"Gott wollte, dass ich Islam-Lehrer werde"

Islamischer Religionslehrer in Niedersachsen

Foto: epd-bild/Nigel Treblin

Der 48-jährige Hikmet Gökdemir unterrichtet ab dem nächsten Schuljahr als einer der ersten Lehrer islamische Religion in Niedersachsen.

"Gott wollte, dass ich Islam-Lehrer werde"
Hikmet Gökdemir ist einer der ersten islamischen Religionslehrer in Niedersachsen
Rund 49.000 muslimische Kinder und Jugendliche lernen an den Schulen in Niedersachsen. Viele von ihnen können demnächst von einem neuen Fach profitieren. Im neuen Schuljahr bietet das Land islamischen Religionsunterricht an.

Hikmet Gökdemir ist ein Pionier. Als einer der Ersten in Niedersachsen hat er die offizielle islamische Lehrerlaubnis für Religionsunterricht an der Schule erhalten. Und als landesweit erster islamischer Religionslehrer unterrichtet er an der Evangelischen Integrierten Gesamtschule in Wunstorf bei Hannover das Fach ab der fünften Klasse. Auf das neue Schuljahr freut sich der 48-Jährige ganz besonders, denn das Land will islamische Religion jetzt flächendeckend als neues ordentliches Schulfach einführen: "Ich glaube, dass sich das durchsetzt in Deutschland. Aber es braucht Zeit."

Ebenso wie Hessen will Niedersachsen künftig an Grundschulen und ab 2014/15 auch im Sekundarbereich I in aufsteigenden Klassenstufen einen solchen Unterricht anbieten. Beide Länder folgen damit Nordrhein-Westfalen, das im vergangenen Jahr den Anfang machte. "Es geht um die Gleichberechtigung aller Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen", betont Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). 49.000 muslimische Schüler im Land könnten davon profitieren. Für sie sucht das Land jetzt geeignete Lehrer.

Gökdemir, ein lockerer Typ mit kurzen Haaren und Bart, gibt bereits seit Oktober 2012 Religion und Sport an der Integrierten Gesamtschule. "Ich bin durch und durch Religionslehrer, es macht Riesenspaß", erzählt er. "Ich bin hochmotiviert, den Kindern etwas beizubringen." Leider seien nicht alle Kinder in gleicher Weise motiviert, auch etwas zu lernen, räumt er ein. Nur ein Muslim könne angemessen islamische Religion lehren, findet Gökdemir: "Wie glaubwürdig wäre es, wenn ein Protestant den Islam unterrichtet?"

"Gott wollte, dass ich Islam-Lehrer werde und kein Profi-Trainer"

Der türkischstämmige Lehrer ist ein klassischer Quereinsteiger. Ausgebildet an der Sporthochschule Köln wollte er eigentlich Fußballtrainer werden. Doch trotz zahlreicher Bewerbungen erhielt er nur Absagen, was er auf seine ausländischen Wurzeln zurückführt.

Mit 40 begann er, den Koran zu lesen und erlebte eine Art Lebenswende. Fortan studierte er berufsbegleitend zu seinem Job als Physiotherapeut und Sportpädagoge islamische Theologie in Osnabrück. "Gott wollte, dass ich Islam-Lehrer werde und kein Profi-Trainer."

Für ihn war es auch Gottes Fügung, dass ausgerechnet eine evangelische Schule seinem Professor eine Mail schickte und einen islamischen Religionslehrer für rund 29 muslimische Schüler suchte. Die Evangelische IGS Wunstorf und eine katholische Hauptschule im emsländischen Papenburg bieten bereits seit dem vergangenen Schuljahr in Eigenregie das Fach Islamische Religion ab der fünften Klasse an. "Wir wollen an unserer Schule den Dialog der Religionen gezielt pflegen und fördern", sagt die evangelische Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track.

Inhaltliche Nähe zu christlichem Unterricht

Die Inhalte des neuen Faches sind an den christlichen Religionsunterricht angelehnt. Da geht es um die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten oder um Mann und Frau aus Sicht des Islam. Aber auch um den Umgang mit Drogen oder das Kapitel "Wenn die Eltern peinlich sind". Das Lehrbuch hat ein islamischer Professor der Universität Osnabrück entworfen. Anders als an einer Koranschule werden aus dem heiligen Buch des Islam nur Kernstellen gelesen - und nur in deutscher Übersetzung.

An staatlichen Schulen müssen mindestens zwölf Kinder zusammenkommen, damit das Fach erteilt werden kann. Der Unterricht wird auf Deutsch erteilt, und die Schüler erhalten ganz normal Noten oder Lernentwicklungsberichte. Das neue Fach ist damit versetzungsrelevant. An 48 Grundschulen hat das Land den Islam-Unterricht in einem Schulversuch schon getestet. Gökdemir hat allerdings sein Ziel schon viel weiter gesteckt: "Ich möchte der erste Islam-Lehrer sein, der an einer Oberstufe unterrichtet."

Mit dem neuen Schuljahr sind es drei von 16 Bundesländern, in denen islamischer Religionsunterricht als ordentliches Schulfach angeboten wird. Nachdem Nordrhein-Westfalen regulären Islamunterricht bereits zum Start des Schuljahres 2012/13 einführte, folgen in den nächsten Tagen und Wochen Niedersachsen und Hessen. Bundesweit gibt es Schätzungen zufolge etwa 700.000 muslimische Schüler.

Ein Hindernis für die Einführung von Islamunterricht als ordentliches Schulfach war bisher, dass anerkannte Religionsgemeinschaften aufseiten der Muslime als Kooperationspartner für den Staat fehlten. Da sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch in Niedersachsen noch kein Islamverband als Religionsgemeinschaft anerkannt ist, wurde jeweils ein Beirat eingerichtet, der an der Auswahl der Lehrkräfte und Entwicklung von Lehrplänen beteiligt ist. In Hessen sind der Landesverband der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion und die Ahmadiyya Gemeinde die Kooperationspartner.