Beethoven auch mit Hartz IV

Beethoven auch mit Hartz IV

Foto: epd-bild/Cristian Gennari

Kunstgenuss für Alle - dafür setzen sich die Kulturtafeln ein.

Beethoven auch mit Hartz IV
Kulturtafeln ermöglichen den Besuch von Theater und Konzerten
Die Ingolstädter Tafel ist eine Institution. Seit rund 14 Jahren verteilen ihre Helfer Lebensmittel an Bedürftige. Die meisten sind Menschen, die von Hartz IV oder der Grundsicherung im Alter leben müssen. Jetzt ist ein neuer Service für die "Kunden" hinzugekommen: Vergeben werden Eintrittskarten für Konzerte oder Theateraufführungen. Das Projekt wird ein Jahr lang gestestet.

Auf dem Programm des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt steht die Symphonie Nummer 2 in D-Dur von Beethoven, das Streichquartett Nr. 5 von Philip Glass und die Weltmusik "Force of Nature" - ein Celloconcert. Die Tickets kosten zwischen 19 und 32 Euro. Ein dicker Brocken für all jene, die mit 382 Euro im Monat auskommen und davon Butter, Waschpulver und alle anderen Dinge des täglichen Bedarfs kaufen müssen.

Für diese Klientel hält die Ingolstädter Tafel Gratis-Karten bereit - für das Theater oder Konzerte im Konzertverein, im Stadtmuseum oder für Auftritte des Georgischen Kammerorchesters. Für dessen jüngstes Konzert konnte die Tafel fünf Karten vergeben. "Das ist eine fantastische Idee", sagt Sybille Hertel, zweite Vorsitzende des Tafelvereins. Sie freut sich über die kulturelle Hilfe für die rund 1.500 Menschen in der Stadt, die jede Woche das Angebot der Tafel in Anspruch nehmen.

Zurück geht das Ganze auf eine Anregung der CSU-Stadträtin Eva-Maria Atzerodt. "Eintrittskarten für Theater, Konzerte, Sportveranstaltungen oder Kinovorstellungen in Ingolstadt, die nicht verkauft werden können, verfallen bislang", erläuterte die kulturpolitische Sprecherin der CSU Fraktion ihre Idee. "Künftig können die Karten kostenfrei an Menschen mit niedrigen Einkünften verteilt werden", sagte die Oberstudienrätin, die Musik unterrichtet und einen Chor leitet.

Der Stadtrat hat die Idee abgesegnet und dem Kulturreferat aufgetragen, das Projekt umzusetzen. Dort tritt man jetzt in Kontakt mit den örtlichen Kulturszene und sammelt Eintrittskarten. Die werden wiederum an die Tafel weitergegeben. "Momentan haben wir ein Kontingent von 35 Karten", sagt Hertel. Darunter sind auch Karten für das Ingolstädter Theater, dort steht die Komödie "Ein Klotz am Bein" auf dem Programm: Die "Preisgruppe A" kostet zehn Euro.

Ähnliche Angebote in anderen Städten

Das Ticketkontingent wird auf einer Liste vorgestellt und die "Kunden" können ihr Interesse anmelden. Weil man erst am Anfang stehe, habe man noch wenig Erfahrung mit der Nachfrage, heißt es. Theaterkarten aber scheinen begehrter als Konzertkarten zu sein.

Eine Kulturtafel gibt es in Bayern auch in Bamberg. Dort wird sie von der Diakonie und dem evangelisch-lutherischen Dekanat organisiert. Zudem gibt es ähnliche Angebote unter anderem auch in Zwickau, Marburg, Hamburg und Berlin. Dahinter stehen unterschiedliche Trägerorganisationen und Zielsetzungen. Gemeinsam ist jedoch allen die Idee, Hilfsbedürftigen auch einen Zugang zur Kultur zu eröffnen.

Dass die Tafel mit ihrem Einsatz den Staat von seiner Fürsorgepflicht entlaste, bestreitet Sybille Hertel. Für sie stehe der Aspekt der Hilfe im Vordergrund. Und sie ist froh, dass mit der Kulturtafel auch die Schüler aus Hartz-IV-Familien Theater- oder Konzertkarten erhalten können.