Organisierter Volkszorn vor 75 Jahren

Magdeburg, zerstörtes jüdisches Geschäft

Foto: Bundesarchiv/Friedrich, H.

Ein zerstörtes jüdisches Geschäft in Magdeburg. Schon früh schlugen die Nazis in Nordhessen und Magdeburg-Anhalt gegen Juden los.

Organisierter Volkszorn vor 75 Jahren
In Nordhessen und Magdeburg-Anhalt brannten die Synagogen schon zwei Tage vor dem 9. November. Ihre Gewaltexzesse sind der Vorläufer der Pogromnacht vom 9. November.

In dieser Nacht nimmt der Antisemitismus der Nationalsozialisten eine neue Dimension an: Mit offener Gewalt wird am 9. November 1938 im ganzen Land gegen die jüdische Minderheit vorgegangen. Organisierte Schlägertrupps setzen Synagogen in Brand, zerstören jüdische Geschäfte und Wohnungen, töten Menschen. Begonnen hat die Gewalt in Nordhessen und Magdeburg-Anhalt - dort schlägt der Pöbel schon am 7. November 1938 los.

Am Abend verwüsten SA- und SS-Leute die Synagoge und die Geschäfte jüdischer Inhaber in Kassel. Sie tragen keine Uniformen, sondern Zivilkleidung - es soll so aussehen, als herrsche in der Bevölkerung eine allgemeine Wut auf die Juden. Ähnliche Ausschreitungen gibt es an jenem Abend auch in Kleinstädten wie Bebra, Sontra oder Rotenburg an der Fulda.

Auch am Tag danach tobt der Mob weiter. In Bad Hersfeld brennt die Synagoge, in den Landkreisen Fulda und Melsungen zerschlagen Nazis - aber auch normale Bürger - die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte, dringen in Wohnungen ein und verprügeln deren jüdische Bewohner. In Felsberg hetzen Angehörige der SA und der Hitlerjugend den jüdischen Kaufmann und Kommunalpolitiker Robert Weinstein zu Tode. Er ist das erste von mehr als tausend Todesopfern der Novemberpogrome.

Erst Hetzreden, dann Gewaltexzesse

Der Ablauf ist fast überall der selbe: Die Nazi-Schläger rotten sich in Kneipen oder Parteilokalen zusammen. Die örtlichen Führer schwingen dort lautstark Hetzreden. Anschließend geht es zum Prügeln oder Brandstiften zur nächsten jüdischen Einrichtung. Im nordhessischen Dörfchen Jesberg nahe des heutigen Schwalmstadt etwa treffen sich die Braunen in der Gaststätte Umbach und gehen danach zur Synagoge in der Densberger Straße. Kurz darauf ist in dem Gotteshaus alles kurz und klein geschlagen.

Die Pogrome waren natürlich kein "Volkszorn", wie die Nationalsozialisten es darstellten, sondern organisiert und gelenkt. Am 7. November hatte der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst vom Rath in Paris geschossen. Zwei Tage darauf starb vom Rath. Das Attentat wurde zum Vorwand, am 9. November gab Propagandaminister Joseph Goebbels in einer Hetzrede das Signal, gegen die Juden loszuschlagen. Nun gingen überall im Deutschen Reich Judenpogrome los.

Befehl aus Berlin oder lokale Initiative?

Doch warum begann in den NS-Gauen Kurhessen und Magdeburg-Anhalt die Gewalt bereits einige Stunden nach dem Attentat am 7. November? Für die Historiker ist der genaue Ablauf bis heute unklar. "Vielleicht hat Goebbels eine Anweisung gegeben", sagt der Münchener Historiker Alan Steinweis von der Ludwig-Maximilians-Universität. "Das sollte vielleicht ein Testpogrom sein." Bewiesen sei das aber nicht.

Eventuell waren lokale NSDAP-Größen allein verantwortlich. "Ich gehe davon aus, dass Heinrich Gernand die Pogrome in Kurhessen angeregt oder befohlen hat", sagt die Münchener Historikerin Angela Hermann, "vielleicht in Verbindung mit dem Gauleiter oder der SA im Gau". Gernand war Gaupropagandaleiter in Kurhessen.

"Alte Rechnungen begleichen"

"Er handelte nicht auf Befehl aus Berlin, sondern es handelt sich hier um eine lokale Initiative", urteilt Hermann. Nach dem Attentat habe es wüste antijüdische Propaganda im Rundfunk gegeben. "Da überrascht es nicht, wenn daraufhin jemand losschlägt - vielleicht, um alte Rechnungen zu begleichen".

Steinweis kann der These eines Alleingangs Gernands ebenfalls viel abgewinnen. "Lokale Funktionäre hatten in Nazi-Deutschland mehr Freiheiten, als man gemeinhin annimmt", sagt er.

Auch im Gau Magdeburg-Anhalt beginnt die Gewalt gegen die Juden schon bald nach dem Attentat - und auch hier auf Initiative von lokalen NSDAP-Größen. Die Spitze der Nazi-Partei dagegen verhielt sich zunächst abwartend. "Man wusste nicht, ob und wann der Pariser Diplomat stirbt", erklärt Hermann. Erst nach dessen Tod ließen Hitler und Goebbels im ganzen Reich ihre Schlägertrupps los.