Päpstliche Irritation: Starb Jesus für alle oder nur für viele?

dpa/Bernd Weißbrod

Befehl und Gehorsam: Papst Benedikt XVI. (rechts) und Erzbischof Robert Zollitsch bei einer Messe im September 2011 in Freiburg.

Päpstliche Irritation: Starb Jesus für alle oder nur für viele?
Papst Benedikt XVI. verwirrt mit seiner Anordnung zur Änderung zentraler Worte in der Eucharistie-Feier viele deutsche Katholiken. Ökumene-Experten sehen darin zudem ein zu großes Zugeständnis an Konservative in der katholischen Kirche.

Die Direktive von Papst Benedikt XVI. zur Änderung der zentralen Wandlungsworte bei der Eucharistiefeier stößt bei katholischen Christen auf Unverständnis. Der Münsteraner katholische Theologieprofessor Klaus Müller sieht darin ein kirchenpolitisches Zugeständnis an extrem konservative Kreise wie die Piusbrüder. Benedikt sei sich bewusst, dass seine Weisung in der deutschen Kirche Probleme hervorrufen wird, kritisierte er. Müller plädierte dafür, bei der bisherigen Übersetzung zu bleiben. Ökumene-Experten deuten den Papst-Brief als zunächst rein innerkatholische Angelegenheit.

Rund drei Wochen vor dem Katholikentag in Mannheim hatte Papst Benedikt XVI. in einem am Dienstag veröffentlichten Brief erklärt, der Heilige Stuhl habe entschieden, dass bei der neuen Übersetzung des Missale (Messbuch) das Wort "pro multis" statt mit der bisherigen Formulierung "für alle" mit "für viele" übersetzt werden müsse. Er wolle damit einer "Spaltung im innersten Raum unseres Betens" zuvorkommen. Es drohe die Gefahr, dass bei der neuen Ausgabe des "Gotteslobs" einige Teile des deutschen Sprachraums bei der Übersetzung "für alle" bleiben wollten. Die Veröffentlichung des gemeinsamen Gesang- und Gebetbuches ist für Advent 2013 geplant.

"Zur Vergebung der Sünden"

Die Einsetzungsworte beziehen sich auf Jesusworte aus dem Neuen Testament, die er bei seinem letzten Mahl mit den Jüngern gesprochen haben soll. So heißt es etwa beim Evangelisten Matthäus: "Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden". Ähnlich steht es im Markusevangelium. Bei Lukas und im 1. Korintherbrief ist nicht von "vielen" oder "allen" die Rede. Auf Aramäisch, das auch Jesus sprach, bedeutet die Formulierung "die Vielen" das gleiche wie "alle".

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hatte erklärt, der aktuelle Papst-Brief sei ein "wichtiger Impuls, die Übersetzung des Messbuches zügig voranzubringen". Der Kölner Kardinal Joachim Meisner begrüßte den Brief des Papstes: "Wir kommen damit wieder zurück zu einer sprachlichen Form, die wir eigentlich immer hatten."

Buchhinweis
Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Zweiter Teil. Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, Freiburg 2011 (Verlag Herder, 366 Seiten, 22 Euro).

Die Debatte berühre zurzeit kaum die Ökumene, sagte der Catholica-Referent des Konfessionskundlichen Instituts der evangelischen Kirche im südhessischen Bensheim, Martin Bräuer, dem epd. Der Wunsch des Papstes, die sogenannten Kelchworte bei der Einsetzung des Abendmahls mit "für viele" zu übersetzen an Stelle von "für alle" werde auch in den protestantischen Kirchen seit 500 Jahren weithin praktiziert. Nach einer ersten Einschätzung könne der Vorstoß des Papstes aber mit seinem Bemühen zusammenhängen, die Piusbrüder wieder in die katholische Kirche zu holen, so Bräuer.

Piusbrüder verlangen Änderung

Auch Klaus Müller vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster, erklärte, der Papst wolle die Schwelle für die Piusbruderschaft und andere weiter absenken, die die Änderung der Einsetzungsformel in der Messe schon lange forderten. Vor allem die von Rom getrennte Priesterbruderschaft lehnt wichtige Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) ab, auch die erneuerte Liturgie.

Bereits 2006 waren in einem Brief der vatikanischen Gottesdienstkongregation die Bischofskonferenzen aufgefordert worden, die Übersetzung der Kelchworte zu ändern. Die katholischen deutschen Bischöfe wollten dagegen an der Übersetzung "für alle" festhalten. Zunächst werden sich die Übersetzungen der Messbücher und damit einiges für die Katholiken ändern. Ob und wie diese Änderung die Ökumene beeinflussen könnte, bleibt laut dem Ökumene-Experten Bräuer abzuwarten.

Papstbuch: Beschränkte Reichweite des Sakraments

Papst Benedikt räumte in seinem Brief ein, die Frage "Warum 'für viele'? Ist der Herr denn nicht für alle gestorben?" habe seine Berechtigung. Das Wirken Jesu umfasse die ganze Menschheit. Aber faktisch komme er bei der Eucharistiefeier nur zu vielen, so Benedikt. In seinem Jesus-Buch von 2011 (Herder-Verlag) erklärte der Papst: Während der Tod Jesu "für alle" gelte, sei die Reichweite des Sakraments beschränkter. Dieses komme zu vielen, aber eben nicht zu allen.

Die Pläne des Papstes zur Liturgie-Revision waren schon vor Jahren bei der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche" auf Skepsis gestoßen. "Was ist Absicht und Hintergrund dieser Rückkehr zur wörtlich zwar richtigen, aber theologisch problematischen vorkonzialiaren Übersetzung 'für viele'?", hieß es 2006. Die Laienbewegung mutmaßte, dass Benedikt wieder sein "altes Thema" verfolge: Extra ecclesiam nulla salus. (Außerhalb der Kirche kein Heil).