"Betteln" bei Anne Will: Es mangelt am Mitgefühl

Anne Will

Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Helmut Richard Brox (Obdachloser) und Annemarie Dose (Gründerin der Hamburger Tafel) in der Diskussion mit Anne Will.

"Betteln" bei Anne Will: Es mangelt am Mitgefühl
Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Das ist es wert, immer wieder gesagt zu werden, denn in der Diskussion zu "Betteln und Schnorren" bei Anne Will ging es ziemlich kalt zu im Umgang mit den Menschen auf der Straße.

Um es gleich vorweg zu sagen: Anne Wills gestrige Sendung war gut, denn das Thema Armut ist ein Wichtiges und kann nicht oft genug mediale Beachtung finden. Die ARD kündigte ihren späten Programmpunkt mit der Überschrift "Betteln, schnorren, Spenden sammeln – wird unser Mitleid ausgenutzt?" an. Es hätte allerdings heißen müssen: "Betteln, schnorren, Spenden sammeln – wird aus dem Sozialstaat ein sozial kalter Staat und wie kann es sein, dass so etwas in einem der wohlhabendsten Länder der Welt überhaupt passieren kann?"

Autor*in
Keine Autoren gefunden

Zunächst ging es in der Gesprächsrunde tatsächlich auch ums Betteln. Genauer gesagt um ein Bettelverbot, wie es das in Großstädten wie Hamburg und München zum Teil schon gibt. In München bat gar der Sozialdemokrat Christian Ude, Oberbürgermeister und Spitzenkandidat der bayerischen SPD für die nächsten Landtagswahlen, auf seiner Homepage die Münchner mit den Worten "bitte seien sie kaltherzig" doch Acht zu geben, ob es sich um Demutsbettler oder Kriminelle handle.

In der Tat fand sich in der Runde, die aus der CDU-Politikerin Vera Lengsfeld, der Gründerin der Hamburger Tafel Annemarie Dose, der CSU-Europaabgeordneten Monika Hohlmeier, dem Obdachlosen Richard Brox und dem Politologen Christoph Butterwegge bestand, nur ein einziger, der sich vehement gegen ein Bettelverbot aussprach: nämlich der Politikwissenschaftler.

Verbote bekämpfen keine Ursachen

Butterwegge machte deutlich, dass die Kriminalisierung von bettelnden Menschen, seien sie nun aus Deutschland oder Osteuropa, niemals die Ursachen von Armut bekämpfen könne, sondern nur dazu führe, dass Deutschland sozial kälter werde.

Vera Lengsfeld. Foto: NDR/Wolfgang Borrs

CSU-Frau Hohlmeier, in dieser Runde durchaus sympathischer als ihre CDU-Kollegin Lengsfeld, beklagte die Bettelbanden, vertrat aber auch die Meinung, dass immer der Einzelfall begutachtet werden müsse. Lengsfeld schwang dagegen die Moralkeule. Zum Glück beschränkte Anne Will die Redezeit der Dame aus Berlin, indem sie einfach die anderen häufiger zu Wort kommen ließ. Lengsfeld stellte sich selbst in die sozial kalte Ecke, mit Aussagen wie "Die Chancen sind da, man muss sie nur nutzen" oder ihrer Aufforderung an die Franziskaner-Suppenküche bei ihr um die Ecke, mehr darauf zu achten, dass die Obdachlosen nach der Speisung ihr Bier doch nicht auf dem Kinderspielplatz trinken sollen.

"Aus den Augen, aus dem Sinn" also? Wegschieben behebt Armut aber auch nicht. Der Spielplatz übrigens, den Frau Lengsfeld meint, liegt mitten in einem sozialen Brennpunkt Berlins. Es könnten auch durchaus arbeitslose Jugendliche sein, die dort ihr Bier trinken - die mit den vielen Chancen in Deutschland.

Lieber mitfühlen statt mitleiden

Einen anderen Blick auf die Sache hatte Richard Brox. Der lebt seit über 20 Jahren auf der Straße und wusste in der Runde wohl am ehesten, was das genau heißt, "seine Würde abzugeben", wie er es ausdrückte. Zwar sprach auch er sich für ein Bettelverbot aus, meinte damit aber nur die zugewanderten und organisierten Banden. Bedroht fühle man sich von der organisierten Bettelkriminalität, sowohl physisch als auch psychisch. Man nehme den wirklich Obdachlosen ihre Existenzgrundlage.

Auch diese Aussage blendet zumindest zum Teil die soziale Komplexität des Themas aus. Denn nicht wenige sind in diesem organisierten System aus Zwang und Gewalt gefangen, haben es vielleicht auch nie anders kennengelernt. Aber als Zuschauer war man geneigt, Richard Brox seine Meinung zuzugestehen, denn er lebt nun mal auf der Straße und kennt die Härte dieses Lebens.

Insgesamt aber machte die Diskussionsrunde deutlich, dass es auf der Straße ganz selbstverständlich an Mitgefühl mangelt, einfach an menschlicher Wärme und Empathie. Nicht an "Mitleid", wie es im Sendungstitel heißt. Denn eine Gesellschaft die "mitleidet" statt mitfühlt, mitdenkt - das verrät viel über die Haltung gegenüber denen, die es schlechter haben.

Bei Anne Will wird es an dieser Stelle interessant: Es geht um Teilhabe, um das Recht auf Bildung und darüber, wie die Hartz-IV-Gesetze eben dies verhindern. Ein alter Hut? Vielleicht. Aber warum sind wir nicht solidarisch mit denen, die weniger oder nichts haben? Warum gehen wir nicht zu Tausenden für diese Menschen auf die Straße? Wie kann es sein, dass in Deutschland Menschen auf der Straße leben müssen?

Armut, die man leugnet, muss man nicht beheben

Vera Lengsfeld stellt diese Fragen nicht, spricht stattdessen von Überkapazitäten in Berlin: viel zu viele Betten für Obdachlose. Richard Brox muss ihr dann erklären, dass nicht alle Obdachlosen die Möglichkeit haben, von dem Berliner Luxus zu profitieren. Ein bürokratisches Monstrum habe man da geschaffen, das es vielen unmöglich macht, selbst die einfachste Hilfe zu bekommen. Es gibt andere Orte, wo wesentlich unbürokratischer geholfen wird, zum Beispiel die Tafeln in ganz Deutschland. Annemarie Dose ist Managerin einer solchen, aus ihrem Ehrenamt wurde ein Vollzeitjob. Mildtätigkeit par Excellence.

Und hier stellt nun Anne Will die vielleicht wichtigste Frage während der gesamten Sendezeit: "Verfestigt die Tafel die Armut?" Oder anders: Stimmt da etwas mit unserem System nicht, wenn es immer mehr Tafeln gibt? Das war dann die Stelle, an der Vera Lengsfeld von der Suppenküche bei ihr um die Ecke sprach. "Pharisäerhaft und heuchlerisch" nannte das Christoph Butterwegge. Von ihm kam dann auch noch in anderen Worten die Überlegung, dass Armutsbekämpfung offensichtlich politisch nicht gewollt sei, da man sich immer häufiger auf ehrenamtlich arbeitende Organisationen wie die Tafeln verlasse. Dass die Regierung sich genötigt sah, ihren Armutsbericht zu schönen, spricht für seine These. Eine Fragestellung, die in einer neuen Ausgabe von Anne Wills Sendung Thema sein möge.