Deutsche evangelische Pastoren: Zurück nach Ägypten?

Masssenproteste auf dem Tahrirplatz in Kairo

Foto: dpa/Andre Pain

Demonstrierende auf dem Tahrir-Platz in Kairo am 3. Juli 2013. Dem Tag, an dem die El Karshehs Kairo Richtung Deutschland verließen.

Deutsche evangelische Pastoren: Zurück nach Ägypten?
Wie sich Gewalt und Ausgangssperre auf ihren Alltag in Kairo auswirken, wissen sie noch nicht. Das niedersächsische Pastorenehepaar Nadia und Stefan El Karsheh leitet die deutschsprachige Gemeinde in Ägypten und kehrt jetzt nach dem Urlaub zurück nach Ägypten.

Nadia El Karsheh schwankt zwischen Besorgnis und Ungeduld. Am Donnerstag ist ihr Mann Stefan nach Kairo geflogen. In einer Woche will auch die 40-Jährige mit ihren Kindern Junis (5) und Lia (1) zurück in die Metropole, wo das Pastorenehepaar aus Niedersachsen die evangelische Auslandsgemeinde leitet. Die Familie ist wegen der Unruhen in Ägypten länger als geplant im Deutschlandurlaub geblieben. "Wir wissen nicht, was uns erwartet. Aber unser Alltag in Kairo ist so präsent, dass wir jetzt auch dorthin wollen."

Im Januar ist das Pastorenehepaar aus Lüchow im Wendland in die Gemeinde gewechselt, die zu den rund 120 mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verbundenen deutschsprachigen Auslandsgemeinden zählt. "Das war gleich ein wildes Wochenende", erinnert sich Nadia El Karsheh. Ein Jahr nach der Absetzung des früheren Präsidenten Husni Mubarak entlud sich bei Demonstrationen die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem gewählten Präsidenten Mohammed Mursi von den Muslimbrüdern.

Plötzlich gehen Nachbarn aufeinander los

Pastorin Nadia El Karsheh mit ihren Kindern
Als am 3. Juli 2013 das Militär dann Mursi entmachtete, war die Familie gerade auf dem Weg in den Deutschlandurlaub. Dabei hätten sie noch hoffnungsvolle Bilder mitgenommen, sagt die Pastorin. Von einer Hochbrücke auf dem Weg zum Flughafen in Kairo sahen sie die Menschenmengen auf dem Tahrirplatz. Zwei Tage vorher war auch Stefan El Karsheh unter den Demonstranten. "Es war eine gute Atmosphäre mit fröhlich gestimmten Leuten", sagt seine Frau. Doch schon die Rede Mursis nach seiner Absetzung sei ernüchternd und die Gegenwehr der entmachteten Muslimbrüder absehbar gewesen.

Ob die evangelische Schule der deutschen Kirchengemeinde in Kairo nach den Ferien jetzt wieder starten kann, ist noch ungewiss. Wie sich Gewalt, Chaos und Ausgangssperre auf das Alltagsleben im Dokki-Viertel auswirken, in dem die Schule liegt und die Pastorenfamilie lebt, will Stefan El Karsheh jetzt erkunden, bevor Frau und Kinder nachkommen. Die Kirchengemeinde mit rund 90 Deutschen, die in Ägypten arbeiten oder dorthin geheiratet haben, sei bisher von Gewalt verschont geblieben, sagt Nadia El Karsheh.

Koptische Christen aus ihrem Bekanntenkreis berichteten jedoch von zunehmenden Übergriffen militanter Muslimbrüder. "Ein befreundeter Pastor hat erzählt, dass seine Heimatkirche niedergebrannt wurde. Da gehen plötzlich Nachbarn aufeinander los." Der Weltkirchenrat warnt davor, dass sich die Lage verschärft. Allein in der vergangenen Woche wurden landesweit mehrere Dutzend Kirchen und andere christliche Einrichtungen von mutmaßlichen Islamisten angegriffen.

Die faszinierenden Seiten der Millionenmetropole

Nadia El Karsheh hofft auf die Kraft der ägyptischen Zivilgesellschaft - und darauf, dass Chaos und Gewalt überwunden werden. Die Pastorin, die in Buxtehude bei Hamburg aufwuchs, stammt aus einer deutsch-palästinensischen Familie. Ihr Vater, ein christlicher Palästinenser, ist als Kind mit seiner Familie aus Jerusalem nach Jordanien geflohen. "Ins arabischsprachige Ausland zu gehen, lag für uns nah", sagt die 40-Jährige, deren Geburtsnamen die Familie führt.

Die sechs Jahre, für die sie die EKD entsendet hat, wollen die El Karshehs nach Möglichkeit in Kairo bleiben. Denn sie haben auch die faszinierenden Seiten der Millionenmetropole entdeckt. "Im Umfeld der Gemeinde haben wir sehr interessante, weltoffene Menschen kennengelernt", sagt Nadia El Karsheh. Das Leben pulsiere. "Bei den Anti-Mursi-Demos gab es einen eigenen Marsch der Künstler. Das waren Tausende."