Passion für den Löwen

69th Filmfest Venedig 2012

Foto: dpa/Claudio Onorati

Der geflügelte Löwe steht für die Filmfestspiele von Venedig. Am Samstagabend wird der Preis verliehen.

Passion für den Löwen
Das Sony-Center am Potsdamer Platz, der Glasrücken der DZ-Bank am Brandenburger Tor und das Bode-Museum - es sind Filmszenen aus Berlin, mit denen der Wettbewerb des 69. Filmfestivals in Venedig zu Ende geht. Im Rennen um den Goldenen Löwen, der am Samstagabend vergeben wird, kann er nur noch eine Außenseiterrolle übernehmen.

Der amerikanische Regisseur Brian De Palma hat seinen neuen Film "Passion" allerdings nicht wegen der Sehenswürdigkeiten in der deutschen Hauptstadt gedreht, sondern aus Gründen des Budgets.

Tatsächlich ist "Passion" das Ergebnis einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit: De Palma, vor rund 40 Jahren einer der Mitbegründer des "New-Hollywood"-Kinos, hat diesmal mit rein deutsch-französischen Produktionsgeldern gearbeitet. Und so bestimmen im Hintergrund der in den Hauptrollen agierenden Stars Rachel McAdams und Noomi Rapace deutsche Schauspieler wie Karoline Herfurth, Benjamin Sadler, Dominic Raacke und Rainer Bock den Film. Für Berlinfans und Anhänger des deutschen Kinos ist es deshalb um so bedauerlicher, dass De Palmas neuer Film in Venedig sehr zwiespältig aufgenommen wurde.

Leidenschaft für Beruf und Karriere

In "Passion" dreht sich alles, wie der Titel schon verspricht, um Leidenschaft: Christine (Rachel McAdams) und Isabelle (Noomi Rapace) werden vorgestellt als zwei leidenschaftlich in ihrem Beruf, der Werbebranche, engagierte Frauen, in deren Verhältnis von Chefin und Mitarbeiterin noch andere Gefühle mitschwingen. Gefühle, die nicht unbedingt erwidert werden, was schnell zu hinterlistigen Intrigen um Ideen und Aufstiegschancen führt und schließlich gar in einem mysteriösen Mord kulminiert.

In seinen stärksten Momenten funktioniert "Passion" als kühne Kombination aus "Der Teufel trägt Prada" und "Basic Instinct", im Ganzen betrachtet aber bleiben sowohl die erotischen Spannungen als auch das mörderische Geheimnis zu sehr oberflächliche Behauptung, um überzeugen zu können. Zwar gehört das freche Kopieren anderer Filme schon immer zu De Palmas Markenzeichen, wobei zu seinen beliebtesten Vorlagen die Regiemeister Hitchcock, Antonioni und er selbst zählen. Mit "Passion" treibt er dieses Verfahren jedoch auf eine Spitze, von der aus man kaum mehr eine neue Idee ausmachen kann.      

De Palma nicht unter den drei Favoriten

Im Rennen um den Goldenen Löwen, das am Samstagabend mit der feierlichen Preisvergabe zu Ende geht, wird Brian De Palma deshalb nicht mehr entscheidend eingreifen können. Aus einem insgesamt sehr starken Jahrgang ragen drei klare Favoriten auf den Hauptpreis heraus, jeweils von sehr unterschiedlichen Anhängern unterstützt.

Die Fans des amerikanischen Independentkinos etwa wollen Paul Thomas Anderson siegen sehen mit dem von der Biografie des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard inspirierten Drama "The Master". Der Film beeindruckte mit einem starken, ebenfalls preisverdächtigen Hauptrollenduo Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman. Und die Tatsache, dass er die Erwartungen auf eine Scientology-Entlarvung gerade nicht erfüllte, vergrößerte noch die Faszination.

Rührige orthodoxe, jüdische Gemeinschaft

Der zweite Goldener-Löwe-Favorit kommt aus Südkorea und findet seine Anhänger unter jenen Filmfans, die hart im Nehmen sind: Kim Ki Duks Rachedrama "Pieta" verstörte und spaltete das Publikum durch explizite Gewaltdarstellung und seine atmosphärischer Dichte von Folter, Düsternis und Schuld. Noch deutlicher polarisierte jedoch Favorit Nummer drei die Zuschauer am Lido, und das ganz ohne Sex und Gewalt: Im israelischen Beitrag "Fill the Void" zeigt Regisseurin Rama Burshtein den geschlossenen Kosmos der orthodoxen Juden als rührige Gemeinschaft beständigen Ehestiftens.

Ganz der Logik und den Ritualen der chassidischen Glaubenstraditionen folgend und mit einer hervorragenden jungen Schauspielerin im Zentrum löste der Film einerseits stehende Ovationen und andererseits heftige Antireaktionen aus. Was für die einen einen berührenden Einblick in eine fremde Welt darstellt, bildet für die anderen fundamentalistische Fremdbestimmung ab. Man kann gespannt sein, welche Reaktionen bei einer möglichen Auszeichnung für "Fill the Void" überwiegen werden.    

Eher Chancen auf einer der Nebenpreise gesteht man außerdem dem russischen Film "Betrayal" zu, in dem die deutsche Schauspielerin Franziska Petri glänzt. Auch der französische Regisseur Olivier Assayas stieß mit seinem Post-68er Film "Something in the Air" auf viel Gegenliebe, genauso wie der Philippiner Brillante Mendoza und sein melancholisches Ehedrama "Thy Womb".