Cola, Bier – aber keiner der drei war richtig betrunken, da waren sich die Angeklagten und die Gerichtsmedizinerin einig.

In der Disko tanzte Haydar M. eine der Disko-Besucherinnen so aufdringlich an, dass sie sich genötigt sah, das abzulehnen. Haydar M. ließ nicht locker, "möglicherweise um seinen Vater und seinen Onkel zu beeindrucken", wie der Richter in der Urteilsbegründung mutmaßte. Wie auch immer – der Freund der jungen Frau war wenig begeistert von Haydars Avancen und stellte sich dazwischen. Dann muss alles ziemlich schnell gegangen sein: Erdogan und Ekbar M. begannen, auf ihn einzuschlagen, "aufhören! aufhören!" rief die Freundin.

"Ich bin der Erdogan, merk dir das!"

Auch Fabian Salar Saremi war an dem Abend mit einem Freund im Fantasy. Sein Vater beschrieb ihn während des Prozesses als "hilfsbereit und ein guter Mensch", und an Mut und Hilfsbereitschaft mangelte es dem kräftig gebauten 29-Jährigen nicht an dem Abend: Er mischte sich ein, um einem Unbekannten zu helfen, zog die beiden Angreifer weg, es kam zu einem Tumult. "Ich habe gemerkt, dass da irgendeine Schlägerei war", sollte der DJ später im Prozess sagen, weshalb er die Musik aus- und das Licht einschaltete. Der Türsteher und der Geschäftsführer des "Fantasy" baten die Familie M. aus der Disko, Volkan T. ging mit raus – in seinem Auto waren sie gekommen.

Bevor die Tür hinter ihnen zufiel, sagte Erdogan M. zum Türsteher noch: "Die schmeißt du jetzt aber auch raus!", was der bestätigte. Die Angeklagten blieben vor der Disko stehen, sie sagen, um noch eine zu rauchen. Um auf Salar Saremi und seinen Freund G. zu warten, sagt das Gericht. Als die beiden aus der Disko kamen, gingen die vier auf sie los.

Während G. die Flucht gelang, blieb Salar Saremi von den Schlägen und Tritten der vier Angreifer eingekeilt. Sie schlugen ihn nieder, die vier wandten sich zum Gehen, dann rappelte sich Saremi noch einmal auf, möglicherweise warf er den Angreifern noch einen Fluch nach. Haydar M. drehte sich um, ging zurück und trat Saremi nieder – "wie ein Fußballer beim Elfmeter", hieß es in einer Zeugenaussage. Dann traten alle vier noch weiter auf den jungen Mann ein und ließen ihn morgens um 5 Uhr regungslos auf der Straße liegen, wo ihn anschließend ein Taxi überrollte, im die Rippen brach und die Leber zerquetschte. "Ich bin der Erdogan, merk dir das!", rief Erdogan M. ihm noch zu.

Vier Wochen später starb Fabian Salar Saremi im Krankenhaus an multiplem Organversagen.

Keine Spur von Reue und Bedauern

"Die Beweissituation ist glasklar", sagt der Vorsitzende Richter Sagebiel bei der Urteilsverkündung. "Allein die Tatsache, dass man mit mehreren Personen zuschlägt, ist schon gefährliche Körperverletzung." Dadurch, dass sie Salar Saremi einfach liegen ließen, haben sie ihn in eine hilflose Lage gebracht und die möglichen Gefahren für dessen Leben in Kauf genommen. Der einzige Punkt zu Gunsten der Angeklagten sei, dass sie nicht vorbestraft waren, darüber hinaus aber seien sie voll schuldig, keiner der drei habe sich zurückgehalten. Volkan T. protestiert, wird von Richter Sagebiel scharf ermahnt. Auch er habe sich voll beteiligt, die Zeugenaussagen seien eindeutig.

Zudem zeigten die Angeklagten während des Prozesses keine Spur von Reue oder Bedauern. Haydar M. sei zwar der geständigste der drei gewesen, aber zugleich auch derjenige, der noch einmal umdrehte, um Salar Saremi "den Rest zu geben", erläutert der Richter. Auch auf einen anderen Aspekt geht er ein: Erdogan M. habe im Verhältnis zu den beiden damals 18-Jährigen ein erhöhtes Maß an Verantwortung und gerade als Vater von Haydar M. eine Vorbildfunktion gehabt. Das Bewusstsein dafür fehlte, vielmehr sei die Tat geradezu "verroht" gewesen. Zu sechs Jahren Haft, 14 Monate mehr als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte, verurteilte ihn dafür das Gericht.

Konflikte lieber vermeiden statt sich verprügeln

Es war auch ein Tag voller Gegensätze. Nach dem Urteil stürzten sich die beiden Kamera-Teams vom (öffentlich-rechtlichen) Fernsehen wie Geier auf die Familie Saremi, interviewten sie noch unter dem Eindruck der Plädoyers und des Urteils und hielten schonungslos drauf, während Vater und Schwester die Tränen über die Wangen liefen. Dagegen waren die Familien der Angeklagten lange im Gerichtssaal geblieben und dann schnell verschwunden – sie wollten schnell weg, sich nicht den schonungslosen, metallischen Blicken der Kameras stellen.

Einen anderen Gegensatz hatte Richter Sagebiel noch während des letzten Verhandlungstages aufgegriffen. Denn die Verarbeitung des Prozesses in den Medien stieß ihm sauer auf: "Wir haben hier den Tod eines jungen Menschen zu verhandeln, nicht seinen Charakter", fauchte er in den Gerichtssaal. Die offensive Öffentlichkeitsarbeit der Familie, insbesondere der Schwester, schade dem Verfahren. Damit warnte der Richter auch vor der Verklärung Fabian Salar Saremis: "Dass er Zivilcourage zeigte, das unterstreichen wir, aber es steht außer Frage, dass er sich vor der Diskothek falsch verhalten hat." Er hätte beispielsweise durch die Hintertür gehen können, um dem Konflikt aus dem Weg zu gehen.

Aber die Schuld liegt nicht beim Opfer. "Die Angeklagten wissen, dass jegliche Selbstjustiz verboten ist", sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer, und trotzdem haben sie Fabian Salar Saremi "aufgelauert, um ihm eine Abreibung zu verpassen".

Gewalt führt nur zu Leid und Trauer

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Am Ende stand ein Urteil der Kammer, das über der Forderung der Staatsanwaltschaft lag und sicher auch unter dem Eindruck der aktuellen Fälle von tragisch endender Zivilcourage als Warnung steht: Gewalt führt immer nur zu Leid und Trauer, für alle Beteiligten. Das ist es auch, was nach dem Urteil eine tränenüberströmte Salome Saremi, die Schwester des Verstorbenen, vor den gnadenlosen Kameras noch einmal deutlich machte: "Ich finde es wichtig, dass Leute wissen, dass durch Gewalt Menschen umkommen." Es ist auch ein Aufruf, zumindest Zeuge zu sein statt aus Angst gar nichts zu unternehmen, nicht einmal zur Polizei zu gehen.

Salome Saremi hat nach dem Tod ihres Bruders mit ihrem Vater und anderen Bensheimern den Verein "Fabian Salars Erbe – Toleranz und Zivilcourage" ins Leben gerufen, auch um solche Tragödien wie die, die sie selbst erlebt hat, in Zukunft zu verhindern. Denn auch das härteste Urteil eines Gerichts kann nichts wieder gut machen. Salome: "Es bringt meinen Bruder auch nicht zurück."


 

Hanno Terbuyken ist Redakteur bei evangelisch.de, zuständig für die Ressorts Gesellschaft und Wissen.