"Das jüdisch-deutsche Verhältnis ist nicht normal"

Rabbiner Julian Chaim Soussan von der Neuen Synagoge Mainz

Foto: epd-bild/Andrea Enderlein

Julian Chaim Soussan, Rabbiner der neue Synagoge in Mainz, am 16.11.2012 in der Synagoge.

"Das jüdisch-deutsche Verhältnis ist nicht normal"
In Mainz steht eine der spektakulärsten Synagogen Deutschlands. Sei einigen Monaten gibt es auch wieder einen Gemeinderabbiner. Julian-Chaim Soussan verkörpert wie kaum ein anderer ein Judentum, das modern und orthodox zugleich ist.

Er kümmert sich um den Religionsunterricht für Kinder, übernimmt die Rolle des Vorbeters bei Gottesdiensten, spricht bei Beerdigungen Trost zu. Und nebenbei muss Julian-Chaim Soussan noch klären, ob die Laugenbrezeln für die Feier zum Jahrestag der Städtepartnerschaft Mainz-Haifa überhaupt koscher sind. Der 44-Jährige amtiert seit 2012 in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt. "In Deutschland besteht ein Bedürfnis nach lebendigem Judentum", erklärt Soussan, warum er wie bereits sein Vater Rabbiner wurde. "Deshalb habe ich das zum Beruf gemacht und versuche, mich einzumischen."

Der Rabbiner empfängt Besucher in seinem noch kärglich eingerichteten Büro im Obergeschoss der architektonisch spektakulären Mainzer Synagoge. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug und eine Kippa, der angegraute Bart ist ordentlich gestutzt. In der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands war er anfangs das jüngste Mitglied. Der in Baden-Württemberg geborene Soussan hatte ursprünglich Volkswirtschaftslehre studiert und Judaistik nur im Nebenfach belegt. Er begann, als Religionslehrer zu arbeiten. Unter dem Einfluss seines Vaters und des damaligen Zentralratsvorsitzenden Paul Spiegel ging er mit 35 nach Israel und ließ sich dort zum Rabbiner ausbilden.

Die legendären SchUM-Gemeinden

Durch seine Mitarbeit in interreligiösen Dialoggremien hat sich Soussan längst auch außerhalb der jüdischen Gemeinschaft einen Namen gemacht. Er ist ein brillanter Redner mit charmantem Humor, der auch vor provokanten Äußerungen nicht zurückschreckt. "Man hat von Rechts wegen die Erlaubnis bekommen, auch mal über die Juden zu schimpfen", lässt er seinem Ärger über die Beschneidungsdebatte freien Lauf.

"Das jüdisch-deutsche Verhältnis ist nicht normal, und es macht keinen Sinn, das immer herbeirufen zu wollen", urteilt der Rabbiner. In seiner Jugend ging ihm das positiv-neugierige Interesse von Fremden an seiner Kippa zuweilen auf die Nerven. Als er in seiner Schulzeit Filme über die NS-Zeit sah, plagten ihn, den einzigen Juden in der Klasse, alptraumhafte Fantasien. Wer seiner Mitschüler hätte ihn verraten, wer hätte ihn versteckt: "Aber dann habe ich mir vorgestellt: Was hätte ich eigentlich damals getan, wenn ich nicht Jude gewesen wäre?"

Bis vor anderthalb Jahren war Julian-Chaim Soussan an der drittgrößten jüdischen Gemeinde der Republik in Düsseldorf tätig. Über 7.500 Mitglieder gehören ihr an, mehr als doppelt so viele wie in allen rheinland-pfälzischen Gemeinden zusammen. Seinen Wechsel ins vergleichsweise kleine Mainz empfindet er dennoch als Ehre - schließlich war die Stadt einst neben Worms und Speyer eine der drei legendären SchUM-Gemeinden und damit das geistige Zentrum des europäischen Judentums. Das Wort SchUM geht zurück auf die Anfangsbuchstaben der drei mittelalterlichen Städtenamen. Die Beschlüsse der Rabbiner, die hier ab dem 12. Jahrhundert getroffen wurden, prägten das jüdische Leben in Mitteleuropa.

Anbindung der russischsprachigen Juden

Mehrere Jahre lang hatte der jüdischen Gemeinde in Mainz schlicht das Geld für einen eigenen Gemeinderabbiner gefehlt. Dessen Anwesenheit beim Gottesdienst ist anders als die eines Pfarrers im Christentum auch gar nicht unbedingt nötig. Aber immer weniger jüdische Männer können noch die hebräischen Gebete sprechen. Die Mainzer Gemeinde musste in der Vergangenheit zum Sabbat einen Vorbeter zuweilen aus Frankfurt oder gar aus Straßburg zu sich holen. Künftig fällt diese Suche weg.

Schon zur Liturgie für die Grundsteinlegung der neuen Synagoge war Soussan 2008 nach Rheinland-Pfalz gekommen, zwei Jahre später trug er eine der Thorarollen aus dem alten Betsaal in das neue Gotteshaus. Das Bauprojekt, die tatkräftige Gemeinde und die positive Stimmung in der Stadt hätten ihn schon damals begeistert, berichtet er: "Als wir bei der Einweihung der Synagoge mit den Thorarollen tanzend durch die Straßen zogen, hatte ich den Eindruck, die Menschen insgesamt hätten sich gefreut."

Soussan will sich im neuen Amt um die engere Anbindung der russischsprachigen Juden kümmern, die wie überall in Deutschland auch in Mainz die Mehrheit der Gemeindemitglieder bilden. Viele hätten nach den Erfahrungen in der Sowjetunion nun den Wunsch, sich möglichst unauffällig einzugliedern - in die deutsche Gesellschaft, aber nicht unbedingt in die jüdische Gemeinde. "Für die meisten von ihnen war immer klar: Jude zu sein, ist etwas Unangenehmes", sagt der Rabbiner. Er wolle die Menschen vom Gegenteil überzeugen.

Doch nicht nur viele Zuwanderer empfänden es als zu mühsam, Hebräisch zu lernen und alle jüdischen Verhaltens- und Speiseregeln zu achten. Wer sich aber daran gewöhnt habe, dem falle ein solches Leben nicht mehr schwer, wirbt der Rabbiner für die Einhaltung der 613 Ge- und Verbote: "Ich spare das, was ich für koscheres Fleisch ausgebe, wieder ein, weil ich kaum auswärts essen gehe."