Sport im Fernsehen: Hochkonjunktur für Weichspüler

Weichspüler

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Weichgespült: In der Sportberichterstattung gibt es zu wenig kritische Distanz, meint Ralf Siepmann.

Sport im Fernsehen: Hochkonjunktur für Weichspüler
Das TV-Megaevent London 2012 glimmt noch nach. Schon in wenigen Tagen wird die Fußball- Bundesliga mit dem Start in ihre 50. Saison wieder die Bildschirme erobern. Die Teletotalpräsenz von Olympia und anderen großen Sportereignissen überlagert vieles, nicht aber die Defizite an Kritik und Distanz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Private Qualitätsmedien und Blogger springen in die Bresche.

Deutschland im Olympia-Rausch. Bei Robert Hartings Diskuswurf zur ersten Goldmedaille eines deutschen Leichtathleten seit 2000 fieberten 10,3 Millionen TV-Zuschauer im ZDF mit dem Sportler. Im Olympia-Fieber agierten auch die meisten Reporter. Gab es in den ersten mageren Tagen mal einen deutschen Sieg wie im Ruder-Achter, brachen alle Dämme. Die erste Silbermedaille von Britta Heidemann wurde gefeiert wie Spuren menschlichen Lebens bei der Marsexpedition.

Gingen die Schwimmer quasi unter, menschelte es. Trost wurde erteilt und auf Boulevard umgeschaltet. Exemplarisch die journalistische Wende der ZDF-Reporterin Katrin Müller Hohenstein am Beckenrand nach Britta Steffens x-ter Niederlage, die sich auf die begleitende "Mama" verlegte: " Schauen Sie mal, die hat sich richtig schick gemacht: Schwarz-Rot-Gold auf den Fingernägeln." Von kritischer Distanz, die die Professionalität des Journalismus ausmacht, keine Spur.

Die Reporterin lässt Steffen sogar den Satz durchgehen, sie freue sich nach ihrem Ausscheiden nun darauf, "ganz entspannt" die weiteren Wettkämpfe verfolgen zu können. Wäre da nicht die Franziska von Almsick, Ex-Schwimmstar und "TV-Expertin", mit am Mikrophon, würde es weiter weiße Salbe quillen. Sie allein bringt Begriffe wie Motivation und Konzentration ins Spiel, hinterfragt Steffens Ablenkungsmanöver. Der harmonisierende Umgang mit Verlierern, der glorifizierende mit "unserem Olympia-Helden"("Bild" über Harting) ist in einer mehr und mehr auf Boulevard und Sensation erpichten Medienwelt vielleicht nicht verwerflich. Prinzipiell ist er hingegen Symptom eines verhängnisvollen Trends in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, der seit dem Aufkommen der kommerziellen Konkurrenz zu beobachten ist.

Pathos, Zuspitzung, Heldenverehrung

Hochkonjunktur für Weichspüler - das Gefälle zwischen kaum noch verhohlener Kumpanei und der gebotenen professioneller Distanz wird immer größer. Es wächst mit jedem Sport-"Event", nahezu mit jeder Saison der Bundesliga schneller als der Bizeps der Gewichtheber bis 105 Kilogramm.

Über die Rolle der Sportjournalisten im Millionengeschäft Fußball räsonniert der Fachjournalist Ronny Blaschke, sie pflegten Pathos, Zuspitzung, Heldenverehrung. "Doch wenn sich die Mehrheit mit Inszenierung beschäftigt, wer beobachtet und kontrolliert dann das System, das den Sport umgibt?"

Dieses "System", hat seine hässliche Seite fürwahr gezeigt. Kommerzialisierung, Korruption, Doping, Medien, die den Vereinen dank lukrativer TV-Gelder Spielpläne diktieren und Fangruppen brüskieren. Dies sind Stichworte, die die Spitze des Eisbergs benennen. Doch die Offenbarung der Kehrseite der (olympischen) Medaille hat im Kern nichts dazu beigetragen, die Schieflage zwischen inszenierender und investigativer Berichterstattung zu korrigieren. Statt vermittelnde und kritische, Hintergründe analysierende Instanz zu sein, hat sich das Berufsbild des Sportjournalisten in der Praxis von dem eines Mittlers zum Verkäufer einer immer teurer werdenden TV-Ware verfremdet.

Fernsehsport ist kein Breitensport

Nur mal zur Erinnerung: Es waren nicht primär die Sportchefs von ARD und ZDF, sondern die Intendanten, die die Live-Übertragung der Doping-kontaminierten Tour de France stoppten. Nur mal am Rande: Von Jahr zu Jahr wird die Kritik von berufener Seite an der Ignoranz in den Redaktionen gegenüber dem Breitensport schärfer. Bei den Medientagen München 2011 sagte der Sportwissenschaftler Michael Schaffrath (TU München), Sport im "Ersten" heiße nach Erhebungen überwiegend Fußball, Wintersport und Boxen. Den Rest müssten sich die Breitensportarten teilen. Allerdings rangiere die Berichterstattung über dieses Spektrum keineswegs auf dem Niveau der "Leuchtturm-Sportarten", auch nicht in den Dritten Programme. ARD und ZDF, brachte es Stelian Moculescu, Volleyball-Cheftrainer des VfB Friedrichshafen, auf eine Formel, förderten durch ihre quotengetriebene Ausrichtung an wenigen Spitzensportarten unter Missachtung ihrer Programmverantwortung "geradezu das Desinteresse am Breitensport".

Am TV-Fußball lässt sich die Denaturierung des Metiers wohl am besten festmachen. Ende der 80-er Jahre kippte RTL die ARD-"Sportschau" mit einem Budget von rund 40 Millionen DM (!) für die Bundesligarechte pro Saison. Zuletzt zahlten die öffentlich-rechtlichen und die privaten Anbieter für dasselbe Paket etwa das 20-fache. In der Konsequenz darf man sich nicht wundern, dass "Sportschau" und ZDF-"Sportstudio" zu Werbeshows für die Ware Fußball mutiert sind, zu Lasten von Analyse und Kritik, auf Kosten der Vermittlung des Breitensports, unter Umgebung von Essentials des Programmauftrags. Die Akzentverschiebung in der Breite des Medienangebots hin zu Unterhaltung, Personalisierung und Skandalisierung hat sich längst auch der Dramaturgie des Fußballs im Fernsehen angenommen. Gepaart mit sprachlicher Armut von Reportern nach dem Muster "da lag die Abwehrreihe wieder mal im Tiefschlaf" und einer Dominanz der Stereotypen.

Aus Außenseitern sind Insider geworden

Aus den "Außenseitern des Berufs" - so benannte der Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg 1976 seine Studie über die Sportjournalisten - sind längst Insider geworden. Sie agieren im und mit dem System Sport in seinen wirtschaftlichen Interdependenzen, manche profitieren auch von ihm. "Leider", bedauert der Ende 2011 altersbedingt aus der Sportredaktion des Deutschlandfunks ausgeschiedene Herbert Fischer-Solms, "findet eine intellektuelle Auseinandersetzung in unserem Berufsstand selten statt." Die sportpolitische Stimme des Senders zählt mit über 3.000 "Sportgesprächen" zu den wenigen in der Szene, die über Jahrzehnte die Beobachtung der Maßlosigkeit des Sports zum Maß des eigenen Tuns erwählt haben. Mit ihm, bilanzierte "der Freitag", gehe der "alte Sportjournalismus".

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Wenn dies eine Metapher für die Selbstverständlichkeit des Kritischen sein sollte, ist der resignative Ton angebracht. Ob das Deutschlandradio als einsamer öffentlich-rechtlicher Hort kritischer Standards die Qualität seine Sportmarken im Kölner wie im Berliner Programm ("Nachspiel") auf Dauer halten kann, ist völlig offen. Ein Indiz hierfür könnte die gerade erfolgte Trennung des Deutschlandfunks von seinem langjährigen freien Mitarbeiter Jens Weinreich sein. Der frühere Sportchef der "Berliner Zeitung", jetzt freier Sportjournalist und Blogger, ist durch seine investigativen Recherchen, etwa in den Fällen Pechstein und Samaranch, und seine Kontroverse mit dem damaligen DFB-Präsidenten Zwanziger bekannt geworden.

"Interviewjournalismus" statt Recherche?

Nachdenklich muss die Argumentation der Journalistin Grit Hartmann stimmen, die zu Beginn des Jahres aus freien Stücken ihre Mitarbeit für den Deutschlandfunk-Sport aufgab. In der Kölner Redaktion habe es mit dem Personalumbau einen "Qualitätseinbruch" gegeben. Ein so genannter Interviewjournalismus habe Raum gewonnen, mit wenig Distanz, mit wenig Kompetenz "auch, in einer Form, die ich als PR bezeichne, weil Bühne geboten wird für Selbstdarstellungen von Sportfunktionären, populären Bundesligamanagern oder Trainern".

Wer regelmäßig und verlässlich eine Sportberichterstattung jenseits des Mainstreams sucht, ist weitgehend auf "Spiegel", "SZ, "FAZ" und einige weitere private Qualitätsmedien angewiesen. Oder Blogger wie Weinreich. Oder auf Recherchen einzelner Journalisten wie Niklas Schenck und Daniel Drepper, die für die WAZ-Mediengruppe arbeiten. Einzig ihrer Hartnäckigkeit ist zu verdanken, dass das Bundesinnenministerium die Olympia-Zielvereinbarungen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) mit den Sportverbänden noch vor Ende der Spiele von London offenlegen musste.

Öffentlich-rechtlicher Sportjournalismus in der Defensive

Obwohl ARD und ZDF überwiegend gebührenfinanziert sind und nicht per se unter dem Diktat der Reichweite sehen, agiert Sportkritisches – abgesehen von der Etablierung einer Dopingredaktion in der ARD nach dem "Tour"-Debakel - in der Defensive. Dies gilt selbst für das letzte verbliebene TV-Magazin in der ARD, das den Sport eben nicht als "schönste Nebensache der Welt" thematisiert. "Sport Inside" im WDR Fernsehen, montags in der 22.45-Uhr-Nische, geht zwar engagiert Konflikt- und Tabuthemen an. Doch verraten schon die Auswahl mancher Themen und die oft gehetzte (Musik)-Dramaturgie des Formats, wie stark die Redaktion unter Quotendruck zu stehen scheint.

Zurzeit ist es übrigens "in", Oldtimer" wie gerade "Dalli Dalli" (ZDF) durch den NDR zu recyclen. Es wäre schon ein erstes Zeichen, käme es zu weiteren Reanimierungen, bevor Blogger noch stärker die Sache in die Hand nehmen. Wie hießen noch die Klassiker damals? "Sportspiegel"( ZDF) oder "Sport unter der Lupe" (SWR)? Genau. An Sendetiteln wäre wohl kein Mangel.