Mit Stacheldraht und Zaun gegen jüdische Siedler

Mit Stacheldraht und Zaun gegen jüdische Siedler

Foto: epd/Susanne Knaul

Mit Stacheldraht und Zaun gegen jüdische Siedler
Radikale jüdische Siedler jagen ihre palästinensischen Nachbarn. Doch die Bewohner des Dorfes Burin im Westjordanland wollen sich nicht vertreiben lassen.

Eigentlich hatte Bruceli Id andere Pläne für seinen Garten. Ein Weinstock oder vielleicht ein paar Obstbäume schwebten ihm vor, stattdessen errichtet er einen Zaun rings um sein Haus. Der 38-jährige Palästinenser gießt Beton in einen Graben, die Fenster sind schon vergittert. Id hat fünf Kinder zwischen drei und 13 Jahren. Er verbarrikadiert sich aus Angst vor den benachbarten Siedlern. Sein Haus steht am nördlichen Rand des palästinensischen Dorfes Burin im Westjordanland und ist deshalb besonders bedroht von der Gewalt der israelischen Siedler. Zwei bis dreimal pro Woche kämen sie, sagt Id, "meistens in der Nacht".

Die knapp 4.000 Einwohner von Burin leben von ihren Olivenbäumen, Feigen und Mandeln. Wenige Kilometer nördlich des Dorfes liegt die Stadt Nablus, dazwischen ist die jüdische Siedlung Har Bracha und im Süden die Siedlung Yizhar. Beide gelten als Hochburgen des radikalen national-religiösen Lagers. Rund ein Dutzend junger Siedler hat sich auf dem nahen Berg Grisim niedergelassen. Bracha B heißt der illegale Siedlervorposten mit provisorischen Holzhütten.

Die Soldaten schauen einfach zu

Mit ausländischen Journalisten reden die jüdischen Siedler nicht. Vielleicht auch aus Langeweile oder angetrieben von der Idee, das biblische Samaria judaisieren zu müssen, rücken sie den palästinensischen Nachbarn auf den Leib. Auf Filmmitschnitten, die die israelische Menschenrechtsorganisation "Jesch Din" ("Es gibt ein Recht") veröffentlicht, sind die Feldzüge der Siedler dokumentiert. Manche kommen vermummt, andere sind mit Steinschleudern oder Stöcken bewaffnet. Fast alle Aufnahmen zeigen auch israelische Soldaten, die dem bösen Treiben zusehen, ohne einzugreifen.

"Moralisch ist das Verhalten der Soldaten verwerflich", räumt der israelische Militärsprecher Arie Shalicar ein. Trotzdem könne die Armee erst dann aktiv werden, wenn Gesetze verletzt werden. Für die Leute aus Burin ist problematisch, dass das Dorf in der sogenannten B-Zone liegt: Verwaltungstechnisch ist Burin palästinensisch, für die Sicherheit ist jedoch noch immer die israelische Armee zuständig. "Die Soldaten könnten die Siedler aufhalten", sagt Bruceli Id, "aber das tun sie nicht."

Schüsse, brennende Autoreifen und fliegende Steine gegen Palästinenser

Id traf es vor drei Jahren besonders schlimm. Der Palästinenser war gerade vom Dienst gekommen, als er rund ein Dutzend Siedler auf sein Haus zukommen sah. Seine Aufforderung zu verschwinden, beantwortete einer der Siedler mit einer Pistole. "Eine Kugel traf mich in die Schulter, eine andere in die Hand", berichtet Id und krempelt den Ärmel hoch, um die vernarbte Wunde zu zeigen. Fast zwei Wochen habe er im Krankenhaus verbracht, seither sei er arbeitsunfähig. Über einen Anwalt habe er Klage eingereicht, doch große Hoffnungen, dass der Täter verurteilt wird, macht sich der Palästinenser nicht.

Bruceli Id aus dem palästinensischen Dorf Burin im Wetsjordanland verbarrikadiert sich aus Angst vor den benachbarten Siedlern.

Die Siedler werfen Steine, brechen die Äste der Olivenbäume, lassen brennende Reifen auf das im Tal liegende Dorf rollen oder setzen von Zeit zu Zeit sogar Autos in Brand. Unterstützt von der Menschenrechtsorganisation "Jesch Din" reichten die Palästinenser bisher 85 Beschwerden bei der israelischen Polizei ein. Festnahmen gab es bisher jedoch keine.

In Burin machte Bundespräsident Joachim Gauck Station, als er im Mai 2012 Israel und die Palästinensergebiete besuchte. Gauck weihte eine Mädchenschule ein. Bau und Ausstattung der Schule für 480 Mädchen wurde von Deutschland mit rund 900.000 Euro finanziert.

Die Bewohner von Burin wollen nicht gehen

Die Leute von Burin wollen sich von den Siedlern nicht vertreiben lassen. "Ich werde hier in meinem Haus sterben", sagt Hannan Nasser, die in einem etwas abgelegenen Haus wohnt. Zwei Autos, rund 100 Schafe und ein Pferd habe sie durch die Siedler verloren, berichtet sie, "und meinen Mann", der kurz nach einem Brandanschlag auf das Haus an einem Herzinfarkt gestorben sei.

Für jeden zerstörten Baum werde sie einen neuen pflanzen, kündigt die resolute 53-Jährige an. Sie will sich mit Stacheldraht auf der Terrasse solange gegen die Siedler schützen, bis "am Ende die Israelis wieder von hier weggehen werden".