Demos in Brasilien: "Unsere Kritik ist heute in aller Munde"

Protest against World Cup 2014

Foto: dpa/Abedin Taherkenareh

Protest in Rio de Janeiro kurz vor dem Eröffnungsspiel der WM am 12. Juni

Demos in Brasilien: "Unsere Kritik ist heute in aller Munde"
Auch wenn heute weniger Demonstranten gegen die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien auf die Straße gehen, werten die Initiatoren die Proteste als Erfolg. Es seien viele soziale Missstände aufgezeigt worden, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Caio Lima (26) vom WM-kritischen Bürgerkomitee in Rio de Janeiro dem Evangelischen Pressedienst (epd). Staatschefin Dilma Rousseff setze weiter auf Härte nach dem Motto "Augen zu und durch".

Herr Lima, die Proteste gegen die Fußball-WM sind abgeflaut. Geht der Bewegung die Luft aus?

Caio Lima: Die Demonstrationen sind kleiner geworden, aber es gibt immer noch viel Protest. Zu jedem Spiel wird vor Ort demonstriert, trotz der allgemeinen Fußball-Begeisterung. Die Protestbewegung ist immer noch ein großer Erfolg, denn all die Missstände, die wir seit Jahren kritisieren, sind heute in aller Munde. Die geringe Beteiligung hat viel mit Gewalt zu tun: Die Regierung hat ein hartes Durchgreifen angekündigt. Dies schreckt viele kritische Menschen davon ab, auf die Straße zu gehen. Aber auch die Ausschreitungen der vergangenen Monate.

Präsidentin Dilma Rousseff versprach im vergangenen Jahr mehr soziale Gerechtigkeit. Hat sie Wort gehalten?

Lima: Nein, im Gegenteil. Die Regierung verteidigt nach wie vor die hohen Ausgaben für die WM und sagt, alle würden wirtschaftlich davon profitieren.

Auf die konkreten Forderungen der WM-Kritiker ging die Politik nicht ein: Es gibt keine Wiedergutmachung für die Zehntausenden, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, oder für die Obdachlosen und Straßenhändler, die während der WM nicht in den Stadtzentren bleiben dürfen.

Der Umbau der Städte im Sinne der Reichen und der Immobilienspekulation geht weiter. Auch die neuen, teils privatisierten Stadien bleiben dem Gros der Armen verschlossen. Zwar wurde das Programm "Mehr Ärzte" zur Verbesserung des Gesundheitssystems aufgelegt, und ein Teil der Erdöl-Einnahmen soll in Bildung investiert werden. Doch ist damit keine Erhöhung des Sozial-Etats verbunden.

Wieso kommt Rousseff den allseits unterstützten Forderungen der Protestbewegung nicht entgegen?

Lima: Priorität der Regierung ist, die WM wie geplant und ohne Gesichtsverlust abzuhalten. Ganz nach dem Motto: Augen zu und durch. Deshalb auch der gigantische Sicherheitsaufwand. Rousseff steht nicht nur vonseiten der Proteste, sonder auch vonseiten der rechten Opposition stark unter Druck. Wenige Monate vor der Wahl will sie keine Fehler eingestehen. Sie befürchtet, dies würde ihr als Schwäche ausgelegt.