Deggendorf: "In der Stadt ist es seltsam gespenstisch"

Das Ortsschild von Deggendorf-Fischerdorf im Wasser

Foto: dpa/Armin Weigel

Der Deggendorfer Stadtteil Fischerdorf steht unter Wasser.

Deggendorf: "In der Stadt ist es seltsam gespenstisch"
Die historische Altstadt von Deggendorf (Bayern) ist von den Fluten der Donau verschont geblieben. Dort wirkt das Leben fast normal. Doch der Schein trügt: Teile von Deggendorf sind komplett zerstört. Ansichten eines Pfarrers aus dem Schlauchboot.

"Es ist eine Idylle unter blau-weißem Himmel", die sich den Menschen in der Stadt bietet, sagt der Deggendorfer evangelische Pfarrer Jürgen Pommer. So empfindet er es immer noch. Als der Notfallseelsorger zusammen mit einem Feuerwehrmann im Schlauchboot durch das überflutete Fischerdorf auf der anderen Donauseite fährt, strahlt auch die Sonne.

Pfarrer Jürgen Pommer

Und während sie an Häusern vorbeikommen, die bis zum Giebel im Wasser stehen, zwitschern die Vögel aus den Baumkronen. "Das ist eine irreale Welt", sagt Pommer. Unfassbar. Es kostet seelisch Kraft, die Bilder zusammenzubringen.

"In der Stadt ist es seltsam gespenstisch", stimmt Gabriele Schrot, die evangelische Kindergartenleitern zu. Es herrscht eine merkwürdige Normalität, wenn die Leute in die Stadt gehen, dort einkaufen oder ins Café gehen. Ruhig, fast still geht es zu. "Da gibt es kein richtiges Leben", sagt sie.

Auch in ihrem Kindergarten fehlt diesen Tagen etwa die Hälfte der knapp 90 Jungen und Mädchen. Viele Eltern denken, bei ihnen Zuhause seien ihre Kinder sicherer. "Da rückt die Familie eng zusammen." Die Hochwasserkatastrophe beschäftigt die Kinder emotional. Sie wissen: eine Erzieherin hat kein Zuhause mehr. "Wir haben uns deshalb nur mit Wasser beschäftigt, Geschichten dazu gehört, viel gesungen und getanzt."

"Die Katastrophe lässt keinen von uns kalt"

Obwohl die Donaupegel sinken, hält das Hochwasser die Menschen in Niederbayern weiter in Atem. "Die Katastrophe lässt keinen von uns kalt", weiß Pfarrer Pommer. In Deggendorf und Umgebung sind alle emotional betroffen und erschüttert vom Leid, auch wenn sie selbst kein Hab und Gut in den Fluten verloren haben. "In den letzten Tagen gab es immer wieder ergreifende und schlimme Szenen", die wohl noch keiner so erlebt habe, sagt Pommer am Sonntag im Gottesdienst in der Auferstehungskirche.

Die Bilder von Zerstörung und Verwüstung, die wir noch gar nicht wirklich fassen oder begreifen können, hätten sich schon jetzt tief die Seelen eingebrannt. Zugleich erlebe er, dass die Hochwasserkatastrophe alle miteinander verbindet, wie er es in den letzten 20 Jahren in Deggendorf noch nicht erlebt habe. Menschen würden oft bis an die Grenzen ihrer eigenen Kraft helfen, berichtet der Seelsorger.

Ohnmächtig, ratlos und traurig

In dieser Situation will die Kirche ein Ort sein, in denen auch Klagen vorgebracht werden können. Ihr Leid klagten mehr als 150 Menschen bereits bei einem bewegenden Gottesdienst am Samstagabend, als sie durch die katholische Pfarrkirche St. Martin zogen und Teelichter im Altarraum aufstellten. Stilles Gedenken für zehn Minuten bei Orgelmusik, beschreibt der Pfarrer dieses meditative Gebet.

"Wir wollen all das, was uns bewegt, was wir nicht verstehen und fassen können, was uns ohnmächtig, ratlos und traurig macht vor Gott bringen und so dem Leid, das oft stumm macht, eine Stimme geben", sagt Pommer, der den ökumenischen Gottesdienst gemeinsam mit seinem katholischen Pfarrkollegen Wolfgang Riedl feierte.

Das Unbegreifliche an dieser Naturkatastrophe trotz allem technischen Fortschritts bringt im Sonntagsgottesdienst die Deggendorfer Prädikantin Sabine Intsiful in ihrer Predigt zum Ausdruck: "Wir fühlen uns so sicher in unserem friedlichen, fortschrittlichem Land, dass es uns umso härter trifft, wenn diese Sicherheit sich von einen Tag auf den anderen in Luft auflöst." Rund 6000 Menschen im Landkreis Deggendorf hatten ihre Häuser verlassen müssen. Es besteht derzeit keine Gefahr, dass Deiche brechen, aber die Angst vor neuen Unwettern bleibt. Neue starke Regenfälle sind angekündigt.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Gott sei kein "Wunscherfüllungsautomat" und Christsein keine Versicherung mit Garantie der Bewahrung vor Katastrophen aller Art, sagt die Laienpredigern Intsiful. Sie erinnert daran, dass ausgerechnet Niederalteich, wo die Menschen seit vielen Jahren für den Erhalt einer freifließenden Donau beten, überschwemmt wurde. Dennoch wolle Gott in guten und schlechten Zeiten eine Lebensquelle sein, die sich etwa in der Nächstenliebe widerspiegle.

Nach der Flutwelle gibt es nun eine Welle der Hilfsbereitschaft, "die Helfer rackern Tag und Nacht", lobt Intsiful den Einsatz unzähliger Helfer aus der Umgebung und ganz Deutschland. Die Hochwasseropfer, von denen manche in ihre Häuser zurückkehren können, werden noch eine ganze Weile tatkräftige Unterstützung brauchen. In Deggendorf und auch andernorts wollen Menschen anderen weiter beistehen, sie begleiten und für sie beten, um ihnen wieder zum Leben verhelfen, "die jetzt in Verzweiflung zu versinken drohen".