Rita dos Santos: "Alle sollen die gleichen Rechte haben!"

Rita dos Santos verkauft Acarajé-Snacks im Stadion von Salvador de Bahia

Foto: Niko Wald/Brot für die Welt

Rita dos Santos verkauft Acarajé-Snacks im Stadion von Salvador de Bahia

Rita dos Santos: "Alle sollen die gleichen Rechte haben!"
Foul am Zuckerhut - Was die WM 2014 in Brasilien für die Menschen vor Ort bedeutet
Bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft gibt es Sieger und Verlierer - auch abseits des Fußballfelds. Bei der FIFA-WM 2014 in Brasilien wird das immer offensichtlicher. Vor allem, dass es eine ganze Menge "Verlierer" gibt. In unserer Serie "Foul am Zuckerhut" stellen wir in kurzen Artikeln Menschen vor, die von der WM und ihren Auswirkungen betroffen sind, unmittelbar oder mittelbar. Und wir lassen sie zu Wort kommen mit ihren Gedanken und Meinungen, mit ihren Stimmen.

Für manche ist es nur ein schneller Imbiss im Stadion, doch für Rita dos Santos geht es um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Snack? Acarajés – in Palmöl frittierte Krapfen aus gemahlenen Bohnen und Zwiebeln, oft gefüllt mit Krabben. Rita dos Santos? Sie ist eine der Baianas – so werden die Frauen genannt, die in der WM-Stadt Salvador die herzhaften Happen zubereiten. Auf die FIFA sind sie nicht gut zu sprechen: Der Weltfußballverband wollte den Verkauf des beliebten Snacks verbieten. In der Bannmeile des Stadions sollten nur die Sponsoren der WM ihre Produkte verkaufen dürfen.

Rita dos Santos organisiert den Zusammenhalt der Acarajé-Verkäuferinnen in Brasilien und den Widerstand gegen die FIFA. Sie erklärt die Enttäuschung über die Snack-Entscheidung des Fußballverbands: "Nicht nur die Baianas, sondern alle im Land hatten viele Erwartungen und Hoffnungen in Bezug auf die WM. Viele glaubten, daran verdienen zu können. Doch wir wissen, dass die Realität anders aussieht."

Die ersten Unternehmerinnen Brasiliens

Teil dieser Wirklichkeit ist, dass die FIFA die kleinen Händlerinnen und Händler nicht ernst nimmt, findet Rita dos Santos. Wie sonst konnte der mächtige Verband auf die Idee kommen, liebevoll hergestellte Acarajés zu verbannen, aber industriell produzierte Pommes und Hamburger zu erlauben? "Die Acarajé-Frauen waren die ersten Unternehmerinnen Brasiliens. Vor mehr als 300 Jahren fingen sie an und haben das von Mutter zu Tochter weitergegeben. Heute finanzieren viele mit dem Einkommen aus dem Acarajé-Verkauf ganze Familien, von den Großeltern bis zu den Enkeln." Die meisten der Baianas seien auf sich allein gestellt, berichtet Rita dos Santos. Dank des Acarajé-Verkaufs könnten sie etwas zum Schulgeld der Kinder beisteuern, die Miete zahlen und Enkel durchbringen.

Der traditionelle Acarajé-Imbiss

Doch es steht mehr auf dem Spiel als Geld – die Baianas und ihre Acarajés sind Teil der Identität von Salvador. Die meisten Einwohner der drittgrößten Stadt Brasiliens haben afrikanische Wurzeln, ihre Vorfahren waren als Sklaven für die harte Plantagenarbeit über den Atlantik in die neue Welt verschleppt worden. Rita dos Santos: "Für uns ist wichtig, die Kultur zu erhalten, dieses Vermächtnis für die Nachfahren der Afrikaner zu bewahren." So tragen die Baianas mit Stolz und Würde farbenfrohe Reifröcke, wenn sie ihre Acarajés brutzeln. In der ziemlich rassistischen Gesellschaft Brasiliens, die viele wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert, ein klares Bekenntnis zu den afrikanischen Wurzeln.

Beim Widerstand gegen das von der FIFA verhängte Verkaufsverbot übrigens gelingt das Unfassbare: Der mächtige Fußballverband lenkt angesichts des Proteststurms ein. Unter strengen Auflagen dürfen jetzt einige der Frauen ihr Essen anbieten. Brot für die Welt unterstützt den Verband der Baianas dabei, dass sie fair und mit Respekt behandelt werden. Rita dos Santos drückt es so aus: "Unsere Vorfahren haben hart gearbeitet, damit Acarajé so erfolgreich wird. Deshalb der Streit mit der FIFA. Manche Frauen machen das schon seit mehr als 60 Jahren. Es wäre respektlos gewesen, sie zu vertreiben. Alle sollen die gleichen Rechte haben!"

Infos zur Serie
Die Fußball-WM 2014 in Brasilien wird begleitet von Protesten und Demonstrationen, von Polizeieinsätzen und den Sorgen der Bevölkerung. Das Geld, das Brasilien für die WM ausgibt, kommt den Falschen zugute, sagen die Kritiker. Wir lassen auf evangelisch.de Brasilianer zu Wort kommen, die ihre Sicht der Dinge zeigen.