Ein halbes Jahrhundert "Dinner for one"

"Dinner for one" wurde vor 50 Jahren aufgezeichnet

Foto: epd/SWR/NDR/Annemarie Aldag

Ein halbes Jahrhundert "Dinner for one"
Ohne "Dinner for one" würde kaum jemand "Mulligatawny Soup" kennen. Jedes Jahr an Silvester serviert Butler James die indische Curry-Huhn-Suppe. Dann nämlich feiert seine Miss Sophie ihren 90. Geburtstag mit Freunden, die allesamt schon verstorben sind. 13 Mal wird der englische Theater-Sketch an Silvester in der ARD gezeigt. Keine Sendung wurde im deutschen Fernsehen derart häufig wiederholt. Vor 50 Jahren hat der Norddeutsche Rundfunk (NDR) "Dinner for one" in Hamburg aufgezeichnet.

Genau 18 Minuten dauert der Sketch: Schon leicht verwirrt begeht Miss Sophie ihren 90. Geburtstag. Ihre vier Freunde Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom sind bereits gestorben, so dass an ihrer Stelle der Butler der Lady zuprosten muss. Trotz zunehmender Gleichgewichtsstörungen serviert James bis zum Ende mit vollendeten Manieren. Tatsächlich gab es für Schauspieler Freddie Frinton beim Dreh nur verdünnten Apfelsaft - lediglich das Getränk in der Blumenvase war Wasser.

Freddie Frinton (1909-1968) und seine Partnerin May Warden (1891-1978) hatten mit dem Stück am 11. März 1948 Premiere in London. Bereits 1961 waren sie damit zu Gast im Deutschen Fernsehen bei Evelyn Künnekes Show "Lassen Sie sich unterhalten". Doch davon gibt es keine Aufzeichnungen mehr. TV-Moderator Peter Frankenfeld und Regisseur Heinz Dunkhase entdeckten "Dinner for one" dann ein Jahr später im englischen Seebad Blackpool. Am 8. März 1963 traten James und Sophie in der Show "Guten Abend, Peter Frankenfeld" auf.

"The same procedure than last year" hieß es zuerst

Nach dem Erfolg bei Frankenfeld ließ der NDR den Sketch zwischen dem 30. April und dem 4. Mai 1963 aufzeichnen, mit englischen Original-Dialogen. 4.150 DM erhielten die beiden Künstler als Gage. Der Schauspieler Heinz Piper sprach eine Einleitung auf deutsch - und verdarb es sich dauerhaft mit den Freunden der englischen Sprache: "The same procedure than last year" heißt es bei ihm, und erst 1988 wurde mittels Audio-Technik aus dem falschen "than" ein korrektes "as".

Elf Mal stolpert James im Verlauf des Dinners über sein legendäres Tigerfell. Dabei sollte das abgewetzte Fell schon ausgemustert werden - der NDR hatte Frinton statt dessen ein Eisbärenfell angeboten. Doch mit dem wollte er partout nicht spielen. Die Zuschauer kamen aus der NDR-Belegschaft. Immer wieder gern gehört wird der Lachkrampf von Sonja Göth, damals Aushilfe am NDR-Empfang. Sie habe einfach nicht mehr aufhören können, erinnerte sich Göth später. "Das ist mir immer noch ein wenig unangenehm." Viele Jahre diente dann der Sketch als Pausenfüller, und erst 1972 wurde er erstmals Silvester ausgestrahlt.

Seitdem hangelt sich die Sendung von Rekord zu Rekord: Fast alle Dritten Programme zeigen ihn regelmäßig zu Silvester. Am Neujahrstag geht es bereits um Mitternacht im Bayerischen Rundfunk weiter. Als die weltweit am häufigsten wiederholte Fernsehproduktion schaffte es der Sketch 1988 ins Guinness-Buch der Rekorde. Bis heute wurde er in Deutschland mehr als 230 Mal gesendet. In elf weiteren Ländern amüsiert man sich über "Miss Sophie", darunter auch in Südafrika und Grönland. In Großbritannien dagegen ist die Sendung nahezu unbekannt.

Zahlreiche Remakes

Es gibt zahlreiche Remakes: Wenig Anklang fand eine computergestaltete Farb-Version, die 1999 erstmals über den Sender ging. Hinzu kommen zahlreiche Mundart-Fassung, unter anderem auf plattdeutsch, hessisch, kölsch und schweizerisch. Vom Lübecker Puppentheater stammt eine Puppenfassung, vom Kinderkanal KiKa eine Version mit "Bernd, das Brot". RTL produzierte zum 60. Geburtstag von Otto Waalkes (Miss Sophie) eine Version, bei der Ralf Schmitz als Butler die imaginären Gäste Hans Moser, Heinz Rühmann, Heinz Erhardt und Rudi Carrell bedient. Die Aktion "Brot für die Welt" warb 1989 unter dem Motto "Dinner for all".

Unklar ist jedoch nach wie vor, was James denn eigentlich genau serviert. Die Rezepte variieren erheblich. Zwar gehören zu einer "Mulligatawny Soup" stets Huhn, Brühe, Zwiebeln und Curry-Pulver, doch während einige Köche auf Banane, Speck und Apfel schwören, servieren sie andere mit Riesling, Kokosmilch, Linsen oder Mango-Chutney. TV-Koch Rainer Sass kocht die legendäre Suppe mit Bettina Tietjen am 29. Dezember (18 Uhr) live im NDR-Fernsehen. Dabei war "Mulligatawny Soup" in Indien ursprünglich eigentlich gar keine Vorsuppe, sondern eine Soße, die zum Reis gereicht wird.