Der Papst und das schwierige ökumenische Erbe

Benedikts schwieriges ökumenisches Erbe

Foto: epd/Norbert Neetz

EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider (links) und Papst Benedikt XVI. bei der ökumenischen Begegnung im September 2011 im Erfurter Augustinerkloster.

Der Papst und das schwierige ökumenische Erbe
Der Papst steht an der Schnittstelle einer bis ins Mittelalter reichenden Tradition und der modernen Ökumene. Diesen Spagat musste auch Benedikt XVI. in seinem Pontifikat aushalten.

Das Papstamt mit seinem Anspruch der Unfehlbarkeit, räumte schon Papst Paul VI. im Jahr 1967 ein, ist das größte Hindernis für die Einheit der Christen. Auch das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. ist - was die Beziehungen zwischen den Kirchen betrifft - schwer einzuordnen. Benedikt sei ein großer theologischer Denker gewesen, habe jedoch "die katholisch-evangelische Ökumene nicht vorangebracht", sagte etwa der Berliner Altbischof und frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, dem Magazin "Cicero". Benedikts Fürsprecher sind dagegen der Ansicht: Er hätte kaum mehr tun können.

Besonders vor seinem letzten Deutschlandbesuch 2011 waren die Erwartungen hoch. Insgesamt war der Besuch tatsächlich ein positives Signal für die Ökumene - mehr allerdings nicht: Benedikt XVI. hatte nach eigenen Worten kein "ökumenisches Gastgeschenk" dabei, als er am 23. September 2011 die Spitze der EKD im Erfurter Augustinerkloster traf - sozusagen in der Keimzelle der Reformation. Dass das Oberhaupt einer Weltkirche mit weltweit mehr als einer Milliarde Christen der Leitung einer Nationalkirche mit rund 24 Millionen Mitgliedern auf Augenhöhe begegnete, kann jedoch als Erfolg für die Protestanten angesehen werden. Denn Deutschland ist längst nicht mehr der Nabel der ökumenischen Welt.

Der Philosoph Robert Spaemann verteidigte Benedikt gegen die Kritik nach dessen Deutschlandbesuch. "Er sagte, was ein Papst sagen muss", sagte Spaemann. Vorwürfen, der Papst hätte die Ökumene mehr voranbringen müssen, hielt Spaemann entgegen, Benedikt könne weder etwas verordnen oder dekretieren: "Der Papst ist doch kein absoluter Monarch. Alle Menschen dürfen mehr als der Papst. Er ist gebunden durch das Evangelium und die Auslegung des Evangeliums in der Tradition. Durch die Dogmen der Kirche, die er nicht verändern kann."

Benedikt XVI. hatte sich in seinem Pontifikat mit der orthodoxen Kirche stets besser verstanden als mit den Erben Luthers und Calvins. Sein ökumenisches Erbe hinterließ Benedikt wohl mit dem Text "Dominus Iesus", freilich noch vor seinem Pontifikat, als er noch Kardinal Joseph Ratzinger und Präfekt der Glaubenskongregation war. Damals knirschte es gewaltig in der Ökumene. Das 2000 veröffentlichte Vatikan-Dokument ist zum Sinnbild für die Probleme im evangelisch-katholischen Dialog geworden. Darin grenzte sich Rom in klaren Worten von den evangelischen Kirchen ab. Bei diesen handele es sich nicht um "Kirche im eigentlichen Sinne", so der Kernsatz. Hochrangige protestantische Vertreter fühlten sich brüskiert.

Hauptaufgabe: Wiederherstellung der Einheit

Aber es gibt noch den anderen Benedikt: Als junger Theologe nahm er als Berater am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) teil, das für eine umfassende Erneuerung in der römisch-katholischen Kirche steht. Kardinal Walter Kasper, früherer Ökumeneminister des Vatikans, urteilte: Der jetzige Papst habe wie sein Vorgänger Johannes Paul II. dem "Zweiten Vatikanischen Konzil entsprochen, das die Wiederherstellung der Einheit aller Christen als eine seiner Hauptaufgaben bezeichnete".

"Man darf auch nicht vergessen", sagte jüngst der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, Joseph Ratzinger habe bereits vor dem Konzil "für die Ökumene Anstöße gegeben, die heute noch nicht realisiert sind". Er staune zudem, so der langjährige Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, wie Benedikt "auf manche Einwände seiner Kritiker schon längst geantwortet hat".

Gerade der überraschende Rücktritt von Benedikt weckt Hoffnungen auf einen neuen Kurs der zentralistisch regierten katholischen Kirche. Ökumene-Experten zufolge kann der Amtsverzicht sogar das Papsttum verändern. Die katholische Kirche sei damit der Begrenzung der Amtszeit des Kirchenoberhauptes einen Schritt näher gekommen, wie es in den meisten anderen Kirchen üblich sei, sagte Martin Bräuer vom Konfessionskundlichen Institut der evangelischen Kirche im hessischen Bensheim.

Vielen erscheint Benedikt in den acht Jahren seines Pontifikats insgesamt milder geworden zu sein. Wurde er in ausländischen Medien bei seiner Wahl 2005 noch als "Panzerkardinal" oder "Gottes Rottweiler" bezeichnet - in Anspielung auf seine deutsche Herkunft und sein konservatives Weltbild - überwog zuletzt eher das Bild des freundlichen und gütigen Vaters.
 

Die römisch-katholische Kirche ist mit 1,1 Milliarden Mitgliedern die weltweit die größte christliche Gemeinschaft. An der Spitze steht der Papst als die höchste Autorität in Fragen der Lehre und der Kirchenordnung. Bei der Leitung der Kirche helfen ihm die Kardinäle und Bischöfe, die regional ihren Bistümern vorstehen. Nationale und regionale Bischofskonferenzen können seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) selbstständiger als zuvor Entscheidungen treffen. Die Gläubigen selbst sind lokal zu Pfarreien zusammengeschlossen, die ein Priester leitet. In Deutschland waren nach Angaben der Bischofskonferenz 2011 etwa 24,5 Millionen Menschen katholisch, das entspricht etwas weniger als einem Drittel der Bundesbürger. Im Jahr 2011 traten rund 126.000 Menschen aus der Kirche aus. Dass in der Bundesrepublik die Mitgliederzahl sinkt, liegt laut Bischofskonferenz an dem demografischen Wandel und Austritten. Die Mitgliederzahl der evangelischen Kirche ist noch etwas geringer. Aktuelle Probleme der Kirche sind zudem die Säkularisierung der Gesellschaft und die Forderung nach innerkirchlichen Reformen. Zu den umstrittenen Themen gehören die Rolle der Frau, der Pflichtzölibat für Priester sowie die Bewertung von Sexualität.