Mode zur Zeit Christi: "Jeder trug Jesuslatschen"

Jesuslatschen

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Mode zur Zeit Christi: "Jeder trug Jesuslatschen"
Die Archäologin Ursula Rothe verrät im evangelisch.de-Themenschwerpunkt "Heilig-Rock-Wallfahrt", dass ein Bart bei Jesus nicht nachweisbar ist. Aber Tunika und Sandalen trugen sie damals alle.

Viele Menschen pilgern dieser Tage zur Heilig-Rock-Wallfahrt nach Trier, um Jesu Gewand zu sehen. Was schätzen Sie, wie hoch ist der antike Anteil am Gewebe tatsächlich?

Ursula Rothe: Dieses Gewebefragment ist über die Zeit immer wieder nachgebessert worden. Wenn überhaupt, ist nur ein ganz kleines Teil davon echt. Dies ist aber so klein und in einem so schlechten Zustand, dass man es kaum überhaupt identifizieren kann.

Mal abgesehen von diesem Gewand: Welche Kleidung trugen die Menschen zur Zeit Jesu? Was war damals Mode?

Rothe: Die Frage nach der Kleidung in Judäa zur Zeit Jesu lässt sich nur schwer beantworten, weil die jüdische Religion eine anikonische ist. Aus diesem Grund war es in der Antike unüblich, sowohl Gott wie auch Menschen darzustellen. Daher finden wir in diesem Raum sehr wenige von den Quellen, die wir üblicherweise im Römischen Reich für die Kleidung haben: etwa Porträts auf Grabsteinen, die Darstellung von Menschen in Mosaiken oder Statuen in den Städten. Weil wir kaum Bilder von Menschen aus dieser Gegend haben, ist es schwer nachträglich in Erfahrung zu bringen, was die Mode jener Zeit war. Aber wir helfen uns, indem wir Bilder aus den Nachbargebieten betrachten und Textquellen durchgehen. In der Bibel ist leider nicht sehr viel darüber zu lesen.

Hilfreich sind die Texte vom römisch-jüdischen Historiker Flavius Josephus, der im ersten Jahrhundert nach Christus über den jüdischen Aufstand geschrieben hat oder etwa die rabbinischen Texte aus den nachfolgenden Jahrhunderten, die ein Ideal der damaligen Zeit vorgeben. Sie beinhalten Aufzeichnungen jüdischer Gesetze und Vorschriften, die uns verraten, wie man damals leben sollte. Wir können davon ausgehen, dass es viele dieser Regeln auch schon zuvor gegeben hatte, obwohl die Texte erst nach Jesu Zeit entstanden sind. Sie helfen uns, ein Bild zu erhalten, wie es zur Zeit Jesu gewesen sein könnte.

Wurde eine Kleidung nicht mehr getragen, hat man den Stoff weiter verwendet.

Sind keine Reste von Kleidungsstücken für die Nachwelt erhalten?

Rothe: Doch, die gibt es noch. Die Textilien halten sich über die Jahrhunderte aber nur unter ganz bestimmten klimatischen Voraussetzungen: etwa in wasserreichen Gegenden oder im Moor, wie in Norddeutschland oder Skandinavien, oder aber in heißen, trockenen Gebieten, wie Syrien, den Nahen Osten oder Ägypten. Von da stammen auch die meisten erhaltenen Textilien aus Römischer Zeit. Oder auch aus Judäa. Wir haben auch Textilien in Qumran, in den Höhlen der Schriftrollen, oder in der ehemaligen jüdischen Festung Masada südwestlich des Toten Meeres in Israel gefunden. Textilien waren in der Antike sehr wertvoll. Wurde eine Kleidung nicht mehr getragen, hat man den Stoff nicht achtlos weggeworfen, sondern weiter verwendet. In Qumran diente der Stoff etwa als Hüllen für die Schriftrollen.

Im Osten des Römischen Reiches trugen die Menschen griechische Kleiung.

Und wie hat die Kleidung von damals ausgesehen?

Rothe: Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es in der Antike keine bestimmte jüdische Kleidung gab. Was zum Beispiel in Qumran oder in Masada an Textilien gefunden wurde, wurde auch im ganzen römischen Osten getragen. Seit Alexander dem Großen stand diese Gegend unter starkem griechischem Einfluss. Im gesamten Osten des Römischen Reiches trugen die Menschen mehr oder weniger griechische Kleidung, das heißt, eine Tunika und ein Umhang. Funde zeigen uns, dass die Tunika im Grunds aus zwei Stoff-Vierecken bestand, mit je einem Loch für die Arme und einem für den Kopf. Manchmal hatte die Tunika auch Ärmel. Die Tunika war mit Streifen verziert, die von den Schultern abwärts verliefen. Der Stoff wurde gegürtet. Darüber trug man einen rechteckigen Umhang (griechisch: himation; hebräisch: talit). Das war die Standardkleidung der damaligen Zeit. Die Männer haben die Tunika bis zu den Knien und die Frauen bis zu den Füßen getragen.

Von den Frauen wurde erwartet, dass sie ihren Umhang über den Kopf zogen, sich sozusagen verschleierten, wenn sie auf die Straße gingen. Der christliche Schriftsteller Tertullian, der um 200 nach Christus in Karthago in Nordafrika gelebt hatte, überliefert uns, dass man jüdische Frauen anhand ihrer Kopfbedeckung erkenne. Vermutlich war dies aber weniger eine jüdische Sitte, und vielmehr eine, die im gesamten Ostmittelmeer verbreitet war. Fresken aus der Mitte des dritten Jahrhunderts in der Synagoge in Dura Europos in der Provinz Syrien zeigen uns, wie die Frauen damals gekleidet waren. Ungewiss bleibt jedoch, ob Frauen tatsächlich so aussahen oder vielmehr so aussehen sollten.

Schrill oder trist: Welche Farbe war zur Zeit Jesus Mode?

Rothe: Manches von dem was man in Qumran in den Höhlen an Textilien gefunden hatte ist bunt. Gefunden wurden zum Beispiel rote Tuniken mit blauen Streifen. Die Bibel sagt im Deuteronomium, im fünften Buch Mose, das man Leinen und Wolle nicht mischen darf. Tatsächlich finden wir in diesen Höhlen auch keine Stoffe, die diese Mischung haben. Die gleiche Quelle sagt auch, dass an den Ecken von den Umhängen kleine Quasten angebracht werden sollen; auf Hebräisch heißen diese Zizit. Und tatsächlich finden wir sie an manchen der Umhänge, die in den Höhlen gefunden wurden. Spätere rabbinische Texte überliefern uns, dass Männer nur weiß und Frauen Farben tragen durften, keinesfalls aber rot, weil diese Farbe verpönt war. Das spiegelt sich wiederum aber nicht immer in den Textilien wider.

Weil diese Funde lediglich Reste sind, lässt sich heute schwer feststellen, wer damals tatsächlich was getragen hatte. Farben waren jedenfalls beliebt. In Qumran wiederum war viel Stoff aus Leinen, das sich nicht gut färben lässt. Deswegen trug man dort unter anderem Naturfarbe: also weiß. Letztlich wurden dort aber auch die Farben rot und blau in Textilien gefunden.

Heute spricht man gerne von den Jesuslatschen. Gab es sie damals tatsächlich?

Rothe: Ja, damals hatten die Menschen generell Schuhe getragen, die man heute Sandalen nennen würde. Das Leder ist mancherorts gut über die Jahrhunderte erhalten geblieben. Eine Geschichte aus dem Römischen Reich erzählt uns, dass die Juden selten ihre Schuhe mit Nägeln getragen hatten, römische Soldaten hingegen schon. Im babylonischen Talmud steht geschrieben, dass Juden keine Schuhnägel tragen dürfen, damit man die Römer auf der Straße marschieren hören konnte, wenn sie sich annäherten, oder aber die Fußstapfen im Sand wiedererkennen konnte.

Welche Rolle spielte die Kleidung im Alltagsleben der Menschen?

Rothe: Im Römischen Reich durfte nur der römische Bürger die Toga tragen. Wer sie trug, zeigte, dass er einen besonderen rechtlichen Status genoss. Auch in Judäa haben einige Menschen römisches Bürgerrecht besessen und ihre Togen vermutlich ebenso zu besonderen Anlässen getragen.

Wie stellen Sie als Archäologin fest, aus welcher Zeit ein Kleidungsstück stammt, das Sie finden?

Rothe: Wir beurteilen ein Kleidungsstück aus dem Kontext heraus, in welchem wir es finden. Wenn ein Textil einige Meter unter der Erde gefunden wird, lässt es sich beispielsweise anhand einer Münze oder eine Keramikscherbe, die in derselben Erdschicht gefunden wurde, datieren. Textilien sind organische Materialien und lassen sich daher auch labortechnisch untersuchen und somit relativ genau für eine bestimmte Zeitspanne datieren (C14-Datierung). Das Verfahren ist relativ teuer.

Ob Jesus tatsächlich einen Bart getragen hat, lässt sich nicht sicher sagen.

Woher kommt die Tradition des Jesus mit langen Haaren, dem weißen Gewand und den Latschen?

Rothe: Das Bild, das wir heute von Jesus haben gibt es schon seit dem Frühchristentum. Jesus trägt eine Tunika mit einem Umhang, also ein viereckiges Tuch, das über eine Schulter und ein bisschen um die Taille drapiert ist. Wahrscheinlich hat er das genau so auch getragen. Das war nämlich die 08/15-Mode im oströmischen, griechischen Kulturbereich. So abgebildet sehen wir Jesus auch auf Sarkophagen des dritten Jahrhunderts in Italien. In mancher frühchristlichen Kunst hingegen wurde Jesus anders dargestellt: beispielsweise als Hirte mit einer knappen Tunika, die eine Seite der Brust entblößt, oder als Soldat als Sieger über das Böse. Durchgesetzt hat sich aber über die Jahrhunderte die alte griechische Tracht mit den Sandalen. Ob er aber tatsächlich auch einen Bart getragen hat, lässt sich nicht sicher sagen. Keine Quellen verraten uns, dass Juden üblicherweise Bärte trugen.

Generell im Römischen Reich fingen die Menschen erst im frühen zweiten Jahrhundert mit Kaiser Hadrian an, Bärte zu tragen. Haare und Barttracht waren Mode im Römischen Reich, die sich mit den Jahren gewandelt hatte, der Trend der Kleidung wandelte sich hingegen weniger. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich vor Hadrian niemand einen Bart hatte wachsen lassen. In frühchristlicher Kunst ist Jesus so gut wie nie mit einem Bart dargestellt; der ist erst eine spätere Erfindung. Vorstellbar ist, dass Jesus als Jude mit Zizit herumgelaufen ist, aber das muss nicht sein. Ideal und Wahrheit sind eben oftmals zwei paar Schuhe.

Wie sah die Mode bei Kindern und Frauen aus?

Rothe: Natürlich gab es auch Kinderklamotten. Wir wissen, dass kleine Stoffbeutel mit Gewürzen an ihrer Tunika angebracht wurden, die vermutlich Krankheiten abwehren sollten. Grundsätzlich haben Kinder im Osten des Reiches kleinere Versionen dessen getragen, was auch ihre Eltern anhatten.

aus dem chrismonshop

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