Sozialpolitischer Streit um Tafeln verschärft sich

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Sozialpolitischer Streit um Tafeln verschärft sich
Um die bundesweit mehr als 900 Tafeln für Bedürftige gibt es zunehmend sozialpolitischen Streit. "Die Tafeln entlassen Staat und Unternehmen aus ihrer Verantwortung", sagte die Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Susanne Kahl-Passoth, am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Berliner Diakonie gehört einem Bündnis zur Abschaffung der Tafeln an.

Der Bundesverband Deutsche Tafel wies die Kritik zurück und verlangte seinerseits mehr Einsatz zur Armutsbekämpfung. Es fehle an konkreten Vorschlägen und politischem Druck, sagte Tafel-Vorsitzender Gerd Häuser. Natürlich könne die Armut in Deutschland nicht über die mittlerweile mehr als 900 Tafeln bekämpft werden. Diese seien immer nur Pflaster für eine verfehlte Sozialpolitik. Allerdings vermisse er bei Kritikern wie dem Aktionsbündnis "Armgespeist - 20 Jahre Tafeln sind genug!" konkrete Forderungen an die Politik etwa zu den Themen Umverteilung, Einführung einer Vermögenssteuer und Börsentransaktionssteuer sowie über ein Verbot der Spekulation mit Lebensmitteln.

Tafeln geben an sozial Bedürftige gegen einen symbolischen Betrag Essen aus. Die Tafel-Idee stammt aus den USA, in Deutschland sind die gemeinnützigen Organisationen seit 1993 aktiv. Sie sammeln Lebensmittel und verteilen sie gegen einen symbolischen Betrag an sozial Benachteiligte, die sich in aller Regel ausweisen müssen. Dabei handelt es sich etwa um Frischprodukte, die nicht mehr verkauft werden und von Händlern, Lebensmittelketten oder Restaurants gespendet werden.

Die Bewegung ist nicht unumstritten. Kritiker argumentieren, Armut werde auf diese Weise normalisiert. Dem Anti-Tafel-Bündnis gehören nach eigenen Angaben rund 20 Organisationen an, darunter die Entwicklungshilfeorganisation Fian, regionale Caritasverbände, die Humanistische Union, das Armutsnetzwerk und die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Am Mittwoch ist dem Bündnis auch das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz beigetreten.

Kritiker: Tafeln sind Ausdruck einer verfehlten Sozialpolitik

Das Aktionsbündnis sieht Tafeln und andere wachsenden Angebote wie Kleiderkammern und Suppenküchen als Ausdruck einer sich verfestigenden Armut in Deutschland. "Der große Zulauf zu den Tafeln ist ein deutliches Zeichen einer verfehlten Sozialpolitik", heißt es auf der Internetseite des Aktionsbündnisses. Große Teile der Gesellschaft würden von einer gleichberechtigten Teilhabe ausgeschlossen, materiell kurz gehalten und permanent bevormundet. Die Tafeln seien kein adäquates Mittel der Armutsbekämpfung, sondern vielmehr ein Seismograph für Armut in einem reichen Land sowie für soziale Ungerechtigkeit.

Kahl-Passoth verlangte eine Wende in der Sozialpolitik. Sie sprach sich für eine "armutsfeste Grundsicherung für alle Menschen" aus. Ziel sollte es sein, die Tafeln überflüssig zu machen. Die mehr als 900 Tafeln in deutschen Städten und Gemeinden füllten "die Lücke, die durch Abbau staatlicher Leistungen zulasten der Schwachen entstanden ist".

Diakonie: Vermögenssteuer wieder einführen

Es sei beschämend für den Sozialstaat, "wenn es nur mit Hilfe der Lebensmittel von der Tafel gelingt, als Familie mit Kindern oder als Alleinerziehende über die Runden zu kommen", sagte Kahl-Passoth weiter. Sie sprach sich auch für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer aus, "um unsere Gesellschaft wieder gerechter zu machen". Mit Blick auf die zahlreichen Tafel-Helfer in Kirchengemeinden sagte Kahl-Passoth, mit dem Beitritt zum Aktionsbündnis solle nicht das Engagement der Helfer angegriffen werden. Fest stehe aber: "Tafeln können nur eine Übergangslösung sein, und 20 Jahre Tafeln sind Übergang genug."

Gerd Häuser, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafeln.

Häuser nannte es hilfreich, dass über die Tafel-Bewegung diskutiert werde und darüber, "dass mit Heftpflastern keine Symptome verschwinden". Der Tafel-Vorsitzende hatte zuletzt mit Blick auf den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung eine nationale Strategie zur Bekämpfung der Armut gefordert. Häuser plädiert für Mindestlöhne, "die zum Leben reichen", sowie für höhere Erbschaftssteuern und eine Abgabe auf Großvermögen.

Zahl der Kunden auf 1,5 Millionen gestiegen

Der Bundesverband Deutsche Tafel versorgt nach eigenen Angaben immer mehr Menschen mit Lebensmittelspenden. Lag deren Zahl im Jahr 2005 noch bei rund 500.000, sind es heute etwa 1,5 Millionen Bedürftige, die regelmäßig gespendete Nahrungsmittel erhalten. Gegenwärtig gibt es bundeweit 906 Tafeln mit zusammen mehr als 3.000 Ausgabestellen und Läden. Dort engagieren sich mehr als 50.000 Freiwillige. Zu den Nutzern zählen vor allem Langzeitarbeitslose, darunter Alleinerziehende und Migranten, aber auch zunehmend Rentner und Geringverdiener. Knapp ein Drittel (30 Prozent) sind Kinder und Jugendliche, etwas über die Hälfte (53 Prozent) Erwachsene im berufsfähigen Alter und bald jeder Fünfte (17 Prozent) im Rentenalter.

Die erste Tafel wurde 1993 in Berlin gegründet. Sie ist zugleich die größte in Deutschland: Pro Monat verteilt sie rund 660 Tonnen Lebensmittel an 125.000 Menschen. Die Verteilung erfolgt über 45 Ausgabestellen in Kirchengemeinden und über mehr als 300 soziale Einrichtungen. Die meisten Tafeln gibt es in Nordrhein-Westfalen (163), gefolgt von Bayern (162) und Baden-Württemberg (143). Am wenigsten Tafeln gibt es in Thüringen (32), Mecklenburg-Vorpommern (30) und Sachsen-Anhalt (28).

Knapp die Hälfte der Tafeln wird von eingetragenen Vereinen betrieben, der Rest sind Projekte in Trägerschaft gemeinnütziger Organisationen wie Diakonie, Caritas, Rotes Kreuz oder Arbeiterwohlfahrt. Sie finanzieren sich ausschließlich aus Spenden. Unterstützt werden sie durch örtliche Bäckereien, Fleischereien, Supermärkte, Kfz-Betriebe, Druckereien und Banken ebenso wie überregional agierende Unternehmen. Unter ihnen sind große Einzelhandelsketten, Lebensmittelproduzenten, Automobilhersteller, Mobilfunkanbieter und Werbeagenturen.