Missbrauchsbeauftragter Rörig gibt keine Entwarnung

Missbrauchsbeauftragter Rörig gibt keine Entwarnung
Gut drei Wochen vor der Bundestagswahl hat der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig die künftige Bundesregierung aufgefordert, Aufarbeitung und Aufklärung nicht abreißen zu lassen. "Die Bundespolitik darf jetzt keinen Schlussstrich unter das Thema Missbrauch ziehen", sagte Rörig am Donnerstag in Berlin.

Die Stelle des Unabhängigen Beauftragen für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, die vom Bund finanziert wird, läuft zum Ende der Legislaturperiode, spätestens aber zum 31. Dezember dieses Jahres aus.

Rörig bilanzierte, zwar habe sich dreieinhalb Jahre nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsskandale ein neues Bewusstsein für die Gefahr sexueller Gewalt gegen Kinder gebildet. Doch seien die Missbrauchs-Zahlen unverändert hoch. Es gebe "keine Entwarnung". Jedes Jahr werden rund 12.000 Missbrauchsfälle angezeigt, 2012 waren es 12.500. Experten gehen aber von hohen Dunkelziffern aus.

Rörig kritisierte, dass der Hilfefonds noch immer nicht komplett sei und die Fachberatungsstellen vor Ort unter Personalmangel leiden. "Da ist nichts passiert", kritisierte er und forderte die Länder auf, die Beratungsstellen endlich finanziell abzusichern. Es fehlten vor allem Anlaufstellen für Jungen, Männer und für Opfer sexueller Gewalt aus Einwandererfamilien.

16.500 Gespräche und 4.500 Briefe

Der Hilfefonds, der von Bund und Ländern mit 100 Millionen Euro ausgestattet werden soll, verfügt derzeit nur über 50 Millionen vom Bund und eine Zusage des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Erste Anträge von Opfern sexueller Gewalt im familiären Umfeld sind inzwischen bewilligt worden. Der Fonds soll aber auch für die Betroffenen geöffnet werden, die in kirchlichen oder öffentlichen Einrichtungen missbraucht worden sind. Rörig sagte, die Verhandlungen über die Finanzierung kämen seit zwei Jahren nicht voran.

Der Missbrauchsbeauftragte erneuerte seine Forderung nach einer unabhängigen Experten-Kommission für die Aufarbeitung der Skandale. "Wir müssen wissen, was war und was ist", sagte er. Zugleich ermahnte er Kirchen und öffentliche Einrichtungen, die Aufarbeitung in ihren eigenen Reihen voranzutreiben. Die katholischen Bischöfe hatten am Mittwoch beschlossen, das Forschungsprojekt zu sexuellem Missbrauch durch Geistliche neu auszuschreiben, nachdem der erste Anlauf mit dem Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer gescheitert war.

Rörig ist der Nachfolger der ersten Missbrauchsbeauftragten Christine Bergmann, die im Frühjahr 2010 eingesetzt worden war. Die Geschäftsstelle des Unabhängigen Beauftragten wird aus dem Etat des Bundesfamilienministeriums finanziert und hat elf Mitarbeiter. Seit 2010 wurden nach Rörigs Angaben 16.500 Beratungsgespräche geführt. 4.500 Menschen haben sich in Briefen an den Missbrauchsbeauftragten gewendet.

 

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