Zeitstifterin: "Kinder sind wie ein Geschenk für mich"

Baby

Foto: mathias the dread/photocase

Mit Baby ist plötzlich alles anders. Manche Mütter brauchen in den ersten Monaten Unterstützung. Die Siegerländer Frauenhilfe schickt kostenlos "Zeitstifterinnen" in die Familien.

Zeitstifterin: "Kinder sind wie ein Geschenk für mich"
"Menschen, die Zeit haben, sind wie Engel", sagt die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, in ihrer Botschaft zum ZDF-Fernsehgottesdienst am 4. Advent. Der Gottesdienst wird aus Siegen ausgestrahlt, das Thema lautet: "Wie soll ich dich empfangen?" Es geht um Babys, die unter schwierigen Umständen zur Welt kommen, und ihre Mütter, die sich manchmal ganz schön überfordert fühlen - und jemanden brauchen, der Zeit für sie hat. Damals bei Maria war das so - und auch heute, zum Beispiel bei Hülya im Siegerland.

Hülya* sitzt auf dem Teppich im Wohnzimmer und kämmt ihrer Tochter Adelisa die langen braunen Haare. Genüsslich schließt das Mädchen die Augen, bis der Pferdeschwanz fertig ist. Adelisa mag es, so zärtlich umsorgt zu werden. Trotz ihrer vier Jahre kann sie noch nicht alles alleine tun - das Laufen zum Beispiel muss sie noch üben. Ihr Körper ist nicht besonders kräftig, sie spielt im Sitzen.

"Die Mama hat mir einen Fotoapparat gekauft", erzählt Adelisa stolz. Der Apparat ist rosa und kann nicht nur Fotos machen, sondern auch Musik. Sie hat ihn gestern zu ihrem vierten Geburtstag bekommen und probiert jetzt aus, wie das Ding funktioniert. 

Adelisa war ein Wunschkind, 13 Jahre haben Hülya und ihr Mann auf sie gewartet, und dann kam sie viel zu früh auf die Welt. Ein Sorgenkind - von Anfang an. Hülya war sofort nach der Entbindung klar, dass sie Hilfe brauchte. Auf Verwandte konnte sie nicht zurückgreifen, denn die leben in der Türkei.

In der Kinderklinik fiel der jungen Mutter eine Broschüre der Siegerländer Frauenhilfe in die Hände. So erfuhr sie von dem Projekt "Starthilfe - Zeit stiften für junge Mütter". Ehrenamtlich bieten mittlerweile 49 Frauen jungen Müttern Hilfe an - bei der Kinderbetreuung, bei Arztbesuchen, bei der Organisation des Alltags. Die Hilfe einer solchen Zeitstifterin ist kostenlos und läuft völlig unbürokratisch ab, alle Mütter können sie in Anspruch nehmen. Also rief Hülya dort an.

"Das Vertrauen zu Charlotte war da"

Die Frauenhilfe vermittelte ihr Charlotte, die wegen einer veränderten Situation in ihrer eigenen Familie viel Zeit übrig hatte. "Ich bin selbst Mutter, habe gern mit Kindern zu tun. Kinder sind wie ein Geschenk für mich", sagt Charlotte. 2009 kam sie zum ersten Testbesuch zu Adelisa und Hülya. "Es war sofort klar, dass es passt", erinnert sich die junge Mutter. "Das Vertrauen zu Charlotte war da." Trotzdem ließen sie es langsam angehen. Die kleine Adelisa brauchte besonders intensive Betreuung, ihr Herzschlag musste überwacht werden.

Adelisa probiert ihren neuen Fotoapparat aus. Foto: Anne Kampf/evangelisch.de

Hülya ging anfangs höchstens für eine Stunde weg, unruhig und in ständigem Handykontakt zu der Zeitstifterin, die daheim auf Adelisa aufpasste. Mittlerweile sagt Hülya: "Ich gehe mit einem guten Gefühl aus dem Haus."

In diesem Sommer hat Adelisa einen kleinen Bruder bekommen, Adin, jetzt ist er fünf Monate alt. Der Junge liegt auf seiner Decke, quiekt vergnügt und strahlt alle mit seinen dunkelbraunen Augen fröhlich an. Charlotte nimmt ihn auf den Schoß, packt seine Beine und "winkt" Adelisa mit Adins Füßen zu. Sie "winkt" zurück - mit Hülyas Hilfe. Ein glücklicher Moment. Natürlich geht es Hülya nicht immer so gut, das Leben ist ganz schön anstrengend mit einem behinderten Kind und einem Säugling. Die Zeitstifterin verschafft ihr Ruhepausen. "Meine Freizeit wäre bei Null, wenn Charlotte nicht da wäre", sagt Hülya.

Charlotte kommt einmal in der Woche zu einer festen Zeit und darüber hinaus, wenn es gerade nötig ist. Gestern beim Geburtstag war Charlotte entweder bei Adin oder - wenn der gestillt werden musste - bei Adelisa. "Und aufgeräumt hat sie." Hülya lächelt Charlotte verlegen an. Neulich ist sie mit ihrem Mann Frühstücken gegangen, einfach so, Adelisa war im Kindergarten und Charlotte bei Adin. Das tat richtig gut. Luxus für eine junge Mutter? Nein, meint Charlotte, Erholung sei ganz wichtig. "Wenn Mütter ständig angespannt sind, überträgt sich das auf die Kinder."

Schwangerschaft und Geburt sind nicht immer sorgenfrei

Das Starthilfeprojekt der Siegerländer Frauenhilfe wird am Sonntag im ZDF-Fernsehgottesdienst vorgestellt. Ein Geschwisterkind aus einer betreuten Familie erzählt, was die Hilfe der Zeitstifterin in seiner Familie bewirkt, und Präses Annette Kurschus bringt das Projekt mit der Weihnachtsgeschichte in Verbindung. Schließlich waren auch in den biblischen Erzählungen nicht alle Schwangerschaften und Geburten sorgenfrei: Elisabeth war schon recht alt, als sie endlich ein Kind erwartete. Ihre Verwandte Maria wurde ungewollt und unverheiratet schwanger, und Jesus - so würde man heute sagen - wurde in "prekäre Verhältnisse" hineingeboren. Beide Frauen hätten wohl gut eine Zeitstifterin gebrauchen können. 

"Menschen, die Zeit haben, sind wie Engel, Botinnen und Boten Gottes. Männer und Frauen, die Zeit verschenken. Zeitpaten, wie wir sie in Siegen haben, sind solche Engel", sagt Annette Kurschus in ihrer Videobotschaft zum Fernsehgottesdienst. Hülya würde das glatt unterschreiben. "Ohne Charlotte wäre ich sehr aufgeschmissen", bekennt sie. Während ihrer Schwangerschaft mit Adin hat Charlotte ihr Ruhepausen verschafft, ist mit Adelisa Dreiradfahren und sogar in den Zirkus gegangen. "Und Eis essen", erinnert sich die Vierjährige strahlend. Am liebsten würde sie den Sommer nachträglich im Bild festhalten - aber den Fotoapparat besitzt sie ja erst seit gestern. Also schießt Adelisa schnell noch ein paar Bilder von Adin und Charlotte auf dem Sofa. "Jetzt hab ich gespeichert", erklärt sie stolz.

*Name von der Redaktion geändert

Der Fernsehgottesdienst aus der Siegener Nikolaikirche wird am 23. Dezember 2012 ab 9.30 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Die Predigt über Sacharja 9,9 und Lukas 1,39-45 hält die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus. Das Thema lautet "Wie soll ich dich empfangen?"