WG-Couch statt Hotelbett

Touristin kommt in Verona an

Foto: dpa Picture-Alliance/Lynne Otter

WG-Couch statt Hotelbett
Teilen ist "in", nicht nur was Autos angeht. Auf Internetplattformen wie "Airbnb" vermieten immer mehr Menschen ihr Heim an Urlauber - oft inklusive DVD-Sammlung und Familienanschluss.

Für ihren Urlaub wünschte sich Hülya Toklu eine große Familie. Die Kölner Studentin wollte in den Semesterferien in England ihre Sprachkenntnisse auffrischen. Im Hotel zu wohnen kam deshalb nicht infrage. Über das Internetportal "Homestaybooking" suchte die 24-Jährige eine Gastfamilie. "Ich dachte, dass ich mein Englisch am einfachsten verbessere, wenn ich rund um die Uhr mit Engländern zu tun habe", sagt Toklu. Ihre Gastgeber im südenglischen Christchurch waren da die perfekte Wahl: Das Ehepaar wohnt mit sechs Kindern unter einem Dach und nimmt regelmäßig Gäste aus aller Welt auf.

Den Urlaub in einer fremden Stadt nicht im Hotel zu verbringen, sondern bei Einheimischen in deren Zuhause, wird immer beliebter. "Der Trend geht weg vom Pauschalurlaub, vom Pauschalleben", glaubt Lena Sönnichsen, Pressesprecherin von "Airbnb", dem Marktführer unter den Privatzimmer-Vermittlungen im Internet. Seit der Gründung 2008 in San Francisco haben bei "Airbnb" vier Millionen Menschen eine Unterkunft gebucht - davon drei Millionen allein im Jahr 2012. Die meisten Nutzer bieten keine eigens hergerichteten Ferienwohnungen an, sondern ihr Zuhause - inklusive Gewürzregal und DVD-Sammlung. In Deutschland starteten 2011 die Nachahmer "9flats" und "Wimdu". Das Portal "Homestaybooking", das sich auf Sprachschüler und Studenten spezialisiert, gibt es seit 2007.

Tiefer in fremde Städte und Kulturen eintauchen

Bei "Airbnb" stehen über 300.000 Unterkünfte in 192 Ländern zur Auswahl - von WG-Zimmern und Einfamilienhäusern über Luxusvillen bis hin zu Baumhäusern und Privatinseln. Manche Gastgeber teilen ihr Heim mit den Gästen, andere vermieten ihr Haus, während sie selbst verreisen. "Airbnb" kassiert eine prozentualen Anteil des Übernachtungspreis.

Für Roland Conrady, den Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft, ist der Urlaub in der Privatwohnung kein Nischenphänomen mehr. Und das nicht nur, weil die Unterkünfte oft billiger sind als Hotelzimmer. Die Angebote machten es möglich, tiefer in fremde Städte und Kulturen einzutauchen, sagt der Professor für Touristik und Verkehrswesen an der Fachhochschule Worms. "Man lebt nicht in einer heilen, abgeschotteten Hotelwelt, sondern ist viel näher dran an den Einheimischen."

Nicht nur im Tourismus gebe es großen Rückenwind für Geschäftsmodelle, die auf Teilen basieren, sagt Conrady. Die Technikmesse "Cebit" machte die "Shareconomy" Anfang März zu ihrem Hauptthema. Längst kann man über Internetplattformen nicht nur Autos teilen, sondern auch Küchengeräte, Werkzeug oder Essen. Es sei nur logisch, dass sich dieser Trend auch beim Reisen zeige, sagt Conrady. "Man kann Reiseformen nicht von gesellschaftlichen Strömungen trennen."

Doch das Geschäftsmodell birgt auch Risiken. In San Francisco hatte eine Frau 2011 ihr Apartment über "Airbnb" vermietet und fand es eine Woche später vollkommen verwüstet vor, Schmuck und Elektrogeräte wurden gestohlen. "Das war eine Art Vertreibung aus dem Paradies", sagt Sönnichsen von "Airbnb". Das Portal führte daraufhin eine Versicherung für Vermieter in Höhe von 700.000 Euro ein, die bei Schäden und Diebstahl einspringt. Um auch die Gäste vor Betrügern zu schützen, läuft die Bezahlung über "Airbnb". Erst 24 Stunden nach Check-In wird das Geld an den Vermieter weitergeleitet.

Hotelbranche kritisiert Sicherheits- und Hygienestandards

Die Hotelbranche sieht die Privatzimmer-Vermietung naturgemäß kritisch. Die Sicherheits- und Hygienestandards, die für Beherbergungsbetriebe gültig seien, würden oft nicht eingehalten, kritisiert Markus Luthe, Hauptgeschäftsführer des Hotelverbands Deutschland (IHA). Häufig fehlten Feuerlöscher oder Fluchtwegpläne, der Markt sei "grau und undurchsichtig". "Airbnb" verweist dagegen darauf, dass Gastgeber mit dem Annehmen der Nutzungsbedingungen versicherten, alle lokalen Gesetze und Regelungen einzuhalten.

Daneben setzen die Plattformen auf ihren Netzwerk-Charakter. Gastgeber und Gäste sollen in Profilen möglichst viel von sich erzählen und sich nach dem Aufenthalt gegenseitig bewerten. Gäste sollen so vor bösen Überraschungen geschützt werden. Und Gastgeber, so hofft man, laden schlechte Gäste einfach nicht mehr ein.