Bittere Bilanz: Schusswaffennation Amerika

Waffenhandel in den USA

Foto: dpa/Larry W. Smith

Ein Kunde in einem Waffengeschäft in Wichita, Kansas, USA, schaut in ein Buch über Handfeuerwaffen. Für viele Menschen in den USA ist es normal, privat Waffen zu besitzen.

Bittere Bilanz: Schusswaffennation Amerika
Die Bluttat von Newtown erschüttert die USA: 20 Kinder und sieben Erwachsene starben. Doch ob Trauer und Empörung die Nation diesmal dazu bringen, das Waffengesetz zu verschärfen, ist fraglich.

Unermessliche Trauer herrscht nach dem Mord an 27 Menschen in Newtown im US-Bundesstaat Connecticut: Es gibt Mahnwachen, Kerzen, Gottesdienste und immer wieder Fragen nach dem Tatmotiv. Dies alles erleben die US-Bürger so nicht zum ersten Mal. Dass der Ruf nach  schärferen Waffenkontrollen jetzt wieder laut wird, gehört zum furchtbaren Déjà-vu. "Wir haben in diesem Land zu viele dieser Schießereien gesehen", sagte Präsident Barack Obama am Wochenende unter Tränen. Doch bisher blieben striktere Gesetze aus.

Der 20-jährige Adam Lanza erschoss an einer Grundschule 20 Kinder und sechs Schulmitarbeiter; er tötete seine Mutter und sich selbst. Seine Bluttat ist das vorläufige Ende einer langen Reihe von bewaffneten Amokläufen in den USA.

Eine furchtbare Bilanz: Im August starben sieben Menschen im Sikh-Tempel von Oak Creek im US-Bundesstaat Wisconsin, im Juli zwölf bei einer Filmpremiere in Aurora (Colorado). Im April gab es sieben Tote bei einem Blutbad in einem evangelikalen College in Kalifornien. Im Januar 2011 wurden in Arizona sechs Menschen getötet und dreizehn verwundet. Die meisten Opfer waren im April 2007 in Virginia zu beklagen: 33 Tote in einer Universität in Blacksburg.

Zeit für eine "ernsthafte Diskussion über Schusswaffenkontrolle"

Kritiker machen das laxe Schusswaffenrecht für die  Gewalttaten verantwortlich. US-Bürger können - nach einer meist elektronisch abgewickelten Prüfung - problemlos Gewehre, Revolver und Pistolen kaufen. Laut Schätzungen befinden sich in den Privathaushalten 200 Millionen bis 300 Millionen Waffen. Rund 30.000 US-Amerikaner kommen jedes Jahr durch Schusswaffen ums Leben.

Nach dem Massaker von Newtown forderte Präsident Obama nun Schritte für mehr Sicherheit. Die US-Amerikaner müssten "bedeutungsvolle Maßnahmen" treffen, um "Tragödien wie diese" zu verhindern, sagte Obama. Der demokratische Abgeordnete des Repräsentantenhauses, Jerry Nadler, sagte, es sei Zeit für eine "ernsthafte Diskussion über Schusswaffenkontrolle". Schusswaffenkritiker hoffen auf einen Kurswechsel; sie setzen darauf, dass diesmal, weil die meisten Opfer in der Sandy-Hook-Grundschule Kinder waren, die Politiker den Mut finden zu schärferen Kontrollen.

Allerdings stehen strengere Gesetze seit Jahren kaum zur Debatte. Nach früheren Massakern wie in Aurora reagierten die Bürger, indem sie mehr Waffen kauften. Obama hielt sich seiner erstem Amtsperiode zurück mit Forderungen nach restriktiven Maßnahmen. Man müsse die nach der Verfassung garantierten Schusswaffenrechte schützen, sagte sein Pressesprecher Jay Carney kurz nach Aurora.

Nach dem zweiten Zusatz zur US-Verfassung ist führenden Politikern und Juristen zufolge den Bürgern das fast uneingeschränkte Recht gewährt, Schusswaffen zu besitzen. Schusswaffen garantierten Freiheit, behauptet die nach eigenen Angaben drei bis vier Millionen Mitglieder zählende Verband der Schusswaffen-Freunde, "National Rifle Association".

Viele US-Amerikaner halten an diesem ideologischen Bekenntnis zu Schusswaffen fest. Allerdings geht die Zahl der Waffenbesitzer nach einer wissenschaftlichen Studie der New-York-Universität zurück: In den 70er Jahre habe die Hälfte der US-Bürger angegeben, eine Schusswaffe zu haben, heute sei es nur mehr etwa ein Drittel.

Schusswaffenverbände lehnen Kontrolle grundsätzlich ab. Die Täter und nicht die Schusswaffen seien schuld, wenn jemand erschossen werde, heißt es. Der Vorsitzende der Vereinigung "Schusswaffenbesitzer von Amerika", Larry Pratt, erklärte am Freitag, der Massenmord habe geschehen können, weil "kein Erwachsener in der Schule" eine Waffe zur Verteidigung gehabt habe.

"Moralischer Zerfall"

Die Kirchen können sich offenbar nur schwer Gehör verschaffen in der Debatte. Die Präsidentin des ökumenischen Nationalen Kirchenrates, Kathryn Lohre, verwies am Freitag auf erfolglose kirchliche Appelle, die Schusswaffengesetze zu verschärfen. Der Rat forderte seit Jahren, den Zugang zu Handfeuerwaffen zu erschweren.

Konservative Kirchenvertreter machen "moralischen Zerfall" für die Morde verantwortlich. Die Gesellschaft habe Gott aus den staatlichen Schulen verdrängt, hieß es im Rundfunkprogramm des "Amerikanischen Familienverbandes". Daher komme es zu solchen Bluttaten.

Unterdessen wirbt kurz vor Weihnachten der Verband der Schusswaffenindustrie (National Shooting Sports Foundation) für Revolver auf dem Gabentisch. Eine Schusswaffe sei doch ein gutes Geschenk für "Familienangehörige, gute Freunde und Verwandte", empfiehlt die Website. Mit den Waffen sei natürlich auch Verantwortung verbunden, doch es gebe "kein Bundesgesetz, das die Schenkung einer Schusswaffe an einen Verwandten oder Freund, der in Ihrem Haus wohnt, verbieten würde".

Der Verband hat sein Hauptquartier in Newtown, fünf Kilometer entfernt von der Sandy Hook-Schule. Zu der "entsetzlichen Tragödie in unserer Community" wolle die National Shooting Sports Foundation nichts sagen, "aus Respekt" für die Familien der Opfer.

In den USA sind mehr Waffen in Privatbesitz als in jedem anderen Land der Welt - Statistiker gehen von rund 270 Millionen aus (Stand 2007). Auf 100 Einwohner kommen in den USA demnach im Durchschnitt rund 89 Waffen. Etwa 30.000 Menschen jährlich sterben in den USA wegen des Gebrauchs dieser Waffen - die Hälfte von ihnen begeht Selbstmord.
Dennoch sprachen sich bei einer Befragung 2010 nur 44 Prozent der US-Bürger dafür aus, die Waffengesetze zu verschärfen. 54 Prozent waren dafür, sie unangetastet zu lassen oder sogar abzumildern. Mehr als zwei Drittel sind gegen ein Gesetz, das den privaten Besitz von Feuerwaffen verbietet.
Das Recht auf Waffen wurde vor mehr als 220 Jahren im zweiten Zusatzartikel zur Verfassung verbrieft: "Da eine gut organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden", heißt es dort. (dpa)