Die Papst-Bilanz: Von "Bücher" bis "Vatileaks"

Papst benedikt mit rotem Hut

Foto: epd-bild/Alessio Petrucci

Papst Benedkit XVI. beim Empfang von rund 50.000 Ministranten im August 2010.

Die Papst-Bilanz: Von "Bücher" bis "Vatileaks"
Ein Reformer war er nicht. Benedikt der XVI. blieb beim Kondomverbot, forderte zur verstärkten Nutzung der lateinischen Sprache in der Liturgie auf und beförderte nicht gerade die Ökumene. Eine Bilanz in Stichworten.

BÜCHER: Als Papst des geschriebenen Wortes widmete Benedikt sich intensiv der Arbeit an Enzykliken und an einer Trilogie über Jesus Christus. Dabei stellte er seine Schriften ausdrücklich auch einer kritischen Öffentlichkeit zur Diskussion. Nach seinem Rücktritt wird er ein viertes päpstliche Rundschreiben, das bereits fertiggestellt sein soll, nicht mehr veröffentlichen. In seinen Enzykliken widmete er sich der Rolle der Liebe, der Hoffnung und der Wahrheit für den Glauben. Seine Jesus-Bücher wurden zu internationalen Bestsellern.

DEUTSCHLAND: Nach zwei Reisen zum Weltjugendtag in Köln 2005 und nach Bayern 2006 stattete Benedikt Deutschland erst 2011 einen offiziellen Besuch mit Stationen in Berlin, Erfurt und Freiburg ab. Mit viel Beifall wurde er dabei nicht nur in katholischen Regionen sondern auch in der Hauptstadt empfangen. Dem offiziellen Besuch seines Heimatlandes mit seiner als historisch geltenden Bundestags-Rede waren mehrere Jahre zuvor Spannungen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vorangegangen. Die Regierungschefin hatte nach der Aufhebung der Exkommunikation für den britischen Bischof Richard Williamson von der Piusbruderschaft eine päpstliche Klarstellung zum Umgang der Kirche mit dem Holocaust-Leugner gefordert.

ISLAM: Mit islamfeindlichen Zitaten löste Benedikt 2006 in seiner sogenannten Regensburger Rede heftige Proteste weltweit aus. In Somalia und in der Türkei wurden vermutlich im Zusammenhang mit den Reaktionen eine Ordensfrau und ein Priester aus Italien ermordet. Im Bemühen um Entspannung brachte Benedikt einen Dialogprozess zwischen katholischer Kirche und Islam-Gelehrten in Gang. Nach einem offenen Brief von 138 muslimischen Gelehrten an den Papst gipfelte dieses Gespräch in einem historischen Treffen zwischen Vertretern beider Religionen.

JUDENTUM: Bei einem Besuch in Israel erhielt Benedikt für seine Verurteilung der Unmenschlichkeit der Schoah viel Zustimmung. Auch wenn unter den Tätern Christen waren und die katholische Kirche Juden bis ins 20. Jahrhundert hinein als Gottesmörder ächtete, trägt die Kirche nach seiner Auffassung jedoch keine Mitverantwortung für die Judenvernichtung. Benedikts Bemühungen um Dialog zum Judentum wurden durch die ebenfalls vom Papst vorangetriebene Aussöhnung mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. und der Aufhebung der Exkommunikation eines Holocaust-Leugners zeitweilig empfindlich gestört. Den Prozess der Seligsprechung für den wegen seiner Haltung zum Nationalsozialismus umstrittenen Papst Pius XII. (1876-1958) legte Benedikt nach wiederholten Protesten von jüdischer Seite mittlerweile auf Eis.

Ein Journalist entlockte ihm Aussagen über Kondome

KONDOME: Mit Äußerungen für den Interview-Band "Licht der Welt" des Journalisten Peter Seewald lockerte der Papst 2010 erstmals das Verbot von Präservativen zur Empfängnisverhütung. Darin erklärte er, "es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet". Nachdem die Äußerung aufgrund von Übersetzungsfehlern in anderen Sprachen zunächst allein für männliche Prostituierte zu gelten schien, stellte der Vatikan klar, dass keine geschlechtsspezifische Beschränkung gemeint war. Bei seiner ersten Afrika-Reise hatte Benedikt noch vor der Landung in Kamerun betont, Kondome verschlimmerten das Aids-Problem. Der Vatikan argumentierte, die alleinige Konzentration auf Präservative verringere die Aufmerksamkeit auf weitere Maßnahmen gegen die Aids-Epidemie.

LITURGIE: Bereits am Beginn seines Pontifikats forderte Benedikt die Gläubigen zur verstärkten Nutzung der lateinischen Sprache in der Liturgie auf. Die Pflege traditioneller Formen im Gottesdienst durch die schismatische Piusbruderschaft bildet nicht erst seit 2005, sondern bereits seit Ende der 80er Jahre die Grundlage für Bemühungen, die Anhänger des verstorbenen Erzbischofs Marcel Lefebvre wieder in die katholische Kirche einzubinden. Die Liturgie-Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) führte aus Benedikts Sicht vielfach zu einer Banalisierung des Ritus.

MISSBRAUCH: In einem Hirtenbrief an die irischen Bischöfe bedauerte der Papst 2009 sexuellen Missbrauch von Kindern durch Kleriker und bat die Opfer um Verzeihung. Bischöfen, die Missbrauchsfälle vertuscht hatten, warf er "schwere Fehleinschätzungen" vor. Seit 2008 sind Begegnungen mit Opfern sexueller Übergriffe durch Priester fester Bestandteil der Auslandsreisen des Papstes.

Kein "ökumenisches Gastgeschenk"

ÖKUMENE: Benedikt setzte im Dialog mit anderen Kirchen auf eine Stärkung der katholischen Identität. Nur wer über ein klares Profil verfügt, kann sich in seinen Augen Klarheit über Gemeinsamkeiten mit und Unterschiede zu anderen christlichen Bekenntnissen verschaffen. Bei der Begegnung mit den Spitzen der Evangelischen Kirche in Deutschland im ehemaligen Augustinerkloster von Erfurt erteilte er 2011 Erwartungen an ein "ökumenisches Gastgeschenk" eine Absage. Der Dialog zwischen Katholiken und Protestanten folge nicht den Regeln von politischen Verhandlungen, betonte er im Blick auf Forderungen nach gemeinsamen Abendmahlsfeiern.

ORTHODOXIE: Wegen weitreichender Übereinstimmungen vor allem in Fragen der Liturgie und im Umgang mit einer säkularisierten Welt pflegte Benedikt ein besonders herzliches Verhältnis zu den orthodoxen Kirchen. Sein Wunsch nach einem Treffen mit dem Oberhaupt der zahlenmäßig größten orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I. von Moskau, erfüllte sich nicht. Hingegen tauschte der Papst sich regelmäßig aus mit dem Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christenheit, Patriarch Bartholomäus I. von Konstantinopel. Kyrill sieht die von Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. (1920-2005) eingerichteten katholischen Kirchenstrukturen in Russland als Versuch, Gläubige abzuwerben.

PIUSBRUDERSCHAFT: Als Papst Benedikt XVI. intensivierte der frühere Kardinal Joseph Ratzinger seine 1988 begonnenen Bemühungen um eine Integration mit der abtrünnigen Bruderschaft St. Pius X. Die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Gemeinschaft, die gegen den Willen des Papstes aber aus katholischer Sicht gültig geweiht waren, sorgte 2008 weltweit für Aufsehen. Bereits vor der Bekanntgabe des Beschlusses der Bischofskongregation war bekanntgeworden, dass sich unter den Bischöfen der Holocaust-Leugner Richard Williamson befand. Bis zuletzt ließ die Piusbruderschaft Fristen verstreichen, mit denen sie zur Anerkennung grundlegender Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) als Vorbedingung für die Integration in die katholische Kirche mit einem Sonderstatus aufgefordert wurde.

Rücktritt als "historische Leistung"

REISEN: Im Unterschied zu Johannes Paul II. (1920-2005), dessen Auslandsreisen zu einem Kennzeichen des Pontifikats gehörten, machte Benedikt weniger Pastoralbesuche außerhalb Italiens. Der polnische Pontifex unternahm innerhalb von 27 Jahren 104 Auslandreisen. Benedikt besuchte in knapp acht Jahren 24 Länder.

RÜCKTRITT: Als erster Papst seit dem Mittelalter beendet Benedikt ein Pontifikat durch einen Rücktritt aus freien Stücken. Jenseits der Debatten über das Vermächtnis des Papstes wird dieser Schritt auch von Papstkritikern als historische Leistung gewürdigt. Der Amtsverzicht löste überdies eine Diskussion über eine mögliche Altersbeschränkung für das Papstamt aus.

VATILEKAKS: Nachdem Dokumente im päpstlichen Arbeitszimmer über Jahrhunderte sorgsam vor der Öffentlichkeit verborgen blieben, wurden im vergangenen Jahr über den langjährigen Kammerdiener Paolo Gabriele Kopien vertraulicher Schreiben publik. Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi zitierte daraus in dem Buch "Seine Heiligkeit: Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI." Gabriele wurde im vergangenen Herbst von einem Vatikangericht wegen schweren Diebstahls zu einer 18-monatigen Haftstrafe verurteilt. Kurz vor Weihnachten begnadigte der Papst den Ex-Mitarbeiter

Zur Person: Papst Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI. scheidet am 28. Februar mit 85 Jahren als Papst aus dem Amt. Unmittelbar nach seiner Wahl am 19. April 2005 hatte sich Joseph Ratzinger einen "einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn" genannt - und damit vor der Weltöffentlichkeit seiner eigenen Verwunderung darüber Ausdruck verliehen, wohin ihn sein Lebensweg geführt hatte.
Bevor er zum Papst gewählt wurde, war der damalige Kardinal Ratzinger rund 20 Jahre als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation einer der engsten Berater seines Vorgängers Johannes Paul II. (1920-2005). Die Schlüsselstellung im Vatikans beförderte seine Wahl zum Kirchenoberhaupt.
Während des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte der am 16. April 1927 im bayerischen Marktl am Inn geborene Theologe als reformorientiert gegolten. Unter den Erfahrungen mit der Studentenrevolte der 68er-Generation wandelte der Theologieprofessor und spätere Erzbischof von München und Freising sich jedoch zunehmend zum konservativen Hüter der katholischen Tradition.
Joseph Ratzinger wuchs in einem tief religiös geprägten bayerischen Umfeld auf. Zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Georg empfing er 1951 die Priesterweihe.