Lust am Provokanten - Doris Lessing wird 90

Lust am Provokanten - Doris Lessing wird 90
Vor zwei Jahren wurde Doris Lessing mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Am Donnerstag wird die britische Schriftstellerin 90 Jahre alt - und feiert im kleinen Kreis.

Doris Lessing winkt ab. Über den Literaturnobelpreis wolle sie nicht mehr reden. "Dieses Ding" nennt sie die höchste Auszeichnung der Literatur, die sie vor zwei Jahren bekommen hat. "Nachdem ich gewonnen habe, habe ich nichts anderes mehr getan, als zu reden. Mein Job ist aber Schreiben", sagt Lessing in einem Telefongespräch. Die britische Autorin hat noch nie viel auf Auszeichnungen und Ehrungen gegeben. Auch jetzt, zu ihrem 90. Geburtstag am Donnerstag, gibt es keine große Party.

Die große alte Dame der englischen Literatur mag den Rummel nicht, weder um ihren Geburtstag noch um den Nobelpreis. Zudem spürt sie auch das Alter. Nach einem Schlaganfall habe sie Mühe, sich zu konzentrieren, erzählt sie. Sie lebt mit ihrem Sohn in Nordlondon, um den müsse sie sich kümmern. Zum Schreiben komme sie nicht mehr. "Ich habe dazu keine Energie mehr, ich kann die Dinge nicht mehr machen, die ich tun will", sagt sie. Auch deshalb sei ihr Buch "Alfred und Emily", eine Geschichte über ihre Eltern, ihr letztes.

Schatten zweier Weltkriege

Dabei gibt es wenige Menschen, die so viel zu erzählen haben. Die langen Schatten zweier Weltkriege, unglückliche Kindheit, gescheiterte Ehen - Lessings facettenreiches Werk ist zum großen Teil durch eigene Erfahrungen beeinflusst. Vor allem ihre Kindheit in Afrika hat sie geprägt, das Leben britischer Kolonialherren dort und der Rassismus. So ist ihr Debütwerk "Afrikanische Tragödie" (1949) auch ein Drama über die Liebe zwischen Schwarz und Weiß und über unüberbrückbare Rassengegensätze. Wegen ihrer Kritik an der Apartheid und an dem Regime durfte Lessing jahrzehntelang nicht nach Simbabwe und Südafrika reisen.

Lessing sieht es als ihre Pflicht, zu provozieren und Missstände aufzuzeigen - oft mit dem Schalk im Nacken. So kritisierte sie die ruhmversessene Literaturszene, indem die damals schon berühmte Autorin "Das Tagebuch der Jane Somers" unter einem Pseudonym an Verlage schickte - das Werk wurde prompt abgelehnt.

Rebellisch war Lessing schon als Kind, aber auch tief unglücklich. 1919 kam sie als Tochter eines Kolonialoffiziers im Iran zur Welt, später zog die Familie nach Südrhodesien, das heutige Simbabwe. Der kriegsversehrte Vater betrieb dort erfolglos eine Maisfarm. Der Vater war verbittert, die Mutter frustriert, dass sie in Afrika "unter Wilden" nicht das feine englische Leben leben konnte. "Ich habe meine Mutter gehasst", sagte Lessing einmal. Trost fand sie in der Literatur, die sie verschlang.

Gescheiterte Ehen

Schon mit 19 Jahren heiratete Lessing den Kolonialoffizier Charles Wisdom, mit dem sie zwei Kinder bekam. Doch die Ehe scheiterte und Lessing verließ Wisdom und die Kinder - ein Thema über das sie bis heute nicht gerne spricht. Auf die Frage, ob sie die frühe Ehe bereue, sagt sie kurz angebunden: "Damals war Krieg, die Leute scheinen das zu vergessen."

Flucht suchte Lessing auch in der kommunistischen Bewegung. Dort lernte sie den deutschen Exil-Kommunisten Gottfried Lessing kennen, den sie 1944 heiratet und mit dem sie einen Sohn bekam. Über Gottfried ist Lessing auch mit dem Linken-Politiker Gregor Gysi verwandt, Gottfried Lessing war dessen Onkel.

Doch auch die zweite Ehe zerbrach, Lessing ging 1949 mit dem jüngsten Sohn Peter nach London und widmete sich ihrer Karriere als Schriftstellerin. Nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn wandte sie sich von den Kommunisten ab und kritisierte sie als bigott.

Das Thema Kommunismus spielt auch in ihrem komplexen Hauptwerk "Das goldene Notizbuch" (1962) eine Rolle - wenn auch eine untergeordnete. Denn weltweite Berühmtheit erlangte das Buch als "Bibel für Feministinnen". Lessing selbst hatte sich der Frauenbewegung jedoch nie angeschlossen und immer wieder dagegen argumentiert.

Triumph über Unkenrufe

Die Beziehungen zwischen Mann und Frau kommen aber auch in ihrem Roman "Die Kluft" zum Tragen. Lessing erzählt darin von einer heilen Welt ohne Männer, in der dicke Frauen in der Sonne faulenzen.
Probleme tauchen erst auf, als der erste Junge geboren wird. Ob sie eine Welt ohne Männer für die bessere hält? "Gott nein, was für ein schrecklicher Gedanke", ruft sie sofort aus.

Nach der Veröffentlichung von "Die Kluft" bekam Lessing - nach Jahrzehnten auf der "Warteliste" - den Literaturnobelpreis. Es war wohl eher ein Triumph über Unkenrufe, sie werde die Auszeichnung nie bekommen, weil die Akademie sie nicht leiden könne. Unvergessen bleibt der Moment, in dem Lessing an jenem Tag mit Einkaufstüten und zerzauster Knotenfrisur aus dem Taxi steigt und Reporter sie über die Ehre unterrichten. Damals bezeichnete Lessing die Auszeichnung als "Royal Flush", das höchste Blatt beim Pokern. Doch angenehm war ihr die Hysterie nicht - schon wenig später nannte sie den Preis mit gewohnter Ironie ein zeitraubendes "verdammtes Desaster".

dpa