Ein Jahr nach brutaler Vergewaltigung: Ist Indien aufgewacht?

Proteste gegen Vergewaltigung

Foto: dpa/Harish Tyagi

Nach der brutalen Vergewaltigung forderten Demonstrantinnen die Todesstrafe für die Täter.

Ein Jahr nach brutaler Vergewaltigung: Ist Indien aufgewacht?
Am 16. Dezember 2012 wurde die Physiotherapie-Studentin Jyoti Singh in einem fahrenden Bus in Indien von sechs Männern so bestialisch vergewaltigt, dass sie knapp zwei Wochen später ihren Verletzungen erlag. Das grausame Verbrechen an der 23-Jährigen in der Hauptstadt Neu-Delhi schockierte die ganze Welt und rüttelte Indien in noch nie erlebter Weise auf.

Der Tod der Studentin löste wochenlange Straßenproteste im ganzen Land aus und entfachte eine breite Debatte über die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Bis heute vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Vergewaltigungsfall Schlagzeilen macht.

Medienstar unter Verdacht

Im Moment dreht sich alles um den Unternehmer und Nachrichtenmagazin-Gründer Tarun Tejpal, der auf einer Tagung in Goa eine 28-jährige Journalistin in einem Aufzug vergewaltigt haben soll. Der Fall ist auch deswegen brisant, weil Tejpals investigative Zeitschrift "Tehelka" wie kaum ein anderes Medium mit dem Mord an Jyoti Singh verbunden ist. Ohne die konsequente und mutige Berichterstattung des Blattes, so meinen viele Beobachter, wäre der Mordfall vielleicht wie so viele Fälle sexueller Gewalt im Land zu den Akten gelegt worden: bagatellisiert, totgeschwiegen, von der Polizei ignoriert.

Dem 50-jährigen Medien-Star Tejpal könnten zehn Jahre Haft drohen, sollten er wegen Vergewaltigung verurteilt werden. Als Reaktion auf Singhs Tod hatte die Regierung das Strafmaß für sexuelle Gewalt drastisch erhöht.

Zwar ist eine Vergewaltigung in der konservativen indischen Gesellschaft immer noch eine Schande für die betroffene Frau und nicht für den Täter. Allerdings, so sagen Beobachter, habe der Mord an der jungen Medizinstudentin in Neu-Delhi die Mauer des Schweigens gebrochen.

"Die Reaktion auf den grausamen Massenvergewaltigungsfall hat den Opfern Mut gemacht", erklärt Ranjana Kumari, Aktivistin und Mitglied der National Mission for Empowerment of Women, einer 2010 von der indischen Regierung eingerichteten Kommission für Frauenrechte. Noch immer seien die Opfer sozial stigmatisiert. "Sie sind immer noch mit Leuten konfrontiert, die sagen, 'Die hat es doch selbst gewollt' oder 'Die ist eine Schlampe' und ähnliches mehr, aber nun sind die Frauen bereit, diese Konsequenzen zu tragen. Das ist eine Art Veränderung."

Bislang hat sich wenig geändert

Diesen Eindruck bestätigt auch ein Blick auf die Polizeistatistik: Demnach hat sich 2013 die Zahl der Anzeigen wegen Vergewaltigung in der indischen Hauptstadt im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Bis Oktober registrierten die Behörden 1.130 Fälle verglichen mit 706 im Jahr 2012. Auch die Anzeigen wegen gewaltsamer sexueller Übergriffe stiegen von 727 im Vorjahr auf 2.844 in den ersten zehn Monaten dieses Jahres.

Doch immer noch sind die Aufklärungs- und Verurteilungsraten bei Vergewaltigung gering, und Polizei und Justiz verschleppen Prozesse und demoralisieren die Opfer. Nach Angaben des indischen Statistikamtes ist die Verurteilungsrate bei Vergewaltigungen zwischen 2001 und 2012 von 40,8 auf 24,2 Prozent gefallen. Nur dem großen öffentlichen Druck war es zu verdanken, dass das Verbrechen an der Studentin rasch aufgeklärt wurde: Bereits neun Monate später - im September 2013 - verurteilte ein Gericht in Neu-Delhi vier Männer wegen Mordes zum Tode. Ein fünfter Beschuldigter erhängte sich in der Untersuchungshaft. Der sechste Angeklagte wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er zum Zeitpunkt des Verbrechens noch minderjährig war.

Bislang aber sind wenige Maßnahmen ergriffen worden, damit Frauen in Indien künftig ein ähnliches Schicksal erspart bleibt. Trotz der Versprechen von Politikern sind öffentliche Busse in Neu-Delhi nicht mit Überwachungskameras und GPS ausgerüstet worden, die angekündigten Kontrollpunkte der Polizei an den Ausfallstraßen der 16-Millionen-Metropole fehlen. Immer noch fahren Busse mit abgedunkelten Scheiben und ohne Innenbeleuchtung durch die Hauptstadt, wie das Fahrzeug, in dem die Studentin 86 Minuten lang vergewaltigt und gefoltert wurde. Und immer noch sind öffentliche Transportmittel unzuverlässig und gefährlich - ganz besonders nach Einbruch der Dunkelheit.