"Ich bin einfach nur stinksauer auf diese Typen"

Rabbiner Daniel Alter

Foto: epd/Rolf Zöllner

Rabbiner Daniel Alter

"Ich bin einfach nur stinksauer auf diese Typen"
Vor einem Jahr, am 28. August 2012, wurde der Rabbiner Daniel Alter in dem gutbürgerlichen Berliner Stadtteil Friedenau Opfer eines brutalen antisemitischen Überfalls. Alter wurde am helllichten Tag von mutmaßlich arabischstämmigen Jugendlichen auf sein Judentum angesprochen und dann vor den Augen seiner Tochter krankenhausreif geschlagen. Der Überfall sorgte bundesweit für großes Entsetzen. Der Evangelische Pressedienst sprach mit Daniel Alter, der auch Antisemitismusbeauftragter der Berliner Jüdischen Gemeinde ist, über die Folgen des Überfalls.

Rabbiner Alter, ein Jahr nach dem Überfall auf Sie und ihre Tochter gibt es immer noch keine ermittelten Täter. Nehmen die Sicherheitsbehörden den Vorfall ernst genug? Gibt es für Sie eine Erklärung?

Rabbiner Daniel Alter: Ich weiß definitiv, dass man versucht hat ernsthaft und engagiert zu ermitteln und dass es mir durchaus nachvollziehbar ist, warum keine Ermittlungsergebnisse vorliegen. Es gab keine verwertbaren Spuren wie Genmaterial, und es gab keine Augenzeugen der Tat. Es gab nur die Beschreibung der Täter von meiner Tochter und mir, und die Behörden haben ganz engagiert überall herumgefragt und versucht, eine Spur zu finden.

Welche Erfahrungen haben Sie nach dem Überfall gemacht? Sind Sie psychologisch betreut worden?

Alter: Es gab sehr viel Angebote. Man muss sagen, was meiner Familie und mir als Reaktion auf den Überfall widerfahren ist, hat uns alle sehr positiv überrascht. Wir sind von einer Welle der gesamtgesellschaftlichen Solidarität im positiven Sinne völlig überrollt worden. Dazu gehörten auch Angebote von Psychotherapeuten, ohne Honorar potenzielle Traumata mit uns und unseren Kindern aufzuarbeiten. Einige dieser Hilfsangebote haben wir dann auch tatsächlich in Anspruch genommen. Aber auch hier spreche ich strikt individuell. Meine Erfahrungen waren in diesem einen Fall extrem positiv, aber man sollte sich nicht darauf verlassen, dass das immer so sein wird. Ich weiß, dass andere Betroffene ganz andere Erfahrungen gemacht haben.

"Das ist meine Stadt, das ist mein Kiez, und das lasse ich mir nicht wegnehmen"

Hat der Überfall etwas in Ihrem Verhältnis zu Deutschland verändert?

Alter: Die Reaktionen haben mir sehr geholfen, mich hier weiter gut zu fühlen und zu sagen, ich bleibe hier und ich mach' hier weiter. Gerade die Reaktionen aus unserem Kiez und unserer Nachbarn waren sowohl für mich persönlich als auch für meine Kinder ganz ganz wichtig. Die Jugend- und Kinder-Traumatherapeutin, die uns geholfen hat, hat sehr schnell gesagt, die Kinder seien nicht traumatisiert. Das war etwas ganz Wichtiges und etwas ganz Positives. Von dieser Art der Solidarität würde ich mir für alle Opfer rassistischer, gewalttätiger und antisemitischer Übergriffe noch viel viel mehr wünschen. Das würde Deutschland noch viel mehr zu einem liebenswerten und lebenswerten Land machen.

Können Sie wieder unbefangen auf die Straße gehen?

Alter: Jetzt wieder. Es gibt keine Rest-Ängste mehr. Ich lebe in Berlin genauso gut wie vorher. Das ist meine Stadt, das ist mein Kiez, und das lasse ich mir nicht wegnehmen.

Träumen Sie noch manchmal von dem Überfall?

Alter: Jetzt nicht mehr. Am Anfang war das natürlich sehr präsent. Ich war unheimlich wütend und aggressiv auf die Typen, die mich angegriffen haben. Aber auch das ist mir sehr wichtig zu sagen: Niemals hat sich mein Zorn und meine Wut auf irgendeine anonyme Gruppe Moslems, Türken oder Araber konzentriert. Ich bin einfach nur stinksauer auf die Typen, die das gemacht haben. Träumen tue ich heute von gesunden Kindern und Frieden für Israel.