Mehr als eine Schultüte

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Foto: Karola Kallweit

Mehr als eine Schultüte
Die Einschulung ist ein wichtiger Einschnitt im Leben eines Kindes - aber auch für die Eltern beginnt eine neue Zeit. Bei diesem Schritt tut Kindern und Eltern seelsorgerliche Begleitung gut: Einschulungsgottesdienste werden besonders gut besucht, auch von Nicht-Kirchgängern und Muslimen.

"So, jetzt melden sich doch mal alle Kinder, die heute eingeschult werden!" Mindestens ein Dutzend Ärmchen schellen in die Höhe, als Pastoralreferent Martin Ross von der katholischen Heilig-Kreuz-Gemeinde in Bad Homburg den Gottesdienst mit diesen Worten beginnt. Den Kindergesichtern ist beides abzulesen: Vorfreude und Furcht vor dem Unbekannten, das auf sie zukommt. Die Kirche ist zum Einschulungsgottesdienst an diesem Morgen gut gefüllt. Das Sonnenlicht strahlt in den modernen katholischen Sakralbau. Kein Tand, keine weihrauchgeschwängerte Luft. Der Schmuck der Kirche sind die Gottesdienstbesucher, die sich heute besonders herausgeputzt haben. Schicke Anzüge an den Vätern, die Mütter in luftigen Sommerkleidern und die Mädchen und Jungs in ihren Lieblingsfarben.

Die Einschulung ist ein besonderer Moment für ein Kind. Es ist der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Deshalb gibt es zu diesem Anlass auch Gottesdienste - evangelische, katholische und manchmal auch ökumenische. Es ist ein klassischer Schwellengottesdienst. Denn es gilt eine Schwelle zu überwinden, einen Übergang nicht nur für die Kinder sondern im Grunde für alle Beteiligten. Für die Kinder ist es der Übergang vom Kindergartenkind zum Schulkind, für die Eltern ist es die Erkenntnis, dass sie ihr Kind nun ein Stück weit loslassen müssen, da es nun einen selbständigeren Weg einschlagen wird. Und auch für die Lehrer steht ein Wechsel bevor: Sie haben eine Klasse abgegeben und werden nun viele neue Gesichter und Persönlichkeiten kennen lernen.

Immer mehr Eltern in den Gottesdiensten

An seinen eigenen Einschulungsgottesdienst kann sich Martin Ross kaum erinnern, nur daran, dass seine Eltern nicht mit dabei waren. Seit 17 Jahren ist er Pastoralreferent in der Heilig-Kreuz-Gemeinde. Auffällig sei, dass in den letzten Jahren immer mehr berufstätige Väter, Eltern insgesamt zu den Feiern kämen. So viele, dass er sich irgendwann überlegte, wie er auch sie mit in den Gottesdienst mit einbeziehen könnte. Dafür gibt es die Fürbitten. Alle Familienmitglieder können auf kleine Zettel ihren ganz persönlichen Wunsch für ihr Kind schreiben.

Inhaltlich würden sich die Fürbitten unterscheiden, so Ross. Während die Großeltern Wert auf Gottvertrauen und Gelassenheit legen, sind die der Eltern praktischerer Art: "Vom sicheren Schulweg, über nette Mitschüler und gute Noten, eben näher am Leben dran." Es sei ihm ein Anliegen, dass Menschen sich in all diesen Wünschen und Hoffnungen bestärken lassen können.

Einschulungsgottesdienste haben in Deutschland eine lange Tradition. Es gibt sie heutzutage fast flächendeckend in der gesamten Republik. In Ostdeutschland sind es zwar immer noch weniger als in Westdeutschland, aber sie erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. In der DDR gab es Schulanfangsgottesdienste, die am Sonntag stattfanden. "Das war dann aber noch mal etwas anderes", so Kirsti Greier, Referentin für Kindergottesdienste und Kirche mit Kindern beim Comenius-Institut in Münster. "Es ist 'Kirche bei Gelegenheit' und es ist eine gute Gelegenheit", findet Greier. Zu solchen Gottesdiensten würden auch die Menschen kommen, die normalerweise keine Kirchgänger seien.

"Wie du bist, bist du geliebt"

In der Kirche in Bad Homburg stimmt die kleine Einschulungsgemeinde das Lied "Unser Freund heißt Jesus Christ" an. Ein kleines Mädchen, in rosageblümtem Kleid und mit Spange im blonden Haar sitzt etwas unruhig zwischen ihren Eltern. Die folgen andächtig dem Gottesdienst, während das Mädchen die Kirche und die anderen Besucher neugierig betrachtet. Dann popelt sie in der Nase, ganz unfeierlich, aber zufrieden. Was kommt jetzt, welche Lehrer und Klassenkameraden werde ich haben, wie sieht mein Klassenzimmer aus? Das sind die Fragen, die wohl alle Kinder beschäftigen, neben der Frage, was in der Schultüte sein wird. Pastoralreferent Ross denkt ein bisschen weiter: "Was möchte ich denn meinem Kind über die Schultüte hinaus mit auf den Weg geben?"

So ist der vielleicht wichtigste Moment im Gottesdienst die Segenshandlung. Die hat für die Kinder eine große Bedeutung. "Die Herausforderung ist, nicht nur zu vermitteln, dass jetzt der so genannte Ernst des Lebens beginnt sondern, dass es das Evangelium gibt und zu sagen‚ wie du bist, bist du geliebt und kannst jetzt so gesegnet deinen Weg gehen'", sagt Greier. Es sei ein einmaliges Erleben, so Ross, der seine eigenen Kinder so oft es geht segnet, wenn die sich auf den Weg machen. "Kinder sollen spüren, dass es ein besonderer Tag ist, ein Entwicklungsschritt in meinem Leben, der feierlich begangen wird und an dem ich eine persönliche Zuwendung bekomme, einen symbolischen Segen, eine Bestärkung für den Glauben." Je eindrücklicher ein Gottesdienst, desto eher erinnern sich Kinder daran.

Ein Segen und ein Plastikengel mit Reflektoren

Auch Kirsti Greier, die selbst jahrelang Pfarrerin einer Gemeinde war, bestätigt das: "Es ist ja ganz oft so, dass die Kinder einzeln gesegnet werden. Eine Segenshandlung mit Handauflegen, das bleibt bei ganz vielen haften. Ich erinnere mich, da waren Kinder, die man sonst nicht so im Gemeindedunstkreis hatte, die aber sehr wohl wissen, 'Du hast mich eingeschult'."

Ganz hinten in der letzten Kirchenbank hat sich ein buntes Grüppchen zusammengefunden. Zwei Schulanfänger, ein Junge und ein Mädchen, sitzen neben ihren Müttern. Die eine Mutter heißt Deyanira und ist katholisch, die andere Özlem und ist Muslima. Sie seien Nachbarinnen, nicht nur auf der Kirchenbank, sondern auch im Leben. Die Kinder würden nun auch zusammen eingeschult.

Als Pastoralreferent Ross energisch und mit hessischem Akzent das Vaterunser schmettert und alle zum Gebet aufstehen, tut es ihnen die muslimische Besucherin nach. Ross wird sich nach dem Gottesdienst erinnern: "Die waren ganz fröhlich bei der Sache und haben sich auch ganz herzlich bedankt." Schließlich ruft Martin Ross alle Kinder nach vorn. Dort holen sie sich den Segen und einen kleinen Plastikengel mit Reflektoren ab. Ein Schutzengel für dunkle Tage. Özlems Sohn Eneskin kommt grinsend zurück. Ihm gefällt das alles sehr gut hier, stellt er zufrieden fest.