Kampf um den Vatikan

Vatikan

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Für Journalisten ist der Vatikan nicht immer ein Ort, wo die Recherche einfach ist.

Kampf um den Vatikan
50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil
So viel hat das Vatikanische Konzil nicht gebracht, sagt Ludwig Ring-Eifel. Im Interview spricht der ehemalige Vatikan-Korrespondent über seine neue Dokumentation "Kampf um den Vatikan", Verschwörungstheorien und die Rolle des Papstes.

Nun sind Sie schon gut sieben Jahre nördlich der Alpen tätig. Lässt Sie der Vatikan nicht los, dass Sie jetzt sogar eine ganze Fernsehdokumentation gemacht haben?

Ludwig Ring-Eifel: Es ist das Thema, das mich am meisten fasziniert und das Thema, von dem ich am meisten verstehe. Wenn man 9 Jahre lang als Korrespondent ganz tief in diese Welt eingetaucht ist, dann ist das etwas, was einen nie wieder los lässt.

Aber wie tief steigt man denn als deutscher Journalist in die Katakomben des Vatikan herab?

Also ich habe noch gute Kontakte und weiß, wie die Menschen an den entscheidenden Stellen ticken, wie sie denken, was sie umtreibt. Dazu muss ich die nicht täglich treffen. Verständlicherweise war ich sehr von dem Buch über Vatileaks fasziniert. Das war in Rom sofort vergriffen. Ich konnte mir gerade noch ein Exemplar der ersten Ausgabe sichern. Da sind eine Menge originale Faxe, Briefe, E-Mails enthalten, an die auch ich sonst so nicht heran gekommen wäre. Es war auch für mich aufschlussreich, wie die handelnden Personen miteinander kommunizieren. Aber es enthielt keine Überraschung. So ähnlich hatte ich das schon geahnt, es ist vielleicht noch ein bisschen barocker, als ich das gedacht hatte. Da gibt es sehr geschraubte und breite und blumige Formulierungen und viel Menschliches, allzu Menschliches.

"Der Durchbruch war jetzt, dass der Pressesprecher Pater Lombardi wegen Vatileaks erstmals fast täglich ein Presse-Briefing gegeben hat."

Aber ein Enthüllungs-Buch eben. Die Kirchen in Deutschland laden Journalisten permanent zu Pressereisen, Hintergrundgesprächen oder Medienempfängen ein. Wie läuft das im Vatikan?

Die Informationspolitik im Vatikan läuft noch immer sehr zurückhaltend. Sie hat sich jetzt durch die Vatileaks-Affäre gewaltig gewandelt. Es fing ja schon mit der Williamson-Affäre an, als der Papst in seinem Brief an die Bischöfe höchstpersönlich Defizite einräumte. Der Durchbruch war jetzt, dass der Pressesprecher Pater Lombardi wegen Vatileaks erstmals fast täglich ein Presse-Briefing gegeben hat. Dann ist auch die Berufung von Greg Burke als Medienberater ein Fortschritt. Der übernimmt als amerikanischer Vollprofi die bisher fehlenden Hintergrundgespräche mit der Presse.

Jetzt haben wir also den gläsernen Vatikan? Bleibt die Zentrale des Stellvertreters Gottes auf Erden nicht auch weiterhin eine hervorragende Brutstätte für Mutmaßungen, Gerüchte und Verschwörungstheorien?

Wir haben lange Zeit den italienischen vaticanisti in Rom ein Informationsmonopol eingeräumt. Der Vatikan war an sich immer ein hermetisch abgeschlossenes Gebilde. Drum herum lauerte etwa ein Dutzend italienische vaticanisti, die fast täglich schreiben und daher auch sich einiges aus den Fingern saugen mussten. Da wurden Gerüchte aus Gesprächen mit dritt- und viertrangigen Monsignori aufgebläht. Und die ganze in Rom akkreditierte ausländische Presse nimmt eben diese verzerrte Wahrnehmung der italienischen Presse und dieser vaticanisti auf. Und die denken sehr häufig in Verschwörungs-Kategorien: Was steht hinter den Vorgängen? Was ist die versteckte Botschaft aus dem Vatikan? Aber in der Regel ist es so ja gerade nicht, es sind meist ganz einfache und banale Vorgänge, um die es geht.

"Er will mehr Transparenz und mehr Ordnung in der Kurie. Da stößt er als ordentlicher Deutscher natürlich in diesem italienisch-barocken Gefüge auf Widerstände."

Ihr Film heißt "Kampf um den Vatikan". Ist Benedikt XVI. wirklich Herr im eigenen Haus oder nur Marionette, Opfer lang geübter Intrigen?

Natürlich ist der Vatikan nicht strukturiert wie eine moderne demokratische Regierung. Da steckt im Grundaufbau noch viel Barock und Renaissance. Es gibt keine Kabinettsitzungen. Die einzelnen Ministerien haben keine eigene Presseabteilung. Aber der Papst ist keineswegs Opfer oder Marionette. Kardinal Ratzinger verfolgt als Papst Benedikt XVI. eine konservative Agenda. Er will mehr Transparenz und mehr Ordnung in der Kurie. Da stößt er als ordentlicher Deutscher natürlich in diesem italienisch-barocken Gefüge auf Widerstände. Und der etablierte Mittelbau sagt wie in jedem Beamtenapparat, uns ist es egal, wer unter uns Papst ist. Aber ich würde verneinen, dass es eine interne Agenda gegen den Papst geben kann. Dafür ist der Vatikan zu zentralistisch aufgebaut.

Fünf Jahre haben Sie an Ihrem Film gearbeitet. Gibt es für Sie neue Erkenntnisse?

Es geht um das Jubiläum, 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Der Film lässt letzte Zeitzeugen des damaligen Aufbruchs zu Wort kommen. Es geht mir um einen neuen Ansatz in der Betrachtung. Es ist eben nicht so, wie häufig zu lesen ist, als ob Papst Benedikt XVI. heute die Reformen von damals zurückdrehen würde. In Wahrheit sind  die Konflikte von damals in den letzten 50 Jahren niemals gelöst oder beigelegt worden. Das ist mir erst in der Recherche klar geworden.

War denn das II. Vatikanum von 1962-1965 nicht der große Aufbruch in der römisch-katholischen Kirche?

Ja und nein. Das Konzil war in sich viel konfliktreicher, als es später schöngeredet wurde. Es hat jede Menge Formelkompromisse gegeben, die ohne klare Linie und deshalb  teilweise auch schädlich waren. Vieles wurde eben nicht richtig zu Ende diskutiert. Stattdessen gab es tausende Seiten Papier, ein Dokument über die Priesterausbildung, ein Dokument zum Verhältnis zu anderen Religionen, zur Ökumene, zur Struktur der Kirche und noch vieles mehr. Das Konzil fand mit vielen Pausen real nur ein Jahr statt, es waren ja nur vier dreimonatige Sitzungsperioden. Besser wäre es gewesen, man hätte in dem einen Jahr etwa nur die Liturgiereform behandelt und diese dann wirklich zu Ende debattiert.

"Um entscheidende Fragen hat man sich beim Konzil herumgedrückt."

Also war alles nur ein riesiges Kirchentheater?

Das Konzil hatte ein doppeltes Grundanliegen: Anpassung an die heutige Zeit, wie es seitdem immer wieder zitiert wird, aber eben auch Vertiefung des Glaubens, und das wurde leider oft vergessen. Natürlich war es an vielen Punkten ein Fortschritt, zum Beispiel die Versöhnung mit dem Judentum, auch die Ökumene. Aber längst nicht alle Reformanliegen von damals wurden in der Kirche tatsächlich als eine Vertiefung des Glaubens aufgenommen. Wie steht es mit dem Wahrheitsanspruch? Gibt es auch außerhalb der Kirche Heil? Um entscheidende Fragen hat man sich beim Konzil herumgedrückt. Wie es jetzt in den Kirchengeschichtsbüchern steht, als der ganz große Schritt nach vorn, so eindeutig war es eben in den letzten 50 Jahren nicht, in Wahrheit gab es Gewinne und Verluste und etliche ungelöste Konflikte.

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Braucht es jetzt also ein Drittes Vatikanisches Konzil?

Die Frage habe ich auch meinen Interviewpartnern gestellt. Und im Grunde haben alle es für verfrüht gehalten. Nach einem halben Jahrhundert ist ja noch nicht einmal das II. Vatikanum verdaut. Es bleibt die Frage der Kontinuität des Glaubens in der Moderne.

Ludwig Ring-Eifel war von 1996-2005 KNA-Korrespondent in Rom. Er ist Autor des Buches “Weltmacht Vatikan” und gilt als einer der wenigen wirklichen Vatikan-Kenner im deutschen Sprachraum. Seit 2005 ist er Chefredakteur der KNA.