Bibel und Demenz: Wie Weintrauben den Glauben stärken

Weintrauben in Schale

Foto: Getty Images/iStockphoto/CasarsaGuru

Menschen mit Demenz können biblische Geschichten besser aufnehmen, wenn es anschaulich und erfahrbar wird. Dabei können Weintrauben helfen.

Bibel und Demenz: Wie Weintrauben den Glauben stärken
Die Bibel hat Uli Zeller immer dabei. Um Menschen mit Demenz den Glauben erfahrbar zu machen, arbeitet der Krankenpfleger und Seelsorger praktisch und wissenschaftlich mit Erdbeeren, einem Telefon oder mit 1.000 Euro in Geldscheinen in der Bibelkreiskleingruppe. Ein Interview zum Welt-Alzheimertag am 21. September.

Wie setzen Sie die Bibel bei der Demenz-Therapie ein?

Uli Zeller: Wir haben im Altersheim ausprobiert, wie wir Menschen mit Demenz in angemessener Weise begegnen können und uns für kleinere Gruppen bis zu zehn Teilnehmern entschieden. Von unseren 70 Bewohnern nimmt rund die Hälfte an der wöchentlichen überkonfessionellen Bibelkreiskleingruppe regelmäßig teil. Es geht darum, die Lebenswirklichkeit der Teilnehmer und eine gemeinsame Glaubensausübung in Einklang zu bringen. Ich arbeite mit ihnen die biblischen Gemeinsamkeiten heraus, die von den Protestanten und Katholiken anerkannt werden. Dabei versuche ich die Menschen über ihre Sinne zu erreichen.

 Unser evangelischer Hauptsinn ist nämlich das Hören. Wir hören im Gottesdienst zu, denken nach und ziehen dann unsere Schlüsse. Menschen mit Demenz überfordert das. Daher versuche ich, ihnen über möglichst viele Sinne zu begegnen.

Die Bibel ist voll von Geschichten. Eine davon erzähle ich und zeige dazu passende Gegenstände, die die Ereignisse erklären. Demente Menschen kann man nicht zutexten, man kann ihnen auch keine Geschichte wie am Telefon erzählen. Dazwischen singen wir mit den alten Menschen Taizélieder, wie beispielsweise "Meine Hoffnung und meine Freude", oder "Bleib mit Deiner Gnade bei uns". Gut an den Liedern ist, dass sie auf einer Tonebene bleiben und außerdem noch ein Ohrwurm sind. Viele kennen den Text und singen mit. Der Rhythmus regt wiederum den Tastsinn an. Damit entsteht eine Art Kreislauf. So lassen sich die Geschichten aus der Bibel anschaulich und packend erzählen. Sie werden erlebbar. Oder ich bete mit meinen Teilnehmern gemeinsam das "Vater unser". Das stärkt den Glauben.

Wie erzählen Sie, damit Sie die Menschen erreichen?

Zeller: Ich reduziere die Zusammenhänge, indem ich sie vereinfache. Beim Erzählen benutze ich einfache Wörter und Sätze und vermeide Nebensätze. Manche denken, Menschen mit Demenz müsse alles langsam, deutlich und mehrmals wiederholt gesagt werden. Das kann von oben herab und verurteilend wirken. Wenn ich aber mit Bauklötzen, einer Münze und Weintrauben eine biblische Geschichte erzähle, ist das zugleich auch eine Wiederholung des Aspekts, aber auf eine unaufdringliche und natürliche Weise. Ich lege die Gegenstände einfach in die Mitte und das wirkt dann weder idiotisch noch aufgesetzt.

"Menschen vergessen von hinten nach vorne"

Wie machen die Gegenstände biblische Geschichten erfahrbar?

Zeller: Neulich erzählte ich die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20). Die Arbeiter werden über den Tag nach und nach von dem Weinbergbesitzer eingestellt und am Abend bekommt jeder den gleichen Lohn. Für die gearbeiteten Stunden hatte ich Bauklötze mit in die Runde genommen, entsprechend gestapelt und überall eine Münze draufgelegt. Um die Trauben darzustellen, wäre es gut gewesen, diese Früchte mitzunehmen. Ich hatte gerade keine zur Hand, daher frische Erdbeeren aus dem Garten dabei und in die Runde gegeben, um den Tastsinn anzusprechen.

Einmal hatte ich ein altes Telefon mit Wählscheibe mitgebracht und damit den Psalm 50,15 vorgestellt, als so genannte "himmlische Telefonnummer": 5015. Dort heißt es: "Rufe mich an in der Not, so will ich Dich erretten." Dieses "rufe mich an in der Not" habe ich auf das Telefon bezogen. Das Telefon, das schnarrende Geräusch der Wählscheibe, all das kann Erinnerungen bei Dementen wecken. Ein anderes Beispiel ist die Geschichte vom "Verlorenen Sohn" (Lukas 15). Der Sohn lässt sich vom Vater das Erbe auszahlen, geht weg und landet am Ende im Schweinestall. Während ich diese Geschichte erzählte, legte ich 1000 Euro in die Bibelkreisrunde. Der Effekt war erstaunlich, die Aufmerksamkeit plötzlich immens. Interessant dabei ist, dass keiner der Teilnehmer mit dem Euro groß geworden ist. Man sagt: man vergisst von hinten nach vorne. Trotzdem erregten die Euroscheine viel Aufsehen. Eine solche Reaktion hatte ich nicht vermutet.

Woran erkennen Sie, dass ihre Arbeit überhaupt eine Auswirkung hat?

Zeller: Ich beobachte das Verhalten der Teilnehmer. Nehmen Sie als Beispiel eine Frau in der letzten Demenzphase. Sie weiß nicht, wer sie ist, kennt nicht ihren eigenen Namen. Mit ihr habe ich abends das "Vater unser" gebetet. Manchmal war sie konzentriert, mal abgelenkt oder abwehrend, dann betete sie wieder vier, fünf Worte mit. Dabei habe ich die Umstände beobachtet: gab es Ablenkungen durch ein Telefonklingeln oder durch andere Ereignisse in der Umgebung? Insgesamt habe ich etwa 100 solcher Gebetssituationen dokumentiert und ausgewertet. Dabei habe ich im Fall der alten Dame an ihrem Gesichtsausdruck, ihrer Mimik oder Gestik beobachtet, dass sie sehr wohl gemerkt hat, ob etwa der abendliche Pfleger abgelenkt oder unruhig war, ob es Konflikte gegeben hatte oder auch wie man sie anspricht: mit Vornamen, ein- oder zweimal oder mehrmals. Alle diese Umstände wirken dann jeweils auch auf den Verlauf des Gebets.

"Die Bibel beschreibt das Gebrechen bildhaft"

Wie thematisiert die Bibel das Alter? Spielt Demenz eine Rolle?

Zeller: Das Alte Testament bietet einen differenzierten Blick auf das Alter. Beispiele gibt es viele. Bei den Stammvätern Abraham, Isaak oder Jakob kommt die Wendung: Wenn sie starben, sie starben "alt und lebenssatt." Dabei ist das Alter, das Lebenssatte, positiv gemeint. Da steht nicht "lebensmüde". Das Leben hat sich erfüllt, sie haben es genossen, das Alter ist eine Belohnung. Im Gegenzug verherrlicht die Bibel das Alter aber auch nicht, stellt es vielmehr differenziert dar und spricht von Altersgebrechen, zum Beispiel im Kapitel Prediger 12. Da werden verschiedene Altersleiden sehr bildhaft dargestellt. So in der Passage: "Denk an Deinen Schöpfer in Deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du sagen wirst, sie gefallen mir nicht." Es wird ein Alter kommen, das einem nicht gefällt.

In Bildern wird beschrieben, was im Alter alles so auftritt. Wenn es heißt: "die Sonne wird sich verfinstern", kann das heißen, dass man schlechter sieht. Oder "die Hüter des Hauses zittern", kann man als Bild dafür auslegen, dass die Beine im Alter wackelig werden und die ganze Motorik sich verschiebt. "Müßig stehen die Müllerinnen da" beziehen manche auf die Zähne, die im Alter ausfallen, nur einige bleiben als Stummel zurück. Die Bibel beschreibt also das Gebrechen bildhaft. Das Wort Demenz steht natürlich nicht im Text. In einem Psalm ist aber die Rede von einem, der vergisst, sein Brot zu essen. Im Neuen Testament hingegen tritt das Alter als Lebensstand in den Hintergrund. Vereinzelt taucht es noch auf, etwa in der Weihnachtsgeschichte. Die Hoffnung auf Auferstehung verdrängt das Alter.

Welche Auswirkung hat der Glaube auf den Verlauf der Krankheit?

Zeller: Der Glaube gibt Hoffnung. Man merkt einem Menschen an, wenn er Sachen wiedererkennt, die ihm Hoffnung geben. Eine demente Frau beispielsweise, die ihr Leben lang sehr musikalisch war, schlägt beim Hören von Kirchenliedern ihre Augen auf, ist wach und fängt trotz des schweren Verlaufs ihrer Krankheit an, mit dem Fuß zu wippen und singt mit.

Gibt es Möglichkeiten, auch als Demenzkranker zum Glauben zu finden?

Zeller: Wie Menschen ihren Glauben leben ändert sich im Wandel der Zeit. In den 1920er Jahren lernten die Schüler noch über 100 Geschichten aus der Bibel auswendig. Heute wird nicht mehr viel auswendig gelernt; die Geschichten graben sich nicht mehr so tief ins Gedächtnis ein. Somit wird man später als Demenzkranker auch nicht mehr auf sie zurückgreifen können. Heute wird viel mehr über das Erleben vermittelt, auch der Glaube. Das können auch Menschen mit Demenz.

Was zeigt Ihnen die Zusammenarbeit mit dementen Menschen?

Zeller: Dass der Verstand nicht alles ist. Glaube geht über den Verstand hinaus. Gott will Menschen mit oder ohne Demenz begegnen. Das kann sowohl über den Verstand, als auch über das Gefühl geschehen. Und Glaube ist was Erlebbares. Die Arbeit mit dementen Menschen beschenkt mich. Ich kann von ihnen lernen, im Jetzt zu leben und zu verstehen, dass man unabhängig von der eigenen Leistung ein wertvoller Mensch ist.

Dieses Interview ist erstmals am 21. September 2013 veröffentlicht worden.

aus dem chrismonshop

Glück und Segen
Herzlich willkommen! Ein neugeborenes Kind rührt die Herzen. Durch alle Zeiten und Kulturen, zeugt es engelsgleich von der Unverfügbarkeit menschlichen Lebens. Als Martin...