Sola scriptura: Der Papst, das Abendmahl und der Geist von Wittenberg

Sola scriptura: Der Papst, das Abendmahl und der Geist von Wittenberg
"Für viele" statt "für alle": Papst Benedikt XVI. will die Wandlungsworte in der katholischen Messe verändern. Kritiker sehen darin ein Zugeständnis an die Ultras in den eigenen Reihen. Doch genauso gut könnte man den Schritt als ökumenische Geste sehen.

Martin Luther hat im Herbst 1521 auf der Wartburg, von gelegentlichen Tintenfasswürfen auf den Teufel unterbrochen, in nur elf Wochen das Neue Testament übersetzt. Im Markusevangelium lässt er Jesus beim letzten Abendmahl sagen: "Das ist mein Blut des neuen Testaments, das für viele vergossen wird" (Mk 14,24). Dieses "für viele" will Papst Benedikt XVI. künftig wieder in der katholischen Eucharistie in den deutschsprachigen Ländern hören. Seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils hieß es dort "für alle".

Viele Katholiken halten das für einen Streit um des Papstes Bart. Aber das ist es nicht ganz. Denn hinter der nun wieder auflebenden Diskussion verbergen sich nicht nur liturgische Erwägungen, sondern auch handfeste theologische und kirchenpolitische Interessen. Die konservativen Piusbrüder wollen als Gegner der modernen katholischen Messe auch das "für alle" tilgen. Aber das zählt nun nicht eben zu ihren Kernforderungen, und die Ultras liegen grundfalsch, wenn sie glauben, sie könnten das ganze Konzil zurückdrehen.

Rückschritt in die richtige Richtung

Ist das päpstliche Verlangen also ein Rückschritt? Durchaus. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn Benedikt XVI. will im Sinne der Textgenauigkeit zurück zu den biblischen Wurzeln. Das "für viele" steht nicht nur bei Markus, sondern auch im Matthäusevangelium. Der Papst folgt also, gut lutherisch, dem Prinzip "Sola scriptura": Allein die Schrift zählt. Ein wenig vom Wittenberger Geist scheint durch die päpstliche Direktive zu wehen, der die deutschen Bischöfe im neuen Messbuch, das im Advent 2013 erscheint, folgen werden.

Zu Recht weist der Papst in seinem Brief an die Bischöfe darauf hin, dass die Übersetzung der Evangelien möglichst wörtlich sein solle und nicht schon interpretierend. Mit dem griechischen Wort "viele" (pollon) meinen Markus und Matthäus aller Wahrscheinlichkeit nach den in der aramäischsprachigen Umwelt Jesu verbreiteten Ausdruck "die Vielen". Das ist wiederum gleichbedeutend mit: alle. Jesu Opfertod und Heilswirkung bezieht sich in dieser Deutung also auf alle Menschen, auch Nicht-Christen, auch Atheisten – ob sie wollen oder nicht.

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Aber alle sind nicht gleich alle. Die Evangelien durchzieht wie ein roter Faden die Frage, ob der Messias nur zu den Juden oder auch zu den Heiden gesandt ist. Selbst Jesus war sich darüber nicht schlüssig. Als ihn eine Griechin bittet, den Dämon ihrer Tochter auszutreiben, weigert er sich mit dem Hinweis, man solle nicht den Kindern das Brot wegnehmen und den Hunden geben. Die Frau erwidert, die Hunde fräßen unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder. Darauf ändert Jesus seine Meinung – zum einzigen Mal – und hilft der Frau (Mk 7,24-30).

Heidenmission: Als Jesus seine Meinung änderte

Diese Geschichte gilt in der Theologie als Ursprung der Heidenmission. Der Apostel Paulus setzte sie in der Urkirche gegen starke judenchristliche Widerstände durch. In seinem Abendmahlsbericht im ersten Korintherbrief (11,23-25) ist übrigens von "viele" oder "alle" nicht die Rede. "Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird", heißt es dort lapidar. Im evangelischen Abendmahlsgottesdienst wird diese Formel bis heute verwendet. Sie deutet darauf, dass die Mahlgemeinde keine weitergehenden heilstheologischen Aussagen benötigt.

Deshalb hat der evangelische Bischof und Ökumenefachmann Friedrich Weber völlig Recht, wenn er angesichts der päpstlichen Direktive zu Gelassenheit aufruft und davor warnt, diese innerkatholische Debatte zu "überdeuten". Bloße Mutmaßungen über ein Zugeständnis Benedikts XVI. an die Konservativen sind konfessionelle Folklore. Selbstbewusste Protestanten sollten sich vielmehr daran freuen, dass der Papst, dessen Gefolgsleute gerne über den "katholischen" Luther sprechen, gelegentlich reformatorischen Entdeckungen näher steht als vermutet.