Im Würgegriff der Wehrmacht

Vor 70 Jahren endete die Belagerung Leningrads

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Nach einem Bombenangriff auf Leningrad im Winter 1941/42, während der Belagerung durch die deutsche Armee, verlassen Bewohner mit Gepäck ihre zerstörten Häuser.

Im Würgegriff der Wehrmacht
Vor 70 Jahren endete die Belagerung Leningrads. Etwa eine Million Menschen verhungerte und erfror, als die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg einen Blockadering um Leningrad errichtete. Genau das hatte die deutsche Führung geplant: Sie wollte die Stadt nicht erobern, sondern vernichten.

Die deutschen Panzer stehen Anfang September 1941 schon in den Vororten von Leningrad, da gibt Hitler persönlich den Befehl zum Anhalten. Bitten um Übergabe der Stadt sollten abgeschlagen werden, verfügt der Diktator, "da das Problem des Verbleibens und der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden kann und soll". Er will die zweitgrößte Stadt der Sowjetunion nicht erobern. Er will sie vernichten - mitsamt ihrer Einwohner. Fast 900 Tage lang sind die Bewohner eingeschlossen, fast 900 Tage voller Hunger und Kälte. Erst am 27. Januar 1944, vor 70 Jahren, kann die Rote Armee die eingekesselte Stadt befreien.

Das große Sterben

Am 8. September 1941 hat sich der Blockadering um Leningrad geschlossen. Die Wehrmacht steht im Süden, finnische Verbände im Norden. Ein eisiger Winter beginnt. Sofort werden die Lebensmittelrationen reduziert, Mitte Oktober leiden bereits die meisten Leningrader Hunger. Aber immer wieder werden die Rationen herabgesetzt, im November 1941 ist der Tiefststand erreicht. Arbeiter erhalten gerade noch einmal 250 Gramm Brot täglich, ihre Angehörigen nur die Hälfte.

Das Sterben in der Stadt beginnt. In den Straßen liegen überall Leichen - sie bleiben dort, wo sie zusammengebrochen sind. Die Leningrader essen bald alles, was organischen Ursprungs ist: Sie kochen Leder, kratzen den Leim von Tapeten, mischen Sägemehl und Baumwolle ins Brot, jagen Hunde, Katzen, Ratten und Sperlinge. Der sowjetische Geheimdienst NKWD zählt bis Februar 1942 sogar mehr als 1.000 Fälle von Kannibalismus.

Der Geheimdienst fängt Briefe aus Leningrad ab, in denen die Zustände geschildert werden - die Not in der Stadt soll den Rest der sowjetischen Bevölkerung nicht demoralisieren. "Ich streife über Felder und Müllhalden und sammle alle möglichen Wurzeln und schmutzige Blätter, aber oft genug gibt es nicht einmal so etwas", ist in einem der Briefe zu lesen.

Die Wehrmacht wollte die Bewohner verhungern lassen

Aber nicht nur das Essen fehlt in der belagerten Stadt. Auch Holz und Kohle zum Heizen werden schnell knapp. Der Winter 1941/42 ist einer der härtesten des 20. Jahrhunderts. In Leningrad sinkt das Quecksilber auf minus 40 Grad Celsius. Die Menschen sitzen in ihren eiskalten Wohnungen, zum Teil gemeinsam mit ihren verhungerten oder erfrorenen Angehörigen. Ihnen fehlt die Kraft, sie zu beerdigen.

All das verläuft genau nach dem Plan der Wehrmacht. Dass sie gar nicht erst versucht, Leningrad zu erobern, rechtfertigt sie nach außen mit den befürchteten hohen eigenen Verlusten und der Seuchengefahr, die sie bei einem Sturm auf die Stadt angeblich erwartet. Der Historiker Jörg Ganzenmüller von der Universität Jena, der ein Buch über die Belagerung geschrieben hat, widerspricht dieser Begründung. "Die Entscheidung, Leningrad nicht zu erobern, fällt schon sehr früh - nämlich während der Blitzkriegsphase, als die Wehrmacht über Opferzahlen gar nicht großartig nachgedacht hat."

Bereits zwei Monate vor Beginn der Belagerung notiert Heeres-Generalstabschef Franz Halder in seinem Kriegstagebuch: "Feststehender Beschluss des Führers ist es, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleichzumachen, um zu verhindern, dass Menschen dortbleiben, die wir dann im Winter ernähren müssten." Vernichtung durch Hunger ist also das Ziel: Gleich zu Beginn der Blockade bombardiert die deutsche Luftwaffe gezielt die Lebensmittel-Lagerhäuser. Das Armee-Oberkommando befiehlt sogar, auf hungernde Zivilisten zu schießen, wenn sie versuchen sollten, aus dem Kessel herauszukommen. "Nach dem Krieg sollte die Stadt verschwunden sein", erläutert Historiker Ganzenmüller die Pläne der Nazis.

Rote Armee beendet die Belagerung

Eine einzige Lebensader gibt es noch: den Ladoga-See im Osten der Stadt. Über Europas größtes Binnengewässer bringen Lastkähne Essen und Heizmaterial. Im Winter transportieren Lastwagen die Versorgungsgüter auf der "Straße des Lebens" über das Eis. Aber weder Schiffe noch Lastautos können so viel heranschaffen, wie die etwa drei Millionen Einwohner brauchen. Außerdem bricht auch dieser Versorgungsstrom im Herbst ab: Stürme halten die Schiffe in den Häfen fest. Danach wird es zwar kalt, aber das Eis des Sees ist zunächst nicht so dick, dass Lastwagen darauf fahren können.

Mehrfach versucht die Rote Armee, den Würgegriff der Deutschen um Leningrad zu lösen. Aber erst am 6. Februar 1943 schafft sie es, am Südufer des Ladogasees ein kleines Loch in den Belagerungsring zu reißen. Durch diesen Korridor können nun auch wieder Züge bis in die Stadt fahren. Das entspannt die Versorgungslage deutlich. Es dauert aber noch bis 1944, ehe die sowjetischen Truppen die Wehrmacht weiter zurückwerfen können: Am 27. Januar beendet eine große Offensive der Roten Armee die Belagerung.

Zu diesem Zeitpunkt sind ungefähr eine Million Leningrader tot. Zum Vergleich: Im Bombenkrieg gegen die deutschen Städte starben im gesamten Krieg etwa eine halbe Million Menschen. "Die genauen Opferzahlen der Belagerung Leningrads sind nicht mehr festzustellen", sagt Ganzenmüller, "auch weil niemand weiß, wie viele Flüchtlinge es in der Stadt gab." Klar aber ist, dass weit mehr als 90 Prozent der Opfer nicht durch Kampfhandlungen starb, sondern durch Hunger und Kälte.

Jörg Ganzenmüller: Das belagerte Leningrad 1941-1944. Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern. 2. Auflage. Paderborn 2007. 42,90 Euro.