Solidarität im Slum

Solidarität im Slum von Nairobi

Foto: epd-bild/Bettina Rühl

Dolphin Agolla (li.) mit einigen ihrer betreuten Kinder im Mathare Valley Slum, einem der vielen Elendsviertel in der kenianischen Hauptstadt Nairobi

Solidarität im Slum
Betten gibt es nicht in den beiden Hütten von Dolphin Agolla. Die Mutter von sieben Kindern lebt in einem der großen Elendsviertel von Nairobi, ohne Wasser, Strom oder Kanalisation. Und hat trotzdem 17 weitere Kinder aufgenommen.

Durch die dünne Bretterwand dröhnt die Musik der Nachbarn. Dolphin Agolla stört der Lärm nicht. "Wieso denn?", fragt die 49-jährige Kenianerin. "Ich habe ja selbst kein Radio, ich profitiere von den Nachbarn." Die Frau, die alle nur Dolphin nennen, lebt im "Mathare Valley Slum", einem der vielen Elendsviertel in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Hier wohnen 180.000 bis 300.000 Menschen.

Die meisten Baracken haben kein Wasser und keinen Strom. Es gibt auch keine Abwasserkanäle. Die Bewohner müssen sauberes Wasser in Kanistern für teures Geld kaufen. Wer in Dolphins enger Hütte steht, kann kaum glauben, wie viele Menschen hier schlafen. "Wir sind zu acht", sagt die Frau, die sich vor fünf Jahren von ihrem Mann getrennt hat.

Keine Betten für Dolphin und ihre Kinder

Betten gibt es nicht. "Nur eine Matratze, auf die drei von uns passen. Die anderen liegen auf Matten." Und das sind nur die Mädchen, die in Dolphins Obhut sind. Für die Jungen hat sie eine zweite Baracke gemietet. Denn Dolphin hat 17 Kinder aufgenommen, zusätzlich zu ihren sieben eigenen, von denen zwei inzwischen verheiratet und aus dem Haus sind.

Dolphin ist Gesundheitshelferin, das heißt, dass sie die Menschen bei Fragen zu Krankheit und Hygiene berät. Bezahlt wird sie von der deutschen Organisation "Ärzte für die Dritte Welt", die in dem Slum eine Ambulanz betreibt. Noch bis vor kurzem musste sich Dolphin mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Aber das hat sie nicht daran gehindert, Kinder aufzunehmen.

Sie ist dabei besonders großzügig, aber keine Ausnahme: Auch Rose Omia, Sozialarbeiterin in Mathare, sorgt neben den acht eigenen Kindern noch für sieben andere. Mit fünf von ihnen ist sie verwandt, es sind die Kinder ihrer an Aids gestorbenen Geschwister.

"Ich konnte es doch nicht alleine lassen!"

Dolphins Hütte ist mit den Gerätschaften, die so viele Menschen brauchen, im Grunde schon voll: Ein Gaskocher mit einer einzigen Flamme, ein paar Töpfe und Schüsseln, Wasserkanister, einige Taschen und Kisten für Kleidung, Haarbürsten. Auf einer Decke auf dem Boden liegt außerdem eins der Kinder, die Dolphin aufgenommen hat: Die zehnjährige Mercy Awiti, die einen Wasserkopf hat und deshalb behindert ist.  

Das Mädchen wurde eines Tages in der Armenküche zurückgelassen, in der Dolphin mittags Essen verteilt. "Ich konnte es doch nicht alleine lassen!" Außerdem nahm sie den Sohn einer Patientin nach deren Tod auf. "Alle anderen sind die Waisen meiner verstorbenen Brüder und Schwestern." Drei ihrer Geschwister starben samt ihren Partnern an Aids.

Dolphin schafft es sogar, alle Kinder in staatlich anerkannte Schulen zu schicken, einige sogar in eine private Schule, wo der Unterricht um einiges besser ist. Die behinderte Mercy besucht eine private Förderschule. Dolphin selbst hatte nach der dritten Klasse abgehen müssen, ihr Vater fand Bildung für Mädchen nicht wichtig. Doch nun muss sie das Geld für ihre große Wahlfamilie verdienen.

Der Beste der ganzen Schule

Gegen Mittag kommt einer ihrer Söhne von der Schule nach Hause. Weil es heute Zeugnisse gab, fragt Dolphin, wie er abgeschnitten hat. "Der Beste", sagt der 17-jährige Eric, fast verlegen. Er, der Jugendliche aus Mathare, war der Beste von der ganzen Schule!

Sein Klassenlehrer schrieb: "Dein Lernwille ist beeindruckend. Hör nicht auf, so hart zu arbeiten!" Und fügt hinzu: "Du wirst es schaffen, Deine Träume wahr werden zu lassen." Nach seinen Träumen gefragt, muss Eric nicht lange überlegen: "Ich möchte studieren. Wenn ich das schaffe, werden meine Geschwister auch selbstbewusst werden und sich ebenfalls hohe Ziele setzen."

Dolphin ist sichtlich stolz auf ihren Sohn, sie sitzt in einer Ecke der Hütte und strahlt. Dann ist es Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Nachdem Dolphin mit ihren Kindern die Aufgaben für den Rest des Tages besprochen hat, verschwindet sie im Gewühl der Gassen von Mathare.