Auf der Suche nach neuen ökumenischen Perspektiven

Ökumene-Tag bei Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier

Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Einzug der kirchlichen Würdenträger bei der Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt im vergangenen Jahr. Links im Bild Bischof Karl-Heinz Wiesemann, neben ihm der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider, der Trierer Bischof Stephan Ackermann sowie der orthodoxe Metropolit Augoustinos.

Auf der Suche nach neuen ökumenischen Perspektiven
Gespräch mit dem ACK-Vorsitzenden Karl-Heinz Wiesemann
Der Speyerer katholische Bischof Karl-Heinz Wiesemann hat dazu aufgerufen, in der Ökumene unterschiedliche Kirchenverständnisse zu akzeptieren. Es gebe Hoffnungszeichen, dass Protestanten und Katholiken auf dem Weg zum gemeinsamen Abendmahl weiterkämen, sagte er in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

In der evangelischen Kirche werde das Abendmahl wieder häufiger gefeiert und damit seine kirchenbildende Kraft wiederentdeckt, unterstrich der Geistliche. Wiesemann ist für die kommenden drei Jahre Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Er löst den evangelischen Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber ab. Zur ACK gehören 17 Kirchen und kirchliche Gemeinschaften sowie vier Gastmitglieder.

Herr Bischof, was kann die ACK tun, damit Christen mehr mit einer Stimme sprechen?

Wiesemann: Das gemeinsame Glaubenszeugnis hat an vielen Stellen gute Konturen angenommen, etwa in der Charta Oecumenica, die die Grundlage der ökumenischen Arbeit ist und sie prägt. Dazu gehört auch die Woche für die Einheit der Christen. Die ökumenischen Gottesdienste, die wir zusammen feiern, sind ein missionarisches Zeichen. Auch ökumenische Kirchentage, das gemeinsame Eintreten für verfolgte Christen und die gemeinsame Friedensarbeit sind zu nennen. Die ACK-Mitgliedskirchen werden durch die Säkularisierung der Gesellschaft herausgefordert. Gemeinsam besinnen sie sich zunehmend auf die missionarische Kraft der Taufe und diskutieren darüber, was die Taufe heute bedeutet. 2007 haben in Magdeburg elf ACK-Kirchen eine Erklärung über die gegenseitige Anerkennung der Taufe unterzeichnet. Mit weiteren Kirchen gibt es Gespräche über diese Frage.

Manche Kritiker bezeichnen das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. als einen Rückschlag für die Ökumene. Ist nach einer "Eiszeit" nun unter Papst Franziskus "Tauwetter" in der Ökumene zu erwarten?

Wiesemann: Mit der Behauptung eines Rückschritts in der Ökumene tut man Papst Benedikt Unrecht. Dass er das Augustinerkloster in Erfurt besuchte, ist als ökumenisches Zeichen deutlich unterbewertet worden. Am Ursprungsort der Reformation suchte er das Gespräch mit den Evangelischen. Das Pontifikat Benedikts hat eine positive Bedeutung für den Dialog mit dem Protestantismus, vor allem in seiner großen Wertschätzung für das Wort Gottes, die etwa in seinen Jesus-Büchern zum Ausdruck kommt.

Nach einer Ernüchterungsphase in der Ökumene, die schon vor dem Pontifikat von Papst Benedikt begonnen hat und an der beide Seiten Anteil haben, haben sich neue Perspektiven entwickelt im Bewusstsein, dass ein Miteinander besser ist als Abgrenzung. Papst Franziskus, dem die Ökumene nicht fremd ist, wird Impulse auf dem nicht einfachen Weg zur Einheit der Kirche geben. Auch die Begegnung von Papst Franziskus und des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider hat ein sehr positives Signal gesetzt. In der Ökumene müssen wir in einer menschlich-demütigen Weise für das stehen, was uns ausmacht, wobei wir nicht aufgeben, was uns selbst wichtig ist.

Viele Protestanten fühlten sich 2000 brüskiert durch ein Vatikan-Schreiben, in dem es heißt, sie seien "nicht Kirchen im eigentlichen Sinn". Sind die Kirchen der Reformation gleichberechtigt Kirche, wenn die katholische Kirche den Anspruch hat, universale Kirche zu sein?

Der katholische Bischof Karl-Heinz Wiesemann

Wiesemann: Kurienkardinal Kasper sprach davon, dass die Kirchen der Reformation "Kirchen anderen Typus" seien. Es gibt unterschiedliche Kirchenverständnisse, die in ihrer Unterschiedlichkeit zur Sprache kommen müssen: Man muss den anderen akzeptieren, wie er ist und wie er sich selbst versteht. Was uns als christliche Kirchen vereint, ist immer noch größer, als was uns trennt. Zu dem Missverständnis führte auch eine missverständliche Übersetzung. Im Dokument heißt es: "in sensu proprio". Damit war gemeint, die reformatorischen Kirchen seien nicht Kirche in dem Sinne, wie sich die katholische Kirche selbst versteht.

Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat den ekklesialen Charakter aller Gemeinschaften wertgeschätzt. Sie sind Kirche und haben Teil an der einen Kirche Jesu Christi. Für uns ist selbstverständlich die Evangelische Kirche in Deutschland Kirche in dem Sinne, wie sie sich als Kirche versteht. Unterschiedliche Vorstellungen haben Katholiken und Protestanten beim Amtsverständnis, bei der Eucharistie, bei grundlegenden kirchlichen Strukturen. Auf das Vatikan-Dokument gab es unsensible Reaktionen auf beiden Seiten. Nach so vielen Jahren der Diskussion um diesen Passus ist es in meinen Augen an der Zeit, über das Thema mit weniger emotionaler Schärfe zu sprechen.  

Welchen Beitrag kann die katholische Kirche zum Reformationsjubiläum 2017 der Evangelischen Kirche in Deutschland leisten? Ist ein gemeinsamer ökumenischer Aufbruch möglich?

Wiesemann: Dass wir Katholiken uns damit schwertun, ein Reformationsjubiläum zu feiern, das ja auch den Schmerz der Trennung bedeutet, kann sicher jeder verstehen. Wir wollen aber gemeinsam auf dieses Ereignis schauen und haben den gemeinsamen Willen, die Gräben der Vergangenheit zu überwinden. Frühere Reformationsjubiläen waren zum Teil sehr kämpferisch. Heute sind wir miteinander im Gespräch, fragen nach den Konsequenzen und den ökumenischen Herausforderungen dieses historischen Ereignisses. Es ist wichtig, alle Aspekte der Reformation in den Blick zu nehmen. Sie brachte theologisch-geistliche Aufbrüche, aber auch den Schmerz der Trennung und Schuld auf beiden Seiten. Luther wollte keine Kirchentrennung. Deshalb tun nachdenkliche Töne der Reformationsdekade und ihrem Abschluss mit einem Reformationsgedenken gut.

Wird es in der katholischen Kirche ein Diakonat für Frauen geben, wie es Kurienkardinal Kasper vorgeschlagen hat und wie es derzeit viel diskutiert wird?

Wiesemann: Zunächst ist zu bedenken, dass Kardinal Kasper von einem eigenen Amt gesprochen hat, das anders geartet ist als der Diakonat, der zum Weihesakrament gehört. Die frühe Kirche sah viele Dienste und Ämter vor, zum Beispiel für Lektoren, die zum Teil auch von Frauen ausgeübt werden konnten. Ein Dienstamt für Frauen, so wie es Kardinal Kasper vorgeschlagen hat, könnte die unterschiedlichen Charismen in der Kirche widerspiegeln.

Wird es in naher Zukunft möglich sein, dem Wunsch vieler konfessionsverschiedener Paare nach einem gemeinsamen Abendmahl beziehungsweise Eucharistie zu entsprechen?

Wiesemann: In der Abendmahlsfrage steht ein Konsens noch aus. Wir brauchen hier noch Zeit. Die konfessionsverbindenden Familien sind ein wichtiger Ort des ökumenischen Miteinanders. Wir dürfen angesichts der leidvollen Situation nicht nachlassen, nach einem Weg zur eucharistischen Einheit zu suchen, die noch nicht vollständig gegeben ist. Es geht nicht um Ausschluss, aber für die katholische Kirche hat die Eucharistie eine kirchenbildende Kraft: Sie bewirkt die sichtbare Einheit der Kirche.

In der Frage der Abendmahlsgemeinschaft darf man den anderen aber nicht überfordern, sondern muss seinen Standpunkt respektieren. Es gibt aber auch Hoffnungszeichen, dass wir auf dem Weg zur gemeinsamen Eucharistie weiterkommen, etwa wenn in der evangelischen Kirche das Abendmahl wieder häufiger gefeiert und damit seine kirchenbildende Kraft wiederentdeckt wird.