Von wegen schwach und machtlos

Wer hat hier das Sagen?

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Wer hat hier das Sagen? Doch wohl ich...

Von wegen schwach und machtlos
Die Kleinsten & die Weihnachtsbotschaft oder: Die etwas andere Top Ten
Das Jesus-Baby, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, nimmt evangelisch.de zum Anlass, im Advent verschiedenste 'Baby-Geschichten' zu erzählen. Jetzt ist es an der Zeit, mal mit dem Mythos vom schwachen und machtlosen Baby aufzuräumen. Unser Autor ist selbst Vater zweier Kinder (vier und zwei Jahre alt) und hat ganz andere Erfahrungen gemacht.

Die Weihnachtsgeschichte erzählt etwas Wunderbares: Da schickt uns Gott seinen Sohn, den Heiland und Retter. Er kommt zur Welt, im doppelten Sinne - doch nicht als großer Herrscher, herrlicher König oder gar unüberwindlicher Heerführer. Ganz im Gegenteil: Er wird geboren als Baby, arm, schwach, verletzlich und machtlos. Er wird ganz Mensch.

Soweit, so schön. Doch die Sache hat einen Haken: Die Vorstellung, ein Baby sei schwach und machtlos, stimmt einfach nicht. Da muss man weder ein erfahrenes Elternteil sein, noch Bestsellerautor von Pädagogik-Ratgebern, um festzustellen, dass die Kids vielleicht nicht gerade Tyrannen, aber zumindest ganz schön bestimmend sein können. Nicht nur, dass sie einen erstaunlichen Einfluss auf ihre direkte Umwelt ausüben, nein, sie dürfen auch eine ganze Menge, was wir 'Großen' uns im Traum nicht erlauben würden. Es ist ein Fakt: Die kleinen Erdenbürger genießen eine erstaunlich große Narrenfreiheit…

Hier sind die Top Ten der Dinge, die die Kleinsten dürfen – und die sie zu kleinen Mitmenschen mit großer Machtfülle machen:

1. Schreien. Das muss an erster Stelle stehen. Oder können Sie sich irgendjemanden vorstellen, der bei jedem kleinsten Anlass lauthals herum brüllt? Hunger, Müdigkeit, Langeweile, Dunkelheit, Blähungen, Tante Rosi und der verlorene Schnuller: Alles Gründe, loszuschreien, was die Lunge hergibt. Und das, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Nein, soweit möglich, wird sogar die Ursache so schnell wie möglich beseitigt (auch wenn es bei den beiden letztgenannten immer wieder zu Schwierigkeiten kommt).

2. Lärm machen. Ja, das steht hier absichtlich extra. Denn auch jede andere Art von lautem Geräusch müssen alle Mitmenschen ertragen, solange sie von Babys und Kleinkindern erzeugt ist. Selbst in so genannten Ruhezeiten, also mittags von 13 bis 15 Uhr und nachts von 22 bis 07 Uhr ist die Rechtsprechung auf Seiten der Kleinsten. So erklärte zum Beispiel das Oberverwaltungsgericht Münster: "Wer Kinderlärm als lästig empfindet, (...) hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern."

3. Anfassen. Kleine Kinder dürfen so ziemlich alles anfassen und das auch noch in aller Öffentlichkeit: Teuren Schmuck an nahen Verwandten, Ritterrüstungen und Dinosaurierknochen im Museum, ihre Genitalien, die frisch gestylte Frisur von Tante Rosi, Mamas Busen und Papas Zahnfleisch hinten links. Das sollte sich mal jemand Anderer trauen…!

4. Ausräumen. Auch das dürfen die Kleinen: Alles ausräumen, was ihnen in die Finger kommt, ohne Strafe fürchten zu müssen. Schubladen, Schränke, Kisten und CD-Regale. Ganz gewitzte Erziehungsberechtigte füllen die unteren Küchenschränke deshalb auch mit Kunststoffware, um größere Verluste zu vermeiden.

5. Zerstören. Dieser Punkt korrespondiert direkt mit den Plätzen 3 und 4. Denn beim Anfassen und Ausräumen geht mit schöner Regelmäßigkeit etwas kaputt, meist das Wertvollste oder Heißgeliebteste. Aber wer würde da schon den Zerstörer selbst verurteilen? Man hätte ja auch wirklich das gute Porzellan von Tante Rosi zwei Fächer weiter oben im Schrank deponieren können…

6. Kritzeln. Kleine Kinder können zu Papier bringen, was immer sie wollen: Es wird in aller Regel bejubelt wie ein Rembrandt. Selbst die Vorstudie zu "Blauer Strich an blauer Wellenlinie" wird frenetisch gefeiert und gehütet wie ein Augapfel. Und sollte der Untergrund dummerweise die Tapete gewesen sein: Bitte bei Platz 5 weiter lesen (man hätte ja auch wirklich die wasserfesten Folienstifte zwei Schubladen weiter oben im Schrank deponieren können…)!

7. Wecken. Es gibt keinen anderen Menschen, dem wir das erlauben würden: Uns mitten in der Nacht zu wecken, und zwar unsanft und laut. Sogar mehrmals mitten in der Nacht zu wecken, und zwar unsanft und laut. Im frühen Morgengrauen zu wecken, und zwar, nachdem wir schon mehrmals mitten in der Nacht geweckt wurden, und zwar unsanft und laut. Und vor allem: Zu wem würden wir dann auch noch hin rennen – umgehend und ohne Umschweife - ihn in den Arm nehmen und küssen und leise Koseworte ins Ohr sagen?

8. Essen verweigern. Eine oft wiederholte Zeremonie: Die Mahlzeit ist mit viel Liebe und Aufwand zubereitet - Karotten gekauft, natürlich Bio-Qualität, geschält und klein geschnitten, schonend gedämpft und dann püriert. Das gleiche Prozedere mit den Pastinaken. Und dann: Der erste Löffel landet nach kurzem Aufenthalt im Babymund auf der Tischdecke. Der zweite dann schon zu Teilen im eigenen Haar und passend dazu auch auf der frisch gewaschenen Jeans. Oder auf der Tapete (siehe Plätze 5 und 6). Und die Reaktion? "Okay, möchtest du vielleicht doch lieber Blumenkohl?"

9. Tagesablauf diktieren. Von keinem Vorgesetzten lasen wir uns so diskussionslos Struktur und Rhythmus unserer Tages- und sogar Nachtzeiten aufzwingen: Stillzeiten, später Essenszeiten, Mittagsschlaf und andere Rituale sind unumgänglich, unumstößlich und bestimmen kompromisslos unseren Alltag – und übrigens auch unsere Feiertage.

10. Notdurft verrichten. Ein Kapitel für sich. Nicht nur, dass eingenässte Kleidung und Bettwäsche klaglos hingenommen werden. Das Gleiche gilt auch für Opas englischen Rasen und das gemeinsame Badewasser. Vor allem aber werden gerade die 'größeren Geschäfte' häufig noch frenetischer bejubelt als die frühen Kunstwerke (siehe Platz 6). Sie werden nicht selten sogar zum Mittelpunkt intensiver Konversationen mit anderen Eltern, in denen man sich über Farbe, Menge, Konsistenz und Häufigkeit genauestens austauscht. Ach ja, und, thematisch zumindest verwandt: Können Sie sich vorstellen, jemandem jenseits des Babyalters nicht nur zu seinem lauten Rülpser zu gratulieren, sondern ihm auch noch selbigen durch geduldiges rhythmisches Klopfen auf die Rückenpartie überhaupt erst zu entlocken…?

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Es zeigt sich also, dass Babys und Kleinkinder mitnichten die schwachen und machtlosen Geschöpfe sind, die wir mitunter in ihnen sehen. Im Gegenteil: Sie haben mit dem Moment ihrer Geburt die Erwachsenen und ihr gesamtes Umfeld mehr in der Hand, als wir uns in der Regel klar machen und verändern schlagartig deren gesamtes Leben. Und trotzdem – oder auch gerade deswegen - ist die Ankunft eines neuen Erdenbürgers in aller Regel ein Grund zu unendlicher Freude. Vielleicht liegt auch darin ein Teil des Weihnachtswunders. Bestimmt aber ein Hinweis auf den Teil der Weihnachtsbotschaft, der vermittelt, dass ein (scheinbar) kleines schwaches Kind mächtig werden, Vieles neu machen und die Welt verändern kann…