Schnee, der auf Zedern fällt

Syrische Flüchtlinge im Libanon

Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Schnee, der auf Zedern fällt
Syrische Flüchtlinge im Libanon leiden unter Kälteeinbruch
Syrische Flüchtlinge im Libanon kämpfen ums Überleben. Durch den Wintereinbruch rund um den dritten Advent verschärft sich ihre Not. In einem dringenden Appell haben die Vereinten Nationen um 6,5 Milliarden US-Dollar für die Syrien-Hilfe gebeten.

Der zwölfjährige Samir* schaut mit einem Schneeball in der Hand seinem Nachbarn Hassan (17) zu: Der steigt in einem Zeltcamp für syrische Flüchtlinge im Bekaa-Tal nahe der libanesischen Stadt Zahlé auf eine wackelig zusammengeschraubte Holzleiter. Das Zelt der Familie muss von der Last des Neuschnees befreit werden, bevor es zusammenbricht. Samir trifft Hassan am Rücken und johlt triumphierend. Es dauert nur wenige Sekunden, bis die Kinder und Jugendlichen in eine wilde Schneeballschlacht einsteigen - ältere Männer und Frauen kommen aus ihren Zelten und feuern an.

Für wenige Minuten haben sie ihre miserable Situation vergessen, bis die Finger und Füße vor Kälte taub sind. Es ist der vierte Tag des Sturms Alexa mit zehn Zentimetern Neuschnee und schon der zweite Winter, den sie in diesem Camp erleben. In vielen Zelten brennen Öfen. Holz ist so teuer, dass alles hineingeworfen wird, was brennt - und wenn es alte Schuhe sind.

Rund 240.000 syrische Flüchtlinge, die in der Bekaa-Ebene Zuflucht vor dem Krieg suchen, sind nun den lebensbedrohlichen Gefahren der Kälte ausgesetzt. Neben den wenigen offiziellen UNHCR-Lagern hausen die Menschen in über 200 provisorischen Camps: Am Rande von Ortschaften, entlang der Landstraßen und auf Feldern. Hilfe erreicht die Menschen dort nur schleppend. Humanitäre Organisationen wie die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützen die Flüchtlinge mit dem Lebensnotwendigen wie Nahrungsmitteln und Winterausrüstungen. 

Dünne Sperrholzplatten, eiskalter Boden

In der Nähe von Tripoli liefern Helfer Töpfe mit Essen an bedürftige syrische Flüchtlingsfamilien aus. Sechs syrische und libanesische Frauen haben am Vormittag in einer Gemeinschaftsküche zusammen gekocht. So werden mit dem von der Diakonie Katastrophenhilfe unterstützten Projekt insgesamt 450 Flüchtlingsfamilien versorgt. Verteilt wird an unterernährte Menschen, an Schwangere, Kinder unter fünf Jahren, Alte, Behinderte sowie Neuankömmlinge.

Während die Frauen und Kinder das Essen abholen, nageln die Männer vom UNHCR und der libanesischen Armee ausgelieferte dünne Sperrholzplatten als Wände an die Zelte, um die Wärme ein wenig einzufangen. Tags zuvor war ein Teil der Zelte vom Sturm eingerissen worden. Der Boden ist eiskalt, und die Kinder haben oft keine Socken und Schuhe.

In einem Vorort von Beirut sitzen die 28-jährige Lehrerin Alia und ihr Mann Bakir in ihrer kleinen Wohnung neben einer Marienfigur. Sie blicken in eine unsichere Zukunft. Beide lebten im syrischen Dair az-Zur, betrieben eine Patisserie, Bakir verdiente gut als Schmied. Im Februar 2013 feierten sie Hochzeit, wegen des Krieges mit "nur" 100 Gästen, in Friedenszeiten wären es 300 bis 400 gewesen.

"Ohne vorher zu bezahlen, kommen wir nicht ins Krankenhaus"

Für die beiden Christen wurde es immer gefährlicher. Bakir versteckte seine Tätowierung mit dem Kreuz unter langen Ärmeln seiner Pullis. Als eine Bombe in der Kirche in der Nähe ihres Hauses explodierte, flohen sie erst in die Stadt Hassakeh und danach, im April 2013, in den Libanon. 20 Stunden dauerte die gefährliche Reise mit etwa 14 Checkpoints. Dabei hatten sie sich als Muslime verkleidet. Auf Youtube haben sie ein Video entdeckt, dass ihre Straße und ihr völlig zerstörtes Haus mit dem Laden zeigt. Von ihrer Heimat ist nichts mehr übrig, sagen beide verbittert.

"Ich brauche nur Arbeit", erklärt Bakir. Er geht zu Werkstätten und Baustellen und fragt nach einem Job. Doch oft bezahlen die libanesischen Auftraggeber nicht den vereinbarten Preis. Sie wissen, dass die syrischen Flüchtlinge darauf angewiesen sind, drücken die Preise, zahlen unpünktlich und meist nicht alles. Sie wissen, dass immer jemand kommt, der noch verzweifelter und billiger zu haben ist.

Doch für die 450 US-Dollar teure kleine Zwei-Zimmer-Wohnung und das Notwendigste zum Leben reicht es. Auf einen Weihnachtsbaum verzichten sie dieses Jahr. "Denn in ein paar Wochen kommt das Baby, und wir wissen gar nicht, ob unser Geld für die Krankenhauskosten von 1.200 bis 1.500 US-Dollar für die Geburt reicht", sagt Alia. "Ohne vorher zu bezahlen, kommen wir nicht ins Krankenhaus." Manchmal macht sie das kleine Fenster zum Hinterhof des Mietsblocks auf und schaut die 25 Meter hoch in den ersten Stock zum Nachbar, wo hinter einem Fenster ein Weihnachtsbaum zu sehen ist.

*Name geändert.