Bestechen und Bestatten

Zwischen Urnen und Särgen: Seit rund dreißig Jahren arbeitet Günter Luhmann als Bestatter im Berliner Westend. Dort war er der erste.

Foto: Theresa Becherer

Zwischen Urnen und Särgen: Seit rund dreißig Jahren arbeitet Günter Luhmann als Bestatter im Berliner Westend. Dort war er der erste.

Bestechen und Bestatten
Konkurrenz belebt das Geschäft? Nicht, wenn das Geschäft der Tod ist. Eine Geschichte von fünf Bestattern, einem Krankenhaus und zu wenigen Leichen

Vor drei Stunden ist Christel Schöning* verstorben. Jetzt ist sie verschwunden. Entführt. Im Gerichtsprotokoll wird später zu lesen sein: "Die Hinterbliebenen wurden umgehend darüber informiert, dass ihre Mutter von einem Bestatter gekidnappt wurde.“

"Leichen bergen“. So nennen es Bestatter, wenn sie Verstorbene vom Sterbebett in die Kühlkammer verlegen. Für eine solche Überführung brauchen sie die Erlaubnis der Angehörigen oder eine Vollmacht des Toten. Alles andere ist illegal. Doch im Berliner Bestattungsgewerbe laufen die Geschäfte oft nach eigenen Gesetzen.

Jeden Tag sterben in der Stadt über 80 Menschen. Mehr als doppelt so viele Bestatter reißen sich darum, sie zu begraben. Nirgendwo im Land ist der Kampf um die Leichen gnadenloser.

Fünf Bestatter, die auf die Toten lauern

Am Tag nach der Entführung des Leiche ruft der Bestatter die Tochter an: Die Verblichene sei bei ihm, die Telefonnummer habe er aus der Krankenakte, bliebe noch zu klären, wie sie sich die Beerdigung wünsche: Feuer- oder Erde? Dass die Enkelin schließlich die Firma "Bauschke“ beauftragte, freut Günter Luhmann noch heute. Liegt doch sein Geschäft nur wenige hundert Meter entfernt von dem des voreiligen Kollegen. Als Luhmann das Bestattungshaus "Bauschke“ in Westend kaufte, war der Familienbetrieb der Einzige vor Ort. Doch die exklusive Lage direkt neben dem Krankenhaus zieht schnell die Konkurrenz an.

Neben "Bauschke“ lassen sich bald vier weitere Bestatter nieder: Neben "Grieneisen“ und "Global Bestattungen“ gehen die Bestattungsinstitute "Westend“ und "Sarg-Discount“ in Stellung. Alle lauern sie auf Tote, wie die Spinne im Netz. Hat einer einen Kunden am Wickel, wird dieser so lange umgarnt, bis der Auftrag zur Beerdigung unterschrieben ist.

Dunkler Anzug, penibel geputzte Schuhe und Brillengläser, unter dem Schnauzer ein Lächeln: Günter Luhmann ist die Pietät in Person. Wie lange eine Bestattungsfirma überleben kann, hängt – mehr als in anderen Branchen – von ihrem Ruf ab. Freilich schadet es da nicht, den guten Ruf der Konkurrenz ab und an mit kritischen Untertönen zu ramponieren. Luhmann ist im Gegensatz zur Konkurrenz ein ehrbarer Bestatter. Sagt er. Er besteche kein Pflegepersonal, damit sie die richtige Adresse empfehlen und tausche im Krematorium nicht heimlich den teuer bezahlten Sarg gegen eine billige Kiste aus. Doch "der da drüben fischt die Leichen aus dem Krankenhaus schon vor allen anderen ab“, verrät Luhmann.

Desinfizieren, Anziehen, Einsargen

"Der da drüben" heißt Marco Witt und macht Luhmann zu schaffen. Seit "Westend Bestattungen“ "Bauschke Bestattungen“ direkt gegenüber liegt, ist die andere Straßenseite feindliches Terrain. Marco Witt ist ein ehrbarer Bestatter. Sagt er. Schließlich habe er seinen Beruf tatsächlich noch gelernt: Desinfizieren, Anziehen, Einsargen. "Die anderen sehen doch gar keine Leichen mehr.“ Das klingt abfällig und die Zahlen sprechen für ihn: Rund 90 Prozent der Bestatter in Berlin beschäftigen für den Leichentransport Fuhrunternehmen. Diese wiederum bezahlen Subunternehmer, um die Toten zu präparieren. Auch Luhmann spart so Zeit und Geld.

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Marco Witt besitzt ein eigenes Fuhrunternehmen. Und Luhmann behauptet, die Kunden blieben so gleich bei Witt kleben. Für ihn falle schließlich kaum noch eine Leiche aus dem Krankenhaus ab. Doch Witt lockt : Über der Ladentür prangt die Aufschrift: "der-preiswertbestatter.de“ und die Plakate im Fenster versprechen eine All-inclusive-Reise ins Jenseits für 949 Euro.

2004 strichen die Krankenkassen das Sterbegeld, mit dem Angehörige bis dahin die Bestattung zahlten. Seitdem muss jeder selbst zusehen, wie er die Verwandtschaft unter die Erde bekommt. Solange der Preis stimmt, ist vielen egal, wie und wo die Leiche begraben wird. Oft ist das Geld knapp, die familiäre Bindung locker und die christliche Ehrfurcht vor dem Tod überwunden.

"Provokativ, aber nicht pietätlos. Preiswert, aber nicht billig"

"Sarg-Discount“ heißt die Firma von Hartmut Woite und erinnert mit seinen braunen Kacheln an der Außenfassade eher an eine Metzgerei aus alten Tagen. Vergeblich versuchte die Bestatter-Innung den Namen zu verbieten. Als Woite im Fernsehen behauptete jeder zweite Bestatter würde nur durch Bestechung an Leichen kommen, schloss man ihn schließlich ganz aus der Innung aus. Dennoch, Hartmut Woite ist ein ehrbarer Bestatter. Sagt er. Häufig kämen enttäuschte Kunden mit überzogenen Rechnungen der Mitbewerber zu ihm. "Die verkaufen zu einem überteuerten Sarg oft auch noch Griffe, die überhaupt nicht nötig sind bei der Einäscherung“, erzählt er.

Als Hartmut Woite in den 80ern die teuren Autos der Reichen vor Aldi parken sieht, denkt er sich, was beim Essen klappt, geht auch bei den Toten. Wenig später eröffnet er eine der ersten Discount-Bestattungen der Stadt. "Provokativ, aber nicht pietätlos. Preiswert, aber nicht billig“, befand Woite und hatte Erfolg. Woite importiert Särge und exportiert Leichen. Der Friedhof in Tschechien, wo er die Körper verbrennen und die Urnen verbuddeln lässt, sei dank ihm richtig schön geworden. Er sei eben ein guter Geschäftsmann. Kein Betrüger.

"Vorsorgevertrag“ ist des Grablegers Lieblingswort. Es sorgt für rosige Aussichten: Der Kunde weiß, in welcher Urne seine Asche ruhen wird, der Bestatter weiß, das Geld ist ihm sicher. Auf der Suche nach sterbewilligen Kunden und deren Unterschriften sind Pflegeheime und Krankhäuser längst zur Pilgerstätte für Totengräber geworden. Manche Häuser halten dabei exklusiv nur einem Bestatter die Tür auf. Gegen ein kleines Eintrittsgeld versteht sich. "Zu Weihnachten hat der Kollege nebenan einem Verwaltungschef einen Mercedes geschenkt.“ Das jedenfalls will Luhmann gehört haben. Woite versuchte es bei einem anderen Heim mit einer Münzsammlung. Das lehnte dankend ab. Die Konkurrenz hatte offenbar mehr zu bieten.

 

* Name von der Redaktion geändert