Schmierereien im Namen Gottes

Wiesbadener überzieht das Stadtgebiet mit Bibelsprüchen

Foto: epd/Andrea Enderlein

Mit dickem Filzstift schreibt seit Jahren der psychisch kranke Oliver D. aus Wiesbaden Verse aus der Heiligen Schrift an seinen Gartenzaun (Foto vom 19.03.2013).

Schmierereien im Namen Gottes
Ein Wiesbadener überzieht das Stadtgebiet mit Bibelsprüchen
Bibelsprüche sind eigentlich eine Werbung für die Kirche - ganz anders in Wiesbaden. Mit dickem Filzstift schreibt dort ein psychisch kranker Mann seit Jahren Verse aus der Heiligen Schrift überall hin. Stadt und Staatsanwaltschaft sind hilflos.

Er ist hartnäckig, zielstrebig und ohne Skrupel: Oliver D. überzieht das gesamte Wiesbadener Stadtgebiet mit Bibelsprüchen. Auf Litfaßsäulen, Brief- und Verteilerkästen, Plakatwänden und Laternenmasten prangen seine Zitate vor allem aus dem Alten Testament. In der hessischen Landeshauptstadt ist man zunehmend ratlos, wie man mit den lästigen Kritzeleien umgehen soll. Auch die evangelische Kirche ist wenig begeistert.

Denn gegen Oliver D., der sich selbst auch "Jesus Christus" nennt, gibt es keine rechtliche Handhabe. Er gilt als "schuldunfähig", wie der Leitende Oberstaatsanwalt Hartmut Ferse sagt. Da er aber weder sich selbst noch andere gefährde, könne man ihn auch nicht wegsperren, wie es manch einer fordere, betont Ferse. Denn Oliver D., der einem medizinischen Gutachten zufolge an Schizophrenie erkrankt ist, begeht seit Jahren lediglich Sachbeschädigungen und damit "recht unerhebliche Straftaten".

Vor allem alttestamentliche und frauenfeindliche Sprüche

Ferse sagt: "Jedes seiner Vergehen wird von der Polizei festgestellt, an uns weitergeleitet und dann eingestellt." Der Hauptgeschädigte ist das Unternehmen "Wall AG", das in Wiesbaden exklusiv Litfaßsäulen und beleuchtete Werbeflächen vermarktet. "Mittlerweile müssen wir die Schäden auf 250.000 Euro pro Jahr beziffern", sagt Pressesprecherin Frauke Bank. Die Firma, die in vielen deutschen Städten Werbeflächen vermietet, habe an keinem anderen Ort mit ähnlich vielen Schmierereien von einer Person zu kämpfen.

Zwischenzeitlich habe man auch Sicherheitsleute gegen den Kritzler engagiert, sagt Bank. Er gehe sehr strategisch vor. Er wisse, wann neue Plakate angeklebt würden und schreite in den Stunden danach zur Tat. Es werden oft alttestamentliche Sprüche aufgetragen, wozu auch frauenfeindliche Sätze gehören, sagt Roger Töpelmann, Sprecher der evangelischen Kirche in Wiesbaden. Die Kirche sei mit den Parolen überhaupt nicht glücklich.

Hinzu kommt, dass der selbst ernannte Jesus bereits im Gotteshaus handgreiflich wurde. Oliver D. hatte vor einigen Jahren bei einem Reformationsgottesdienst Flugblätter von der Empore der Marktkirche geworfen und wurde anschließend gegen einen Oberkirchenrat, der ihn zur Räson bringen wollte, handgreiflich.

"Lästig und ärgerlich" - aber nicht dramatisch

Solche Aktionen, darunter auch das Beschmieren eines Mahnmals für Opfer des Nationalsozialismus, lassen Astrid Wallmann, CDU-Abgeordnete aus Wiesbaden, aufhorchen. Sie will die Inaktivität der Staatsanwaltschaft nicht hinnehmen und hat zahlreiche Anfragen an verschiedene staatliche Stellen gerichtet, um herauszufinden, was möglicherweise gegen Oliver D. getan werden kann.

Wallmann verweist auch darauf, dass er sich vor kurzem vor einer Schule entblößt haben soll und dieses einem lokalen Medienbericht zufolge auch Kinder gesehen haben. Die CDU-Abgeordnete fordert daher die Staatsanwaltschaft auf, eine neue ärztliche Untersuchung von Oliver D. anzuordnen.

Oberstaatsanwalt Ferse winkt aber ab. Seiner Aussage nach ist der jüngste Fall vor der Schule weitaus weniger dramatisch zu bewerten, Details möchte er allerdings nicht öffentlich nennen. Doch er betont: Es gebe keine Anhaltspunkte, dass sich am Zustand von Oliver D. etwas geändert habe. Seine Taten seien "lästig und ärgerlich". Aber die Gesellschaft müsse damit wohl leben.