Europäer erinnern an den "Großen Krieg"

Kriegergedenkstätte, Soldatenfriedhof, Verdun, Département Meuse, Frankreich

Foto: epd-bild /Bahnmueller

Ein französischer Soldatenfriedhof in der Nähe der ehemaligen Schlachtfelder von Verdun.

Europäer erinnern an den "Großen Krieg"
Gedenken an eine Katastrophe mit 15 Millionen Toten: 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. In Frankreich, Belgien und Großbritannien laufen die Vorbereitungen für das Gedenkjahr bereits auf Hochtouren.

Wer die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs in Flandern besichtigen will, kann sich auf eigene Faust durch die kalten, schlammigen Schützengräben zwängen. Er kann bei Veranstaltern wie "Frontline Tours" oder "Battlefield Exploration" eine Erkundungsfahrt buchen. Wer das nötige Kleingeld mitbringt, kann sogar vom Hubschrauber aus auf die zerklüftete Landschaft blicken - eine halbe Stunde kostet 275, eine ganze 405 Euro.

In nächster Zeit werden geschichtsinteressierte Besucher in Flandern noch mehr Möglichkeiten vorfinden: Die Belgier bereiten sich, ebenso wie ihre westeuropäischen Nachbarn, fieberhaft auf den 100. Jahrestag des Weltkriegsbeginns im Jahr 2014 vor. "Wir wollen einen Friedenstourismus", sagt der zuständige flämische Minister Geert Bourgeois. 45 Millionen Euro haben seine Regierung und lokale Geldgeber schon in den Ausbau der Gedenkstätten investiert. Sie erwarten zwischen 2014 und 2018 einen kräftigen Anstieg der Besucherzahlen.

Im Oktober hat nun auch die Regierung Großbritanniens ihre Pläne für das Hundertjahr-Ereignis vorgestellt. Über 50 Millionen Pfund (etwa 60 Millionen Euro) will London ausgeben. Das Geld fließt nicht nur in Projekte auf britischem Boden, etwa den Umbau des Londoner "Imperial War Museum". Premierminister David Cameron will auch zahlreiche Schüler nach Belgien und Frankreich schicken, damit sie dort das Schicksal von Soldaten aus ihrem Heimatort erforschen können.

Frontgebiet soll Welterbe werden

Besonders opulent fallen die Vorbereitungen zur "Grande Guerre"-Erinnerung aber in Frankreich aus. Zeremonien, Konzerte, Tagungen und unzählige andere Ereignisse sind geplant. Heiß diskutiert wird im Moment, ob die Urne des Kriegsschriftstellers Maurice Genevoix im Jahr 2014 in die Pariser Ruhmeshalle Panthéon gebracht wird. Frankreich und Belgien wollen auch erreichen, dass das ehemalige Frontgebiet UNESCO-Weltkulturerbe wird.

Deutschland hingegen, in dessen Erinnerungskultur der Erste Weltkrieg einen völlig anderen Stellenwert hat, hat noch kein offizielles Programm. "Der Erste Weltkrieg ist ein Ursprungsmythos des modernen Frankreich", sagt der Geschichtswissenschaftler Arndt Weinrich vom Deutschen Historischen Institut in Paris. Die Erinnerung schweiße die Franzosen bis heute zusammen. "Darauf möchte die Regierung zurückgreifen, um das Gefühl der nationalen Einheit zu erneuern - gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten."

Hohe Opferzahlen in Frankreich und Großbritannien

Dass der Krieg den Franzosen noch so stark im Gedächtnis ist, erklärt Weinrich unter anderem mit den hohen Opferzahlen. Im Ersten Weltkrieg starben 1,3 Millionen französische Soldaten, im Zweiten Weltkrieg 250.000. In Großbritannien sind die Verhältnisse ähnlich: Das Land hatte im ersten Krieg eine Million, im zweiten etwa 370.000 tote Soldaten zu beklagen.

In Deutschland dagegen ist die Situation umgekehrt. Im Ersten Weltkrieg ließen zwei Millionen, im Zweiten Weltkrieg mehr als fünf Millionen Soldaten ihr Leben. Vor allem beherrscht heute die Erinnerung an die Schrecken des Holocaust den Blick in die deutsche Vergangenheit. "Der Holocaust im Zweiten Weltkrieg ist die politische DNA der heutigen Bundesrepublik", urteilt Weinrich.

Das Auswärtige Amt in Berlin muss sich nun überlegen, wie es mit den Wünschen und Erwartungen der europäischen Nachbarn umgeht. Gerade Frankreich möchte die Deutschen bei seinen Feiern dabei haben. "Hand in Hand mit Deutschland, unserem Partner seit mehr als 50 Jahren" wolle man der Aussöhnung und des Friedens gedenken, steht etwa im französischen "Zimet"-Bericht über die Feierlichkeiten.

Ausstellungen und Tagungen geplant

Für dieses Interesse bedankt sich Deutschland: "Die Bundesregierung ist dankbar für die Absicht vieler Partner, deutsche Teilnehmer in die Veranstaltungen einzubeziehen", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts dem Evangelischen Pressedienst (epd). Deutschland sei in viele internationale Planungen zum Weltkriegsgedenken einbezogen. "Im Inland zeichnen sich vielfältige Initiativen wie Historikertagungen und ortsgeschichtliche Ausstellungen ab."

Die Zeit zwischen 2014 und 2018 "bietet durchaus eine Gelegenheit, das Europa-Gefühl zu stärken", sagt der Historiker Weinrich. "Sie kann auf symbolischer Ebene eine Chance sein." Belgien, Frankreich und Großbritannien laden alle Deutschen ein, ihre Gedenkstätten zu besuchen. Gerade für Bundesbürger, die ihre Familiengeschichte erforschen wollen, könnte sich eine Reise lohnen: In Westeuropa liegen unzählige deutsche Soldaten begraben, etwa auf dem Friedhof von Langemark in Flandern.

Wettrüsten und machtpolitische Rivalitäten in Europa führten im Sommer 1914 zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Deutschland und Österreich-Ungarn kämpften gegen Frankreich, England und Russland. Weitere Staaten und Kolonien traten in den Krieg ein. Am 11. November 1918 musste sich das Deutsche Reich bedingungslos seinen Gegnern ergeben. Nach vier Jahren zermürbenden Stellungskrieges, nach dem Einsatz von Artillerie, Panzern, Flugzeugen, U-Booten und Chemiewaffen, gab es fast 15 Millionen Tote. Rund fünf Millionen Menschen starben an der Westfront. Mit dem Ersten Weltkrieg gingen die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und das russische Zarenreich unter. Deutschland wurde erstmals in seiner Geschichte zur Republik.