Experten kritisieren schlechte Pflege für Demenzkranke

Experten kritisieren schlechte Pflege für Demenzkranke
"Den Weg gemeinsam gehen" - unter diesem Motto soll am Samstag zum Welt-Alzheimertag auf die wachsende Zahl von Demenzkranken aufmerksam gemacht werden. Experten kritisieren vor allem deren unzureichende Versorgung.

"Die Euphorie ist verflogen. Inzwischen ist unklar, wann es ein Medikament geben wird, das Alzheimer stoppen - nicht heilen kann." Das sagt eine, die es wissen muss: Isabella Heuser ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in der Berliner Charité und sitzt im Vorstand der Hirnliga, einem Zusammenschluss der deutschen Alzheimer-Forscher. Zum Welt-Alzheimertag am Samstag plädieren Experten deshalb für eine bessere Betreuung von Demenzpatienten. Knapp zwei Drittel von ihnen leiden an Alzheimer, einer besonderen Form der Demenz.

Mehr Akzeptanz von Demenzerkrankten in der Gesellschaft forderte am Donnerstag auch der Berliner Professor Hans Gutzmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie. Bislang sei das Gesundheits- und Sozialwesen nicht darauf eingestellt. Die aufwendige Diagnostik und Therapie werde den Haus- und Fachärzten sowie den Kliniken bislang "nicht adäquat honoriert". So versäumten viele Betroffene die notwendige medizinische Behandlung im Anfangsstadium der Krankheit. Die Hauptlast liege dann auf den Angehörigen, betonte Gutzmann.

Die Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Heike von Lützau-Hohlbein, fordert deshalb von einer neuen Bundesregierung eine Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffes. Diese sei überfällig. Bislang würden Demenzpatienten in der Pflegeversicherung noch diskriminiert, kritisierte Lützau-Hohlbein.

Eine der teuersten Behandlungen im Gesundheitssystem

Unter Demenz verstehen Experten einen Prozess, der zum Orientierungsverlust führt und sich über Jahre erstreckt. Die wörtliche Übersetzung des Begriffs aus dem Lateinischen lautet "weg vom Geist" oder auch "ohne Geist". Bei einer Demenz kommt es zu chronisch fortschreitenden degenerativen Veränderungen des Gehirns. Die Gedächtnisleistung, das Denkvermögen und die Urteilsfähigkeit der Patienten verschlechtern sich. Mit fortschreitender Krankheit erkennen sie Angehörige nicht mehr und verlernen Alltagskompetenzen wie Laufen oder Essen.

Demenzerkrankungen nehmen den Experten zufolge in Deutschland zu. Bis 2050 werde sich die Zahl der Erkrankten von aktuell 1,4 Millionen auf drei Millionen mehr als verdoppeln. Der hohe und lange Pflegeaufwand mache die Krankheit zu einer der teuersten Behandlungen im Gesundheitssystem. Derzeit schlage sie mit rund 45 Milliarden Euro pro Jahr zu Buche, so Gutzmann. Die Ursachen für Alzheimer liegen laut Heuser weitgehend im Dunkeln. Vermutet würden beispielsweise Entzündungen als Auslöser. Heuser plädiert deshalb für eine andere Forschungsförderung "außerhalb des Mainstreams". Therapien bewirken bislang lediglich eine Verlangsamung der Krankheitsentwicklung.

Schätzungen zufolge werden rund 70 Prozent der Kranken zu Hause von Angehörigen gepflegt. Mit Blick auf das Motto des Welt-Alzheimertags in diesem Jahr "Demenz - den Weg gemeinsam gehen" sagte Lützau-Hohlbein, Freunde und Nachbarn von Betroffenen müssten sich ebenso wie Städte und Gemeinde besser auf das wachsende Phänomen einstellen. Ziel müsse die "demenzfreundliche Kommune" sein mit entsprechenden Beratungsangeboten und Schulungen für Verwaltung, Polizei, Einzelhandel - eben allen, die mit verwirrten Menschen in Kontakt kommen.