Yemin Orde: Versprechen für ein Leben

Yemin Orde - Multi-Kulti-Dorf Israel

Foto: Thomas Becker

Yemin Orde: Versprechen für ein Leben
In Yemin Orde, einem israelischen Dorf in der Nähe von Haifa, leben rund 400 Jugendliche. Fast alle sind Juden und haben einen Migrationshintergrund. Ein Besuch in einer Einrichtung, die ursprünglich für Holocaustüberlebende gegründet wurde.

"Eine Weisheit, die man für sich behält, ist für nichts gut", lautet ein äthiopisches Sprichwort. Sozialarbeiterin Racheli Yaso zitiert es gerade, als sie vor der Synagoge in Yemin Orde steht, einem Dorf in der Nähe der israelischen Hafenstadt Haifa. Es befindet sich an den Ausläufern des Karmelgebirges, direkt am Meer. Bananen wachsen im Umland, Weintrauben, Olivenbäume. Es ist ein ruhiger, friedlicher Ort, an dem sich die 36-Jährige um sozial benachteiligte Jugendliche kümmert.

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Die Frau, die alle nur Racheli nennen, trägt die gekräuselten Haare zum Zopf gebunden, eine schwarze Jacke zum weiten Rock. Ihre Sätze sind intensiv, ihre Gedanken warm. Sie rütteln und schütteln einen im Innern und deuten darauf hin, worauf es ankommt im Leben. "Wenn du etwas weißt, das anderen hilft, musst du es teilen", sagt sie. Es sei wie bei einer Kerze, deren Sinn es sei zu leuchten und nicht abgewandt vom Geschehen in einer dunklen Box zu verharren.

Eine Quelle des Trosts

In Yemin Orde leben Kinder und Jugendliche, die Rachelis Ratschläge gut gebrauchen können. Das Dorf wurde 1953 mit dem Ziel gegründet, Waisen- und Flüchtlingskindern ein Heim zu bieten, die den Holocaust überlebt hatten. Für sie sollte Yemin Orde "eine Quelle des Trosts und der Ermutigung" sein, sagt Chaim Peri, der das Schuldorf seit mehr als drei Jahrzehnten leitet.

Später, in den 1960er und 1970er Jahren, waren es vornehmlich jüdische Jugendliche aus Nordafrika, dem Iran und Jemen, um die sich die Erzieher in Yemin Orde kümmerten. Danach folgten Kinder und Jugendliche mit jüdischen Wurzeln vor allem aus Äthiopien, Ländern der ehemaligen Sowjetunion und Brasilien. Die 400 Schüler sind in der Regel zwischen 14 und 17 Jahre alt. Ein Drittel von ihnen stammt aus Äthiopien.

Rückkehr ins Gelobte Land

Sie alle durften mit oder ohne ihre Eltern nach Israel einwandern, weil das sogenannte Rückkehrgesetz es ihnen ermöglicht. Es wurde 1950 eingeführt und ist bis heute gültig: Wer Jude ist oder nahe jüdische Verwandte hat, darf aus allen Teilen der Welt nach Israel einwandern. Im Hebräischen ist seit dem babylonischen Exil (586-535 v. Chr.) auch von der "Alija" die Rede: von "Aufstieg" oder "Rückkehr" ins Gelobte Land.

Unbegleitete, minderjährige Einwanderer werden in Jugenddörfern wie Yemin Orde einquartiert. Lange galten diese Einrichtungen als Kaderschmiede für die künftige Elite: Staatspräsident Shimon Peres, Multimillionär Haim Saban und einflussreiche Politiker, Richter und Professoren machten in Jugenddörfern ihren Schulabschluss. "Es gibt auf der ganzen Welt keinen Ort wie Yemin Orde", sagte Shimon Peres einmal. "Ich bete dafür, dass die ganze Welt wie Yemin Orde wird."

Die Besonderheit des Internats liegt darin, dass der Bildungsansatz weit über das rein Schulische hinausgeht. Denn Yemin Orde will für Jugendlichen ein Zuhause bieten und eine Ersatzfamilie sein. "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen", besagt ein afrikanisches Sprichwort. Daran angelehnt ist auch das Konzept des Internats. "Unser Ziel ist es, die Qualität und tieferen Strukturen eines humanen Dorfes in einer pädagogischen Einrichtung zu reproduzieren", schreibt Schulleiter Chaim Peri in seinem Buch "Der Weg des Dorfes".

Heilung des Herzens

Da viele Jugendliche als Flüchtlinge Traumatisches erlebt haben, werden in den ersten neun Monaten des Aufenthalts in Yemin Orde neben Schulfächern auch Kurse angeboten, die auf eine "Heilung des Herzens" zielen, im Hebräischen "Tikkum Halev" genannt. Was schmerzhaft war in der Vergangenheit, besprechen Erzieher und Schüler – wohlwissend, dass Heilung, ein lebenslanger Prozess sein kann. Schüler lernen auch, dass sie, der Welt etwas zurückgeben sollten, wenn sie dazu in der Lage sind. "Tikkum Olam" – "Heilung der Welt" – lautet diese Lehre, die auf Rabbiner des frühen Judentums zurückgeht.

Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich sein? Mit diesen Fragen werden Schüler in Yemin Orde konfrontiert. Sie lernen, die Vergangenheit wertzuschätzen, die eigene Zukunft im Blick zu haben und die Gegenwart nicht aus den Augen zu verlieren. Niemanden aufzugeben – dafür geht Yemin Orde ein Versprechen ein. Es gilt 365 Tage im Jahr, ein Leben lang. Schüler dürfen auch nach ihrem Abschluss nach Yemin Orde zurückkehren, wann immer sie wollen.

Auch Racheli Yaso hat davon profitiert. Als sie sieben Jahre alt war, flüchtete sie mit ihren Eltern aus Äthiopien über den Sudan nach Israel. Im Zuge der geheimen Operationen "Moses" und "Joschua" wurden sie 1984/85 und weitere rund 8000 äthiopischen Juden – sogenannten Falaschen – nach Israel ausgeflogen.

"Du bist wichtig, für dich, für die Welt"

Wie so vielen Äthiopiern gelang es der Familie nicht, mit dem rasanten Leben in Israel Schritt zu halten. "Wenn du aus einer Region kommst, wo morgens der Hahn kräht, um dich zu wecken, ist es nicht einfach, in Israel klarzukommen", sagt Racheli. Sie schnippt mit den Fingern, einmal, zweimal. "Hier ist das Leben schnell, schnell, manchmal zu schnell." Da blieben manche auf der Strecke. Mit 14 Jahren schickten Rachelis Eltern sie auf ein Internat: nach Yemin Orde.

Dort machte sie ihren Schulabschluss und dorthin kehrte sie nach ihrem Studium der Sozialwissenschaft und Kriminologie auch wieder zurück. Heute gibt sie Ratschläge, die ihr einst halfen, an die Schüler weiter. "Höre auf zu denken, dass du eine bedürftige Person bist", sagt sie manchmal. "Du bist wichtig, für dich, für die Welt." Und: "Wir sind für dich da. Du kannst nicht scheitern, ganz gleich, was passiert."

Die Migration äthiopischer Juden wurde 2013 von der israelischen Einwanderungsbehörde als beendet erklärt. Yemin Orde nimmt deswegen neue Zielgruppen in den Blick: Sechs israelische Jugendliche aus sozial schwachen Familien und vier muslimische Jugendliche aus Darfur besuchen derzeit das Internat. Früher wurde es ausschließlich von der Einwanderungsbehörde getragen. Seit einigen Jahren wird es zu 67 Prozent vom Bildungsministerium und zunehmend auch über Spenden finanziert.